Ausstellungsbesprechungen

Alles unter einem Dach. 500 Jahre Kloster – 100 Jahre Museum St. Annen, St. Annen-Museum Lübeck, bis 25. Oktober 2015

Als Präludium zu einer großen 500 Jahr-Feier, die für den Herbst geplant ist, kann man im Lübecker St. Annen-Museum eine kleine, aber feine Schau über die Geschichte des Hauses sehen. Stefan Diebitz hat sich hinter Klostermauern begeben.

Blick ins St. Annen Museum © Foto: Stefan Diebitz
Blick ins St. Annen Museum © Foto: Stefan Diebitz

Lübeck hat etliche Museen. Besonders das Behnhaus, in dem die klassische Moderne präsentiert wird, kann man gar nicht warm genug empfehlen; aber das erste Haus am Platz bleibt für die meisten Besucher immer noch das St. Annen-Museum mit seinen wunderbaren spätgotischen Räumen, in denen seit hundert Jahren Kunst, Kunsthandwerk und Kulturgeschichte präsentiert werden. Dazu zählt auch Lübecker Wohnkultur – in einem Fall wurde eine ganze Diele nachgebaut. Außerdem werden Fayencen aus der Umgebung gezeigt, aber die wohl bedeutendste Abteilung ist die größte deutsche Sammlung von Flügelaltären. Der Memling-Altar allein ist einen Besuch wert, zumal die Räume, in denen er präsentiert wird, den schönsten Rahmen für das wunderbare Bild abgeben. Immer noch, trotz harter Konkurrenz, gilt dieser Altar als das bedeutendste Kunstwerk in Lübeck.

Die Sonderausstellung präsentiert die lange Geschichte des Klosters St. Annen und des Museums in drei Räumen. Ursprünglich sollte das Haus der Versorgung der unverheirateten Patriziertöchter dienen, aber die Reformation fand schon bald nach Lübeck, und das bedeutete ein schnelles Ende für das Kloster. 1502 war der Bau begonnen worden, 1515 war das Kloster fertig, aber bereits 1542 verließen die Nonnen die Stadt wieder. Die Ausstellung weiß Interessantes über die phantasievolle Finanzierung des Klosters zu berichten: es war die Zeit der Renaissance, und offenbar wusste man nicht nur in Florenz mit (zweifelhaften?) Papieren umzugehen.

Aber mit Lübeck ging es nach dem Ende der Hanse bergab – sogar steil bergab. Die Armut wuchs, und so diente das Klostergebäude im 17. Jahrhundert als Armen- und Waisenhaus – es müssen Zustände geherrscht haben, die man sich gar nicht schrecklich genug vorstellen kann. Es scheint kaum glaublich, dass sich in den nicht allzu großen Räumen mehrere hundert, vielleicht sogar tausend Menschen aufhielten, die natürlich auch arbeiten mussten.

Im 19. Jahrhundert gab es zwei dicht aufeinander folgende Brandkatastrophen, denen unter anderem die leider nie wieder neu errichtete Klosterkirche zum Opfer fiel; an ihrer Stelle – also tatsächlich auf den Grundlinien ihres Fundaments – steht heute die Kunsthalle, auf deren nackten Betonmauern sich zur Freude der Künstler die meist großformatigen und sehr bunten Arbeiten der Gegenwart sehr gut präsentieren lassen – Arbeiten, die unter gotischen Gewölben und in den Nischen der Gänge doch eher deplaciert wären. Auch die Brände werden in der Ausstellung thematisiert.

1915 zogen endlich die Schätze der Stadt ein; angeblich finden sich heute ungefähr einhunderttausend Einzelstücke in den Magazinen. Ursprünglich – das wird im ersten Raum der Ausstellung veranschaulicht – war es ein ziemliches Kuddelmuddel mit Ursprüngen im 18. Jahrhundert, denn lange Zeit war keinesfalls systematisch gesammelt worden, sondern alles Mögliche wurde zusammengestellt, wenn es nur irgendwie selten und exotisch schien. Im 19. Jahrhundert war dann Carl Julius Milde (1803 – 1875) der große Organisator der Sammlung. Milde, Zeichenlehrer am Katharineum, war auch ein begabter Künstler, von dem sich im Kölner Dom ein 22 Meter hohes Fenster findet. In Mecklenburg und Lübeck leistete er Bedeutendes als Restaurator, und dazu schuf er den eigentlichen Grundstock des St. Annen-Museums, indem er unter anderem die Schätze des Burgklosters rettete.

Die Mitarbeiter des Museums sind stolz darauf, dass es von Anfang an die Bürger waren, die dieses Haus stifteten und immer wieder entweder die Stücke selbst schenkten oder teils beträchtliche Geldmittel bereitstellten. So war es bereits im 16. Jahrhundert. 1926 wurde zur Finanzierung eine einmalige Lotterie organisiert, deren hölzerne Lostrommel mit dem lübschen Doppeladler jetzt zu den Ausstellungsstücken gehört. Es waren (natürlich! werden Spötter jetzt sagen) Marzipankugeln zum Preis von einer Reichsmark, in denen sich die Lose versteckten. Trotz erstaunlich großzügiger Geldpreise kamen tatsächlich 360.000 Reichsmark für das Museum zusammen, mit denen unter anderem die Gipsabformungen von im Lübecker Raum verteilten Skulpturen finanziert wurden; eine sehr schöne Pietá gehört jetzt zu den Ausstellungsstücken.

Die ganze Ausstellung ist interessant und perspektivenreich, aber eher kultur- als kunstgeschichtlich ausgerichtet; es wäre wünschenswert gewesen, die extrem hochwertige sakrale Kunst des Hauses mehr in den Mittelpunkt zu stellen.