Reiseberichte

Art and the City – Ein Besuch in der Kunstmetropole New York

In New York City sieht man sich einer Unmenge von Museen und Galerien gegenüber, die man niemals in einer Urlaubswoche bewältigen könnte. Am besten informiert man sich vorab im TimeOut-Magazin, was gerade wo zu sehen ist.

Ausgangspunkt meiner eigenen Erkundungen der New Yorker Kunstszene am Donnerstag ist die Galerie „Deitch“ in Soho. Die von außen völlig unspektakuläre Galerie betritt man durch eine Art Garageneinfahrt und bemerkt sodann, dass man durch das Innere eines LKWs eintritt. In der Galerie sind noch mehr Trucks und Autos zu einem „Schrotthaufen“ aufgetürmt.

Und damit steht man auch schon mitten in der Kunstwelt von Barry McGee. In Installationen und comichaften Zeichnungen setzt er sich mit dem urbanen Leben zwischen Obdachlosen und Graffiti-Sprayern auseinander. Die Vitalität und das Chaos der Straße sind stets Teil seiner Kunst. Dazu gehören die gestapelten Autos, eine Installation aus Fernsehgeräten und mechanischen Maschinchen und immer wieder Graffiti-Sprayer, die man praktisch an jeder Ecke trifft. Mal glaubt man, es seien reale Menschen, die die Wände verunstalten, mal handelt es sich um metallene Skulpturen, die die Farbdose schwingen. Mein Lieblingsstück ist eine Sprayer-Figur im Gartenzwergformat auf dem Treppenabsatz, die neben einer Steckdose einen Fleck an die Wand gesprayt hat. Die Ausstellung heißt „One more thing“ und läuft noch bis zum 13. August 2005.
 
Galerie Deitch
18 Wooster Street (weitere Räume in 26 Wooster Street und 76 Grand Street)
Dienstag bis Samstag 12 – 18 Uhr
Eintritt frei
www.deitch.com
 
An Freitagen ist die Stadt großzügig. Viele Museen verlangen ab dem späten Nachmittag keinen Eintritt mehr oder sind zufrieden, wenn man bezahlt, was man will: „pay what you wish“. Dieses Angebot nutze ich natürlich gründlich. Fünf Museen an einem Tag sind allerdings eine Herausforderung, der nicht jeder gewachsen ist...
 
Ich beginne mein „Speed-Art-Watching“ im Museum of Modern Art (MoMA), das ja gerade erst wieder zurück in Manhattan ist. Bis November 2004 war es während der Umbauphase nach Queens ausgelagert. Auch in Berlin war ja bekanntlich ein Teil der Sammlung zu sehen und dort ein großer Erfolg. Die Kunstwerke der Sammlung stammen aus der Zeit ab 1880, beginnend mit der innovativen europäischen Kunst. Dazu gehören ein paar phantastische van Goghs und viele Meisterwerke aus jeder nachfolgenden Epoche bis heute. Erstaunlich viel deutsche Kunst beziehungsweise Kunst deutscher Emigranten ist hier zu sehen: Joseph Beuys, Gustav Klimt, Otto Dix, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Ludwig Mies van der Rohe, Oskar Schlemmer und sogar Kurt Schwitters. Aber auch „all-time favorites“ wie Le Corbusier, Jackson Pollock, Jasper Johns, Andy Warhol, Henri Rousseau, Vasily Kandinsky und viele andere bekannte Namen sind im MoMA vertreten. Wenn nicht da, wo sonst?!
 
Ganz oben unter dem Dach finden wechselnde Ausstellungen statt. Zur Zeit werden dort Lee Friedlanders Fotografien aus vier Jahrzehnten gezeigt. Seine frühen Arbeiten beschreibt Friedlander als „American social landscape“. Zu sehen sind alltägliche Straßenszenen mit Statisten aus der Nachbarschaft. In den 70er Jahren entstand ein Buch mit 1000 Bildern von amerikanischen Monumenten aller Art, und in den 80ern konzentrierte sich der Fotograf auf Porträts von Menschen bei der Arbeit. In letzter Zeit verwendet er eine Kamera, die besonders geeignet ist, natürliche Details wahrzunehmen. Seine Motive findet Friedlander in den amerikanischen Nationalparks. Die unaufgeregten Schwarz-Weiß-Bilder, unter denen sich durchaus auch Aktaufnahmen befinden, werden in einem schlichten Ambiente sehr edel präsentiert.
 
Museum of Modern Art
11 West 53 Street zwischen 5th und 6th Avenue
Mittwochs bis Montags 10:30 – 17:30 Uhr
Eintritt: 20$, Senioren 16$, Studenten 12$, freitags 16 bis 20 Uhr Eintritt frei, www.moma.org
 
Als Kontrastprogramm widme ich mich als nächstes der Frick Collection, die in einer wunderschönen Villa aus den Jahren 1913/14 untergebracht ist. Es ist das ehemalige Wohnhaus der Familie Frick und bereits seit 1935 öffentlich zugänglich. In der luxuriösen Wohn-Atmosphäre des Hauses werden antike Möbel, französisches Porzellan, Orientteppiche, Skulpturen und Gemälde hauptsächlich europäischer Herkunft gezeigt. Zur Zeit, und noch bis 7. August, gibt es eine Special Exhibition von etwa 70 französischen Zeichnungen aus dem Schlossmuseum und dem Goethe-Nationalmuseum in Weimar, viele stammen aus dem Besitz Johann Wolfgang von Goethes und sind erstmals außerhalb Europas zu sehen.
 
Das Schönste in diesem Museum ist jedoch das überdachte Atrium mit Brunnen, Marmorbänken und stilvoller Bepflanzung. Sitzt man dort, fühlt man sich wie auf einer kleinen Insel europäischer Hochkultur des 17./18. Jahrhunderts und vergisst die hektische, schrille Moderne Amerikas.
 
The Frick Collection,
1 East 70th Street
dienstags bis samstags 10 – 18 Uhr, sonntags 13 – 18 Uhr
Eintritt 12$, Senioren und Studenten 5$
www.frick.org
 
Zwei Blocks entfernt befindet sich die Asia Society and Museum. Dort hat man ab 18 Uhr an Freitagen freien Eintritt. Kommt man etwas zu früh dort an, so lohnt sich der Museumsshop. Dort gibt es chinesische Tees samt Zubehör, Kalligraphiepinsel, Bücher, Buddhas aller Art und modische Handtaschen aus asiatischem Verpackungsmaterial. Kurz gesagt: Der Shop ist wesentlich interessanter als die beiden aktuellen Ausstellungen. Bemerkenswert sind hier aber auch die Informationstische, auf denen Kinder (aber natürlich auch Erwachsene) so etwas wie einen „Stein der Weisen“ über die Tischplatte schieben können, auf die eine Karte der asiatischen Region projiziert wird. Die Steine sind mit „food“ oder „art“ beschriftet, und wenn man sie auf einen Ländernamen legt, erscheint eine Beschreibung der Kunst oder der traditionellen Gerichte der entsprechenden Region.

Die beiden kleinen Ausstellungen, die im Asia Museum momentan zu besuchen sind, heißen „Shadow Play“ (bis 21. August) und „Playing Games, Making Art“ (bis 19. Juni). Die erste ist eine fotografische Reise durch Indonesien mit Aufnahmen renommierter Fotografen. Die zweite ist eine Art Nachbearbeitung einer früheren Ausstellung mit dem Titel „Asian Games“. Schulkinder haben sich von diesen Spielen zu Eigenkreationen inspirieren lassen, die nun dort zu sehen sind.
 
Asia Society and Museum
725 Park Avenue
Dienstag bis Sonntag: 11 – 18 Uhr
Eintritt 10$, Senioren 7$, Studenten 5$, freitags von 18 bis 21 Uhr Eintritt frei
www.asiasociety.org
 
Weiter geht es mit Moderner Kunst und „pay-what-you-wish“ im Whitney Museum. Eine gute Gelegenheit, das schwere und lästige Kleingeld aus dem Portemonnaie loszuwerden. Auf fünf Etagen sieht man dort hauptsächlich moderne amerikanische Kunst. Im Erdgeschoß wird man von einer skulpturalen Installation des Künstlers Banks Violette empfangen. Wie das abgebrannte Skelett einer winzigen Kirche, in die vielleicht ein Dutzend Leute passt, ragt die Skulptur in den kleinen Raum. Dazu wird eine leise, düstere Musik von Snorre Ruch eingespielt. Bedrohliche Romantik oder romantische Bedrohung? Laut Ausstellungstext werden hier Erinnerungen an Caspar David Friedrich und an Black-Metal-Plattencover geweckt. Und das ist absolut treffend. Lohnend ist außerdem die Edward-Hopper-Sammlung auf dem „Floor 5“.
 
Whitney Museum of American Art
945 Madison Avenue Ecke 75th Street
Mittwoch bis Sonntag: 11 – 18 Uhr
Eintritt 12$, Senioren und Studenten 9,50$, freitags von 18 bis 21 Uhr freiwillige Spende
www.whitney.org
 
Am Ende meines Museum-Marathons steht das Guggenheim Museum. Auch dort kann man freitags ab 17 Uhr zahlen, was man will. Und auch dort trifft man wieder auf deutsche Kunst: Bis 10. August 2005 sind die Werke der deutschen Künstlerin Baroness Hilla von Rebay (1890 – 1967) zu sehen. Sie war eine Freundin von Solomon R. Guggenheim und überredete ihn in den 20er Jahren, moderne, abstrakte Kunst zu kaufen und in den 40ern ein Museum dafür zu bauen. Er wollte ein viereckiges, schwarzes Museum, sie ein rundes, weißes. Und wir alle wissen, wer sich durchgesetzt hat! Sie war also Mitbegründerin des Museums, erste Kuratorin und Direktorin. Guggenheims Familie drängte sie jedoch bald aus ihren Ämtern. Die Baroness war zudem gut befreundet mit Hans Arp und Hans Richter, war aktiv in der deutschen Avantgarde-Bewegung Dada, und die Bekanntschaft mit Vasily Kandinsky sieht man ihren Bildern deutlich an. Sie ließ sich aber auch stark von Tanz und Musik inspirieren. Auch sehr naturgetreue Portraits stammen von Hilla Rebay; wichtigstes Werk dieser Art ist natürlich das Portrait, das sie von ihrem Freund und Gönner Solomon malte. Neben Arbeiten der Baroness sind auch Werke ihrer Weggefährten ausgestellt. Auch hier tauchen deutsche Namen auf: Paul Klee, Otto Nebel und der Osnabrücker Friedrich Vordemberge-Gildewart. Aber auch Vasily Kandinsky, Juan Gris, Moholy-Nagy, Picasso und viele mehr.

Die Ausstellung wird auch in Deutschland zu sehen sein. Von September bis Mitte Januar 2006 ist sie im Museum Villa Stuck in München und dem Schlossmuseum Murnau zu Gast und von Anfang Mai bis Ende Juli 2006 im Deutschen Guggenheim in Berlin.
 
„Art of Tomorrow – Hilla Rebay and Solomon R. Guggenheim“
Solomon R. Guggenheim Museum
1071 Fifth Avenue at 89th Street
Mittwoch bis Montag: 10:00 – 17:00 Uhr
Eintritt 15$, Senioren und Studenten 10$, freitags von 17 bis 20 Uhr freiwillige Spende
www.guggenheim.org
 
Literatur-Tip: Sigrid Faltin, Die Baroness und das Guggenheim. Hilla von Rebay – eine deutsche Künstlerin in New York. Libelle Verlag, Lengwil 2005. 23,80 Euro.
www.die-baroness.com
 
Am Samstag bietet sich das Storm King Art Center in Upstate New York als Ausflugsziel an. Dieser Skulpturenpark liegt etwas außerhalb der Stadt mitten im Grünen. Und mitten im Grün der Parkanlage befinden sich die Ausstellungsstücke aus Stein, Stahl und Beton. Dieses Museum mit Golfplatz-Ambiente zeigt momentan einige Skulpturen von Mark Di Suvero, aber auch Werke von Alexander Liberman, Nam June Paik, Josef Pillhofer, David Smith, Claes Oldenburg, Roy Lichtenstein und vielen anderen. Mit einer kleinen Trambahn (man ist in Amerika etwas bequem...) wird man an den zumeist großformatigen Plastiken vorbeichauffiert.

Skizzen und Photographien der Arbeiten kann man dann im Museumsgebäude studieren. Einerseits ist diese Verbindung von Natur und Kunst sehr interessant, andererseits fehlt aber merkwürdigerweise die in den USA stets so präsente Ausflugskultur: Obwohl das Gelände optimal wäre für Familienausflüge mit Picknick oder für Kaffee-Klatsch mit Kunstgenuss, gibt es dort weder ein Café noch die Möglichkeit im Park zu picknicken. Die ausgewiesene „picnic area“ ist gleich neben dem Parkplatz, liegt im Schatten und ist äußerst ungemütlich. Für einen Schönwetter-Spaziergang im Park lohnt sich der Ausflug aber allemal.
 
The Storm King Art Center
Old Pleasant Hill Road
Mountainville, New York
Öffnungszeiten saisonbedingt
Eintritt 10$, Senioren und Studenten 9$
www.stormking.org
 
Was Cafés betrifft, so sieht es da im Metropolitan Museum aber erheblich anders aus, wie ich am Sonntag feststelle. Mit sechs Cafés, Bars, Diningroom und Cafeteria hat man dort eine Riesenauswahl. Und die Auswahl an Kunstgegenständen aus aller Welt und allen Zeiten bietet ebenfalls für jeden Geschmack etwas. Mir persönlich gefallen die afrikanischen Figuren am besten. Aber das Prunkstück hier ist der 2000 Jahre alte ägyptische Tempel von Dendur, den man unbedingt gesehen haben muss. Auf dem Dach des Museums stehen momentan knallig bunte Objekte von Sol LeWitt unter dem Titel „Splotches, Whirls and Twirls“, die dort noch bis zum 30. Oktober die Freunde der schönen Aussicht vom Dach aus erwarten. Besonders freut mich, dass ich auch im Metropolitan Museum deutscher Kunst begegne, diesmal in Form einer großen Max Ernst-Retrospetive (bis 10. Juli 2005) mit 180 phantastischen Werken aus seinem dadaistischen und surrealistischen Oeuvre. Allerdings ist die Chanel-Ausstellung mit Kleidern aus dem Oeuvre Karl Lagerfelds ehrlich gesagt für mich der eigentliche Grund, das Metropolitan überhaupt zu besuchen. Diese elegante Kleidersammlung ist verständlicherweise außerordentlich gut besucht.
 
Neben diesen Spezialausstellungen sind deutsche Künstler aber auch in der ständigen Sammlung vertreten. Im Trakt der „European Paintings“ beispielsweise hängen Gemälde von Hans Holbein und dem in Deutschland geborenen aber in Brügge tätigen Hans Memling. Unter den Zeichnungen befinden sich solche von Albrecht Dürer.
 
Metropolitan Museum
5th Avenue Ecke 82nd Street
Dienstags bis Sonntag: 9:30 – 17:30 Uhr, freitags und samstags bis 21 Uhr
Eintritt 15$, Senioren und Studenten 10$
www.metmuseum.org
 
Für die Neue Galerie reicht mein Kunst-Enthusiasmus anschließend leider nicht mehr. Das angeschlossene Sabarsky Café bietet aber eine sehr gemütliche Wiener Caféhaus-Atmosphäre zum Ausruhen. Allerdings kann man auch in der Neuen Galerie deutsche Kunst sehen. Sie ist spezialisiert auf deutsche und österreichische Kunst vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Unter anderem wird dort die Verbindung von Kunst und Kunstgewerbe thematisiert. Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka treffen auf die Wiener Werkstätten und Architekten wie Adolf Loos und Otto Wagner. Die bekannten Künstlervereinigungen Blauer Reiter, Brücke, aber auch die Neue Sachlichkeit, der Werkbund und das Bauhaus sind vertreten. Die Neue Galerie ist übrigens wirklich sehr neu; sie wurde erst im November 2001 eröffnet.
 
Neue Galerie New York,
1048 5th Avenue
Freitag: 11 – 21 Uhr, Samstag bis Montag: 11 – 18 Uhr
Eintritt 10$, Senioren und Studenten 7$
www.neuegalerie.org
 
Zum Abschluss will ich noch einen ganz anderen, aber ebenfalls sehr wichtigen Künstler erwähnen, auf dessen Erinnerungsmonument ich am Ende dieses Tages treffe. Seine Weltkarriere begann in Hamburg, und er starb in New York. Seine Werke hängen nicht in Museen, sondern schmücken Plattensammlungen auf der ganzen Welt. Ich bin in den Strawberry Fields im Central Park. John Lennons Imagine-Gedenktafel ist bei meinem Besuch mit Rosen geschmückt, von Menschen umlagert, und jemand singt dazu Lieder aus dem Lennon-Repertoire. “Strawberry Fields forever!”

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