Ausstellungsbesprechungen

Aristide Maillol. Der Zauberer einfacher Formen. Bildhauer – Maler – Zeichner – Graphiker

Mit der Retrospektive „Der Zauberer einfacher Formen. Aristide Maillol. Bildhauer – Maler – Zeichner – Graphiker“ soll an das im Auftrag von Harry Graf Kessler aus Weimar vor 100 Jahren gefertigte erste monumentale Hauptwerk „La Méditerranée“ (1905) erinnert werden.

Mit diesem Auftrag konnte Aristide Maillol (1861-1944) seinen internationalen Ruf als Erneuerer der europäischen Plastik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begründen. Maillol, der seine künstlerische Wurzeln in der Malerei und der Tapisserie-Kunst im Stil Gauguins und der Nabis hatte, widmete sich erst seit 1895 der Bildhauerei, deren Gesetze und Formensprache er völlig neu definierte, nachdem er sich von der dekorativen und anekdotischen Plastik des 19. Jahrhunderts radikal abgewandt hatte. Auf der gemeinsam mit Harry Graf Kessler unternommenen Reise nach Griechenland im Jahr 1908, fand Maillol in den antiken Skulpturen die Quelle, aus der er für seine neuklassizistische Gestaltung seiner „Idee der reinen Plastik“ mit vereinfachten, statuarischen, monumental anmutenden rundplastischen Formen, die er entweder mit seinen Händen aus Ton formte oder aus dem Stein herausmeißelte. Mit dieser Rückbesinnung auf die griechische Skulptur und die reine Linienführung des französischen Klassizisten Ingres avancierte Maillol – im Gegensatz zu seinem Antipoden Rodin, der seine Kunst im realistischen Detail und den dramatischen Effekten verwirklicht sah – zum „Meister der Masse, der runden Fülle körperlichen Blühens, das ans Licht strebt.“ (Harry Graf Kessler)

Mit voluminösen, sinnlich weiblichen Figuren, mit „wunderbarer Arabeske der Linien und deren knapper Zusammenfassung“ schuf Maillol eine plastische „Liebespoesie“, wie es Harry Graf Kessler so treffend formulierte. Diese Liebespoesie kommt in den Werken Maillols besonders dadurch zum Ausdruck, da die weiblichen Wesen nicht der Welt und der Diesseitigkeit enthoben sind, sondern in ihrem geschlossenen Volumen, in ihrer harmonischen Ausgewogenheit und ihrem ruhigen Ausdruck, der das Gefühl des „mit sich im Reinen sein“ vermittelt, eindrucksvoll dargestellt sind. Somit ist „das Wesentliche ihrer Schönheit das Wunder einer beglückenden Harmonie ihrer Massen.“ (Harry Graf Kessler)

In der Ausstellung im Kunsthaus Apolda sind sowohl Radierungen, Holzschnitte, Zeichnungen, Lithographien als auch Plastiken eines wunderbaren Künstlers zu sehen, der wie kein anderer sich der Plastik mit behutsamen, bisweilen zärtlichen Händen zu nähern scheint.

So schreibt Julius Meier-Graefe 1904 über die prachtvollen Menschenleiber Maillols: „Maillol scheint mir genial zu sein, da er mit natürlicher Begabung subjektiv ganz selbständig schafft. Stets sind seine Körper in vollendeter Ruhe, kein erregter Muskel wie bei Rodin stört die klare, gewölbte Fläche. Er hält alles zurück, was das vollendete Ebenmaß stören könnte.“ (Harry Graf Kessler)

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Bereits in den Ausstellungsräumen des Erdgeschosses treffen wir auf Werke, die den Betrachter ganz in den Bann ziehen, da sie von derartiger Schönheit und mystischen Atmosphäre umgeben und von einer wundervollen Erhabenheit durchdrungen sind. Als Exempel sei die faszinierende Bronze der „Méditerranée“ genannt, die 1902/05 entstand und ein ganz besonderer Edelstein der Ausstellung verkörpert, ist sie doch Maillols erste monumentale Plastik. Von vielen Autoren wird gerade die „Méditerranée“ als leitverbindliches Paradigma für alle noch folgenden Gestaltungsmomente herangezogen. Es scheint in dieser Bronze sowohl die gesteigerte plastische Formstrenge, die statische Festigkeit, der architektonische Aufbau, das Gleichgewicht der Massen, die Natürlichkeit und die „einfache“ Haltung vereint. Und doch liegt eine gewisse Schwermut und Niedergedrücktheit in der Haltung der Frauengestalt. Eine Spannung und Unruhe erstrecken sich unter der imaginären Haut und ihre tiefe Traurigkeit und fragile Konstitution stehen in Kontrast zu dem weiblichen, recht stark anmutenden Korpus.

Doch das Erdgeschoss birgt noch andere, von starker Intensität durchdrungene und von Traurigkeit umhüllte Gestalten. So stößt der Betrachter als nächstes auf die Bronze mit dem sprechenden Titel „Trauer“, die 1921 entstanden ist. Jene fleischige Frauengestalt ist von Traurigkeit erfüllt, die sie in ihrem Innern verschlossen trägt und nur durch ihre in sich gesunkene Haltung, ihre tiefe emotionale Bewegtheit erahnen lässt.

Die glänzenden Oberflächen der verstreut stehenden und daher sehr gut zu erkundenden Bronzen lassen die Plastik immer wieder anders erscheinen. Es ist dieser kühle, bisweilen sanfte Ausdruck, der die Plastiken mit einem geheimnisvollen Glanz umgibt. Daher schließen diese Werke ihre gesamte Umgebung in sich ein, machen sie sich zu eigen und ziehen sie letzten Endes ganz in ihren Bann. So formuliert M. Denis es mit den Worten: „Maillol verwendet die von Ingres bezeichneten Mittel: ‚Um die Schönheit der Form zu erreichen, muß man rund und ohne innere Details modellieren. Denn schöne Form ist gerade Flächen mit Rundungen.‘ Maillol vereinigt die Tugend eines Klassikers mit der Unschuld eines Primitiven.“ (M. Denis, 1905)

Interessant erscheinen unter anderem die Titel, die Maillol seinen Arbeiten gab. So etwa begegnet uns die Assoziation von Frau und Natur immer wieder, etwa in der Kohlezeichnung „Das Gebirge“ von 1937, dem Holzschnitt „Die Woge“ von 1895/98 oder der Bronze „Flora“ von 1911. Vielleicht ist es gerade diese natürliche Schönheit, die in den Flächen und Linien dominiert und der einfache Ausdruck ohne den artifiziellen Ballast, welche die Arbeiten bereichern und zu einem einzigartigen Seherlebnis machen.

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Beim Aufstieg in die erste Etage findet der Besucher erstmals eine Bronze, die einen männlichen Körper darstellt. Diese mit „Narziss“ betitelte Arbeit stammt aus den Jahren 1907/08. Erstaunlich ist der von Muskelsträngen überzogene und regelrecht hager wirkende Korpus, der Assoziationen mit Härte und körperlicher Anstrengung hervorruft. Dadurch avanciert der „Narziss“ zum Gegenpart der kurvenreichen Frauengestalten, die sich durch körperliche Fülle und Weichheit auszeichnen, wie etwa die sitzende Frauengestalt der „Leda“, die auf das Jahr 1900 zu datieren ist. Welch fantastisches Werk das Kunsthaus hier beherbergt, formulierte Auguste Rodin, als er über Maillols „Leda“ sagte: „Sie ist restlos schön, weil sie keine Neugier wecken will. Ich kenne sonst keine Skulptur, die so absolut schön ist wie diese, so absolut rein, so absolut ein Meisterwerk.“ (Auguste Rodin, 1902) An dieser Stelle sei lobenswert herausgehoben, dass das Museum den restlos schönen Arbeiten stets passende Zitate auf diskreten Tafeln beigefügt hat, so dass der Betrachter nach dem Genuss mit den Augen, in die Gedanken, die sich bereits andere Menschen über Maillols Arbeiten gemacht haben, eintauchen kann.

Beim weiteren Durchwandeln der Ausstellungsräume, gelangt man zu einem Spätwerk Maillols – den „Kopf der Dina“. Diese Bronze, die 1943 entstand, zeigt eine gelockerte Oberflächenstruktur und Modulationsweise. Von einer großen Anziehungskraft ist neben diesen doch mächtigen Werken die kleine Bronze „Mann und Frau“, die bereits 1896 entstanden ist. Es ist ein wunderschöner Anblick eines in sich zergehenden Paares. Da ist zum einen der weibliche Körper, dessen Arme im Begriff sind, sich aufzulösen und zu zerschmelzen. Es entsteht der Eindruck, als wolle die Bronze der Modulation entfliehen. Und dann gibt es zum anderen den männlichen Körper, der durch eine biomorphe Oberflächenstruktur gekennzeichnet, in einem fortgeschrittenen Stadium der Auflösung begriffen ist. Es geht ein ungemeiner Reiz von der kleinen Gruppe aus. Der kraftvolle, spannungsgeladene Frauenkörper, der sich nach hinten biegt, steht zu dem sanften, nachgiebigen, nach vorne gebeugten Männertorso in Kontrast, so dass eine gewissen Spannung in der Luft schwebt. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass Maillol für seine kleinen Figuren ebenso viel Zeit wie für seine großen Arbeiten benötigte: „Weil ich die Natur befragen muß. Wenn man so vorgeht, kann man Werke schaffen, die in sich zusammenhängen, wenn man zuerst die Form skizziert, erhält man dagegen Werke, die nie nach Gebrauchsanleitung hergestellt sind.“ (Aristide Maillol)

In der zweiten und letzten Etage, entdeckt man Maillol von einer anderen Seite. Seine Holzschnitte, die den Gedichtband „Chansons pour elle. 25 Gedichte von Paul Verlaine, illustriert mit 28 Holzschnitten des Bildhauers Aristide Maillol, Paris 1939“ zieren, sind wundervolle prickelnd erotische Werke, die im Kontext mit den Gedichten Verlaines zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk kulminieren und den Betrachter in Staunen versetzen. Wirken die zuvor betrachteten Plastiken geradezu keusch, sind die Holzschnitte von einer leidenschaftlichen, einer körperlichen Anziehungskraft durchdrungen.

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Mit „Der Zauberer einfacher Formen. Aristide Maillol. Bildhauer – Maler – Zeichner – Graphiker“ ist dem Kunsthaus Apolda eine lobenswerte Ausstellung gelungen. Das gewisse Flair, das Maillol mit Schlichtheit in seinen Arbeiten zu vermitteln sucht, spiegelt sich in den Ausstellungsräumen der 1871 errichteten zweigeschossigen Villa im italienischen Landhausstil. Es ist diese angenehme Atmosphäre des Gebäudes, die den Besucher mit Wärme empfängt und ihn durch die Ausstellung hindurch begleitet. Beim Durchlaufen wird man unweigerlich in den Bann einer ganz besonderen Mischung aus weiblicher Sinnlichkeit – die bisweilen zwar distanziert anmutet, aber gleichzeitig von Eleganz und anmutender Schönheit geprägt ist – und puristischer Raumgestaltung. Die durchdachte Positionierung einer jeden Arbeit lassen den Betrachter erstaunen und wie von einer unsichtbaren Hand geführt, umschreitet man die Plastiken mehrfach und geht immer näher an die Zeichnungen heran, um bloß kein Detail zu übersehen. Und doch scheint ein „sich satt sehen“ nicht möglich. Es ist eine Ausstellung, die den Betrachter mit Freude erfüllt und den Museumsbesuch zu einem wirklich bereichernden Erlebnis werden lässt!

 

Weitere Informationen

 

Katalog
Zu der Ausstellung ist ein gelungenes Katalogwerk erschienen, das durch fundierte Aufsätze und den sehr umfangreich gestalteten Abbildungsteil zu überzeugen weiß. Einen weitgespannten Überblick über Leben und Hauptwerke Aristide Maillols wird im letzten Teil gegeben, so dass der Besucher nach einem aufregenden, emotional bewegenden Museumsbesuch in dem Katalog die Möglichkeit findet, in Erinnerungen schwelgen zu können. Die Aufsätze und die überaus guten Abbildungen des Katalogs geben eine Anregung, um sich weiterhin mit dem Werk eines bedeutenden Künstlers des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen.

Öffnungszeiten
Dienstag – Sonntag 10-18 Uhr
Montags nach telefonischer Vereinbarung