Ausstellungsbesprechungen

Aufbruch - Malerei und realer Raum, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, bis 22. April 2012

Ihre Besprechung des Katalogs zur Ausstellung »Aufbruch. Malerei und realer Raum« für PKG beschloss Ursula Siepe mit der Feststellung, das zweidimensionale Medium Fotografie könne die Besonderheit solcher Exponate, die intentional mit Dreidimensionalität spielen, immer nur unzulänglich wiedergeben. Sie regte daher an, sich die »Aufbruch«-Kunstwerke mit eigenen Augen anzusehen, und ist nun ihrem eigenen Rat gefolgt und nach Kaiserslautern ins Museum Pfalzgalerie aufgebrochen, wo die Wanderausstellung derzeit Station macht.

Die Sammlung des Museums Pfalzgalerie Kaiserslautern, untergebracht in einem stattlichen klassizistischen Bau auf einer Anhöhe am Rande des Stadtzentrums, bietet weit mehr als eine erlesene Zusammenstellung prominenter heimischer Künstler wie Hans Purrmann und Max Slevogt. Glanzstücke mittelalterlicher Sakralkunst werden ebenso aufbewahrt wie jüngere und jüngste Hervorbringungen in Themenräumen wie »Die Entfaltung der Linie zum Raum« und »Zeitgenössische Positionen von Farbe, Körper und Raum«. Hier hängen ständig Arbeiten von Lucio Fontana, Sam Francis oder Norvin Leineweber, die sich nun in die Sonderausstellung »Aufbruch. Malerei und realer Raum« mit ihren um die hundert zum Großteil aus Privatbesitz stammenden Exponaten integriert finden.

Der Aachener Künstler Norvin Leineweber ist am 25. März 2012 beim »KUNST(früh)STÜCK« zu Gast. Es handelt sich dabei um eine Veranstaltung, die einmal monatlich in der Pfalzgalerie stattfindet. Im Februar lieferten sich Theo Wieder, Vorsitzender des Bezirkstags Pfalz (Träger des Museums), und der Bochumer Kunstvermittler Alexander von Berswordt-Wallrabe, welcher an der Gesamtkonzeption der »Aufbruch«-Ausstellung entscheidend mitbeteiligt ist, ein höchst engagiertes und intellektuell tiefgründiges Streitgespräch über »Engagement im Kunstbetrieb – Kooperation im Visier«. Von Berswordt hob die existentielle Bedeutung insbesondere von moderner Kunst hervor, während Wieder als Politiker darauf verwies, dass sich derartige Absolutheitsansprüche im Kontext demokratischer kulturpolitischer Entscheidungsfindung nur unter der Voraussetzung der Kompromissfähigkeit überhaupt durchsetzen lassen.

Fortsetzung von Seite 1

Hinter dem Podium der Diskutanten hing ein vierzehn Quadratmeter großes Bild von Sam Francis (»Ohne Titel (SFP 68-27)« 1968), welches die traditionelle, zentrierende Funktion des Rahmens dekonstruierend reflektiert, indem es die Peripherie akzentuiert und das überdimensionierte Zentrum leer lässt. Im selben Raum hängt Charles Hinmans »Ochre and White« (1967), auf das von Berswordt während der Diskussion passioniert hindeutete.

Die perspektivische Bemalung des monumentalen Objekts von Charles Hinman erzeugt eine Räumlichkeitsvorstellung, die mit seiner realen, handgreiflichen Dreidimensionalität auf irritierende Weise konkurriert. »Ist das, was ich sehe, das, was es ist?«, fragte von Berswordt, indem er seinen verstorbenen Bochumer Freund und Lehrer Max Imdahl zitierte. In Anbetracht solcher Kunstgebilde werde der Mensch seiner eigenen anthropologischen Brüchigkeit inne.

Es ist gewiss eine gute Idee, diese Sonntagsveranstaltungen um 11.00 Uhr beginnen und nach einer guten Stunde mit der Einladung zu einem kleinen Imbiss enden zu lassen; denn so können die Besucher sowohl vorab als auch danach – geistig wie körperlich in Form gebracht – die Kunstwerke besehen.

Die raumgreifende Körperlichkeit zeitgenössischer Kunst wird haptisch greifbar, wenn wir mit Hinmans »Ochre and White« oder auch Gotthard Graubners »Lichthauch« (2009) konfrontiert sind. Man geht wohl nicht ganz fehl, wenn man auch bei der Betrachtung von Werken Graubners auf Max Imdahl zurückgreift, der diese »Farbraumkörper« als ereignishafte Medien des lebendigen Pulsierens von Farblichkeit und Räumlichkeit im Wahrnehmungsvorgang verstanden hatte. Diese Oszillationskraft, die von der Kunst in uns hineingeht, hilft, so Max Imdahl, der Essenz unseres Menschenlebens auf die Spur zu kommen.

Wer etwa vor Emil Schumachers »Midun« (1975) steht, spürt unabweislich den Wert des räumlichkeitsöffnenden Sehens, das nur die eigenen Augen vermitteln können: »Midun« gibt seine Tiefe erst dann preis, wenn man wirklich vor ihm steht. Der Katalog kann von dieser Erfahrung lediglich eine blasse, entdimensionalisierte Ahnung vermitteln. Aber im Anblick der Einschlagslöcher in diesem Flächengebilde aus Öl auf Holz werden wir von den Abgründen und Schlünden ergriffen, die einerseits die Struktur des Bildes konstituieren, andererseits aber zugleich – als zentimetertiefe Wunden – den vom schönen Schein traditioneller Bildhaftigkeit verdeckten Untergrund anschaulich werden lassen.

Nachdem diese Ausstellung schon in Bochum zu sehen war, wandert sie demnächst von Kaiserslautern aus weiter nach Berlin (Akademie der Künste, 4.5.-29.7.), dann nach Würzburg (Museum im Kulturspeicher, 11.8.-23.9.) und schließlich in die Kunsthalle Rostock (14.10.2012-27.1.2013). Zu fragen bleibt, ob dem Ausstellungsthema (»Aufbruch«) im Jahr 2012 wirklich noch dieselbe Sprengkraft zukommt, die es vor ein paar Jahrzehnten wohl einmal hatte. Sind wir denn nicht alle in sämtlichen Lebensbezügen längst ausreichend »dezentriert«, so dass wir jetzt gute Gründe haben dürften, die Notwendigkeit des visuellen Appells, unsere Grenzen zu überschreiten, in Zweifel zu ziehen? Schon 1919 hatte der irische Dichter William Butler Yeats geschrieben: »Alles zerfällt; die Mitte hält nicht mehr«. Zu solchen Nachdenklichkeiten lädt die Ausstellung eindringlich ein.