Ausstellungsbesprechungen

Aernout Miks verstörende Welten in Hannover – Turbulente Verwirrspiele

In den skurril-faszinierenden Videoinstallationen des Niederländers weiß man nie, was wirklich ist und was nicht. Erstmals in Deutschland zeigt der Kunstverein Hannover noch bis zum 3. Februar 2008 in der Schau Shifting Shifting aktuelle Arbeiten des Künstlers.

Betritt man die Räume des Kunstvereins sind diese so in ein Labyrinth verwandelt, das man kaum Wand von Boden unterscheiden kann. Die Projektionsleinwände sind mit dem umgebenden Raum so verbunden, dass sie den Betrachter direkt mit einbeziehen. Und der ist beim Anblick der gefilmten Katastrophenszenarien erst einmal verwirrt, gefesselt zugleich und kurz vorm Schwindel. Was ist real und was ist inszeniert? Sind wir hier inmitten eines Notfalleinsatzkommandos oder auf einem Truppenübungsplatz?

Die über die Jahre immer komplexer werdenden Filme des 1962 in Groningen geborenen Holländers kreisen um das Verhältnis von Individuum und Masse, insbesondere in Krisensituationen und Ausnahmezuständen. In teilweise aufwendig konstruierten Sets und in der Regel mit Laiendarstellern inszeniert Mik katastrophenartige Szenen, zum Teil mit grotesk-komischen Elementen. Die dokumentarisch anmutenden Videoarbeiten rufen Erinnerungen an konkrete Ereignisse wach, ohne sich jedoch auf eine bestimmte Situation zu beziehen.

Spätestens seit dem Erfolg von Reversal Room (2001) und Dispersion Room (2004) gehört Mik zu den wichtigsten Videokünstlern seiner Generation. Mit Citizens and Subjects vertrat er 2007 sein Land bei der Biennale in Venedig.

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Die Schau Shifting Shifting in Hannover umfasst vier neuere Videoinstallationen, die zusammen mit der Arbeit Park (2002) zu sehen sind. Folgt man dem Parcours zeigt Training Ground (2006) auf zwei Projektionsflächen eine Übung, bei der Polizisten die Festnahme von Flüchtlingen erproben. Irgendwann verharren die Autoritätsträger in autistischem Verhalten, werden von Weinkrämpfen geschüttelt, torkeln umher, haben Schaum vorm Mund, währenddessen die Flüchtlinge mit Holzgewehren umhermarschieren. Der Betrachter wendet sich irritiert dem nächsten Raum zu.

In Raw Footage (2006) verwendet Mik erstmals angekauftes Archivmaterial von Nachrichtensendern, das während des Balkankriegs im früheren Jugoslawien aufgenommen und bislang nicht veröffentlicht wurde. Die Brutalität des Krieges wird nicht durch spektakuläre Szenen gespiegelt, sondern durch dessen absurde Alltäglichkeit. Da das Bild des Krieges in Raw Footage den inszenierten Arbeiten Miks unheimlich gleicht und diese wiederum sehr viel authentischer erscheinen als die medial vermittelte Wirklichkeit, stellt sich auf verstörende Weise die Frage nach dem Verhältnis von Authentizität und Fiktion.

In Vacuum Room (2005) wird eine politische Versammlung in einem Gerichtssaal durch das Eintreffen einer Gruppe Demonstranten gestört. Durch die Wiederholungen der tumultartigen Situation wandelt sich das anfänglich unspektakuläre Aufeinandertreffen ins Absurd-Verstörende.

Mik stellt in seinen Filmen scheinbar alltägliche Situationen nach, die auf den ersten Blick wie Nachrichtenbilder wirken. In der von Unordnung und Chaos geprägten Welt gibt es keine erkennbare Ursache für das Durcheinander oder die immer wieder aufblitzenden Gewalttätigkeiten. Menschen erscheinen als kommunikationsunfähig, ihre Handlungen nehmen nicht direkt aufeinander Bezug, so dass sie ziellos und absurd, wie ferngesteuert oder unter Schock stehend, wirken. Nicht nur das Prinzip von Ursache und Wirkung ist ausgehebelt, auch die Linearität der Zeit scheint durch die Projektionen verwandelt. In den Raum hineinlaufende, oft gekurvte, meist nur halb hohe Wände mit Rückprojektionen, die mit dem Boden abschließen, verbinden das bewegte Bild mit dem umgebenden Raum und integrieren den Betrachter in die Arbeit. Trotz aller filmisch-narrativen Virtuosität bleiben die Videoinstallationen unauflösbar rätselhaft.

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Öffnungszeiten
Dienstag bis Samstag 12-19 Uhr
sonn- und feiertags 11-19 Uhr