Ausstellungsbesprechungen

Arnulf Rainer und Gustave Doré. Bibel-Bilder.

Das Museum Frieder Burda darf sich noch im Erfolg der Chagall-Ausstellung mit 190000 Besuchern sonnen und steckt schon mitten drin im laufenden Ausstellungsreigen: Arnulf Rainer steht auf dem Programm, im Schlepptau sozusagen noch Gustave Doré.

Sicherlich wird es diesmal kein so leichtes Spiel wie mit Chagall, der sogar noch bei manchen Schwächen ganze Heerscharen bewegt; dagegen sind Arnulf Rainers Übermalungen schwerer zugänglich. Umso mehr sei die Ausstellung empfohlen: Der österreichische Maler ist neben Attersee (um den sich Würth in Künzelsau verdient gemacht hat) der bekannteste Nachkriegskünstler seines Landes und ähnlich wie die Kopffüßler von Antes oder die Nagelobjekte von Uecker sind die Übermalungen zum Markenzeichen Rainers geworden, wobei man gestehen muss, dass das destruktive Moment seiner Kunst immer schon umstritten war (wenn sich der Wirbel verglichen zu Nitsch & Co. durchaus in Grenzen hielt). 160 Gemälde und Zeichnungen des Bibelzyklus, den Frieder Burda 1998 erworben hat, sind nun über die Jahreswende in Baden-Baden zu sehen, wie auch manche Prachtausgabe, aus der Rainer die Kopien als Bildvorlagen erstellt hat. Die übermalten Motive stammen von Giotto, großteils von Gustave Doré oder auch von anonymen Ikonenmalern. Wer Chagalls Auseinandersetzung mit der Bibel gesehen hat, sollte sich diesen ganz anderen, kühnen Zugang nicht entgehen lassen, der nicht weniger will als den Vorlagen »das zurückzugeben, was sie verloren haben – ihr Geheimnis«.

Es ist denn auch keineswegs ehrenrührig, altbewährte Motive aus der Kunstgeschichte zu übermalen, sprich: sie formal durchzustreichen, auszulöschen. Im Gegenteil: Die Arbeiten, die in Baden-Baden zu sehen sind, gehen zum großen Teil auf einen Auftrag des theologisch fundierten Verlags Pattloch zurück. Insgesamt ist in der Vergangenheit nicht verborgen geblieben, dass Rainer im Bereich der religiösen Kunst ein gefragter Mann ist. Auch wenn das Museum Frieder Burda die Sammlung von Rainer-Werken etwas als Geheimtipp anpreist – dabei ist der Katalog aus dem Jahr 2000 und begleitete 2001 eine Ausstellung im Münchner Lenbachhaus, so ist das Werk des Österreichers doch über die Maßen spektakulär und die Konzentration auf die sakrale Thematik ein wahrer Segen: Denn die Übermalungen Rainers sind mit einer solchen Intensität und Dichte gefertigt, dass ein größerer Rahmen den Betrachter womöglich überfrachtet hätte und die wenigen außerthematischen Arbeiten vermitteln so bereits den Eindruck einer Retrospektive, die hier freilich nicht intendiert war.

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Die vordergründig wie zufällig daherkommende Verbindung von Arnulf Rainer und Gustave Doré erweist sich als überraschende Union. Als Schöpfer von über fünfzig Holzstichen für eine Bilderbibel von 1865 (dt. 1867) lieferte er eine lichtdramaturgisch vollendete, in romantisch-neubarocker Weltsicht erstrahlende Schwarzweiß-Vorlage für den expressiven, neuromantischen Farbrausch Arnulf Rainers – in Baden-Baden hat man die seltene Gelegenheit, beide Künstler unmittelbar beieinander zu sehen. Dass zusätzliche Leihgaben aus dem Straßburger Musée d’art moderne et contemporain Dorés Präsenz stärken, war eine nicht nahe liegende, aber umso klügere Idee, weil erst so die Verknüpfungen – auch in ihrer Antipodenhaftigkeit – über die Jahrhunderte hinweg sichtbar werden.

 

Doch ohne Frage ist der eigenbrötlerische Arnulf Rainer der Star der Ausstellung, der indirekt über zwei Jahrtausende christlicher Ikonografie - von der Weltschöpfung bis zum Pfingstfest - verfügt und diese unmittelbar erlebbar macht. Das zeigen auch die großformatigen übermalten Kreuzdarstellungen, die den Bibelbildern zur Seite gestellt sind. Diese Werkserie beschäftigte den Maler seit den 50er Jahre und sie fand erst in den 90er Jahren ein Ende. Der Clou dieser Arbeiten: Bei manchen Kreuzen glaubt man ein Kreuz unter der Farbschichtung wahrzunehmen, wo tatsächlich gar keines ist. Man darf sich bezüglich der sakralen Thematik auch nichts vormachen: Ein religiöser Künstler will Rainer nicht sein. Nach seiner »Nadamalerei«, die eben nichts zeigte, nach seinen »Nachäffungen«, die Malversuche von Schimpansen nachahmten, und ähnlichen Phasen und Serien sind die biblischen Themen auch nur Stationen auf dem unerschöpflichen Schaffensweg, zu denen ernsthaft eine Totenmaskenserie wie auch das Hommage-Werk »Minetti/Theater« gehören. Wenn das religiöse Gefühl vor den Bibelübermalungen ganz neu eingestimmt wird, ist deshalb aber die Arbeit noch lange nicht gescheitert.

 

 

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Mi 11–21 Uhr

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