Ausstellungsbesprechungen

Aan het Russische hof – Paleis en Protocol in de 19de eeeuw. Hermitage Amsterdam, bis 31. Januar 2010

Die Amsterdamer Innenstadt rüstet sich für die Ernennung zum Weltkulturerbe: Baustellen zeugen davon, dass die niederländische Hauptstadt in absehbarer Zeit in die erste Liga der europäischen Metropolen aufsteigen wird; darunter fallen auch etliche der großen Museen, die 2009 nur einen Sparflammenbetrieb aufrechterhielten oder in Behelfsräumen ausstellten (Rijksmuseum, Stedelijk Museum). In diese Phase fiel die Eröffnung eines der größten Museen der Stadt, der Hermitage Amsterdam, deren Name nicht von ungefähr an das berühmte Haus in St. Petersburg erinnert. Günter Baumann hat die Hermitage Amsterdam für PKG besucht.

Das neue Museum in Amsterdam ist der bislang größte Ableger der großen Eremitage (vor London, Las Vegas und Ferrara). Seit Sommer 2009 ist dort die grandiose Ausstellung »Am russischen Hof« zu sehen. Mit weitem inszenatorischem Atem bringen die Ausstellungsmacher Leben in ein historisch fernes Ereignis, kurz: Empfang beim Zaren trifft auf entsprechendes Zeremoniell. Was im 19. Jahrhundert seine größte Blüte hatte, machen unzählige – genau betrachtet rund 1800 – Kostüme, Artefakte, Bilder russischen und überhaupt europäischen Ursprungs nun gegenwärtig.

Eröffnet haben die Ausstellung der russische Präsident und die niederländische Königin, gewichtiger hätte man die Bedeutung nicht unterstreichen können. Die letzten sechs Romanow-Zaren erzählen anhand der gezeigten Exponate ihre Geschichte. Wer glaubt, das hat in Amsterdam nicht seinen Platz, der könnte sich wundern über die Beziehungen zwischen dem russischen und dem holländischen Adel – und der deutsche Besucher begegnet auch gleich den (noch engeren) Verknüpfungen mit dem Württembergischen Königshaus (die Stuttgarter Staatsgalerie zeigte 2009 das »Olga-Album« mit Aquarellen zum höfischen Leben von Königin Olga, eine kleine Replik auf die Amsterdamer Schau). Die Welt der europäischen Königshäuser, zumindest im Rückblick, wird klein zwischen Hofprotokoll und höfischem Ball. Die Faszination liegt dabei nicht nur an den ausgestellten Einzelstücken allein, sondern auch an ihrer Präsentation – Kleider von atemberaubender Schönheit drehen sich in großzügigen Glasgehäusen vor den Augen des Publikums, als sei ein Tanzsaal geöffnet worden – und nicht zuletzt am Museum selbst, das ursprünglich einmal ein Armenhaus war: Über zwei Seitenflügel sind die beiden Themenkomplexe - offizielles Protokoll und Demonstration von Macht einerseits, Gala-Diner und festlicher Glanz andererseits - gleichmäßig verteilt, Ein- und Durchblicke eröffnen verschiedene Perspektiven, kabinettgroße Räume wechseln mit Fluren und dem großen Zentralraum, an die Wand geworfene Filmsequenzen schaffen Nähe zu einer pompösen Welt, die uns allen doch eigentlich verschlossen ist, weil ohnehin vergangen, genauso wie auch der Romanow-Thron und anderes mehr, das zuweilen sogar frei steht.

Fortsetzung von Seite 1

Freilich wird auch eine Ausstellung dieser Art an der Wirklichkeit gemessen. Im September 2009 kämpfte das Museum mit kurzfristigen finanziellen Engpässen, weil die nötigen Überbrückungskredite nicht gewährt wurden – der Umbau des Gebäudes in ein Museum und die Einrichtung der Megaschau hatten Unsummen verschlungen. Das dürfte sich erledigt haben, Ende Dezember war in der holländischen Presse zu lesen, dass bereits 630000 Besucher die familientaugliche Ausstellung gesehen haben, und dass rund 10000 Exemplare des liebevoll gestalteten Katalogs verkauft wurden. Man wird künftig bei einer Tour nach Amsterdam neben einem Pflichtbesuch bei Rembrandt und Van Gogh das neue Museum nicht mehr auslassen können. Das kommende Programm der Hermitage ist nebenbei bemerkt keineswegs auf den russischen Blickwinkel beschränkt: Der klassischen Moderne mit Picasso, Matisse – und Malevitsch: ohne jenen geht es natürlich nicht – gilt die kommende Ausstellung, danach steht Alexander der Große auf der Liste.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Täglich 10 - 17 Uhr, Mi 10 - 20 Uhr

Katalog
Vjatseslav Fjodorov / Marlies Kleiterp: Aan het Russische hof. Paleis en Protocol in de 19de eeeuw. Amsterdam 2009. ISBN 978-90-78653-13-4 (niederl.), ISBN 978-90-78653-14-1 (engl.)