Ausstellungsbesprechungen

Arte povera, Neues Museum Weimar, bis 21. September 2012

Steine, verrostende Kupferplatten, Spiegel, Postkarten und weiße Leinwände laden in Weimar zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit Kunst, genauer der Arte povera, ein. Rowena Fuß zeigt Ihnen, wie Sie sich den insgesamt 46 Werken nähern können.

1969 tauchte Jannis Kounellis 36 Flusssteine zur Hälfte in schwarze Ölfarbe. Jetzt liegen die kleinen ovalen, keil- oder quaderförmigen Steine auf dem Boden im ersten Stock des Neuen Museums in Weimar. Gegenüber hängen drei aneinander gefügte Leinwände, auf denen die gleichen drei Elemente — proportional verkleinert — wiedergegeben sind: ein dunkel schraffiertes Bleistiftrechteck, eine mit der Schauseite nach vorn angebrachte Leinwand und ein von Bleistiftschraffuren umrissenes weißes Rechteck.

Dreht man sich um, stehen einem zwei Staffeleien — Rücken an Rücken — gegenüber. Sie tragen jeweils eine Tafel auf der eine mit Kreide gezeichnete Staffelei zu sehen ist.

Es ist wohl niemandem zu verübeln, wenn er zunächst etwas ratlos vor diesen Arbeiten steht. Die präsentierte Arte povera ist eine hermetische Kunst. Das soll jedoch nicht heißen, dass kein Zugang möglich wäre. Also genau hinschauen. Kounellis’ Flusssteine geben schon den ersten Hinweis: Es sind natürliche, einfache Materialien, die er bearbeitet hat. Beim Eintauchen erzeugte die schwarze Farbe eine Art Horizontlinie auf dem Stein. Natur und Kultur, Abstraktion und Realismus wurden so zusammengefügt.

Ähnlich kann man sich die drei weißen Leinwände von Giulio Paolini erschließen. Ein Blick in den ausliegenden kleinen Ausstellungsführer verrät uns, dass die Arbeit »Copia dal vero« (Kopie der Natur/Wahrheit) heißt. Was die Darstellung auf den drei Leinwänden zu kopieren sucht, ist nichts anderes als die Bildfläche, auf der sie sich abzeichnet. Leinwand und Zeichnung zielen nur auf die wechselseitige Nachahmung ab. Daneben könnte man in den unterschiedlichen Formaten der Leinwand- und Bleistiftrechtecke auch ein Ausloten des Raums oder der Wirklichkeit annehmen.

Nicht zuletzt klingt in der Dreiteilung eine spirituelle Komponente an. Denn die Form gleicht einem aufklappbaren Altar. Der Ort der Verehrung und des Gebets stößt uns schließlich auf ein elementares Merkmal der Arte povera: Die Konzentration auf das Wesentliche, die Themen Leben, (Um)Welt, Bild, Natur, Ordnung und Energie(fluss).

Dies erklärt sich aus ihrem Entstehungskontext. In den 1960er Jahren formten junge Künstler in Turin, Mailand und Rom aus einfachen, natürlichen Materialien eine Gegenstimme zu den vorherrschenden Einflüssen der amerikanischen Industrie- und Konsumkultur sowie des osteuropäischen Kommunismus.

Der Kritiker und Kunsthistoriker Germano Celant gab dem losen Künstlernetzwerk 1967 einen Namen, den er aus Jerzy Grotowskis „armen Theater“ entlehnte. So gesehen erzählt die Geschichte ihrer Entstehung wohl am ehesten davon, was die Arte povera eigentlich ist: Weniger ein bestimmter Stil, sondern mehr eine Form der Kunstvermittlung — und das ist das eigentlich innovative.

Wie oben bereits gezeigt, beziehen die Werke der Arte povera den Besucher ein. Ja, wären ohne ihn in einigen Fällen gar nicht komplett. Michelangelo Pistolettos Spiegelbildern mit einem Affen im Käfig, einer Wäscheleine mit Klammern oder seinem Selbstporträt in Fellmantel und gelber Brille würde ohne Betrachter der Bezugspunkt fehlen. Denn in allen Spiegelbildern begegnet er sich selbst. Egal ob Protzbekleidung oder der Affe, der seinem natürlichen Habitat beraubt ist — Pistoletto schafft reflektierende Momente.

Wie verhalten sich die Abhängigkeiten? Wenn wir den Lebensraum des Orang Utans abholzen, rauben wir einem Tier nur seinen Lebensraum oder ist diese Tat gleichzeitig Ausdruck für den moralischen Niedergang des Menschen? Weichen wir damit nicht unserer Verantwortung als „Krönung der Schöpfung“ aus? Folgen allein einer dem Sektor Wirtschaft entsprungenen Gier nach mehr?

Die mit »Dimostrazione« (Beweis/Demonstration) betitelten Staffeleien Giulio Paolinis weisen darauf hin, dass die Betrachterinnen und Betrachter selbst die Widersprüche zwischen der Wahrheit und ihrer Darstellung erarbeiten können. Ich kann den Gang durch die Ausstellung nur empfehlen!

Weitere Informationen

Die Baseler Ausstellung »Arte povera. Der große Aufbruch« gibt mit 100 Werken, Fotografien und Dokumenten einen noch umfassenderen Überblick zum Thema.