Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Angela Garry – Margot Schmalz – Gabriele Panhans, Galerie Dorn, Stuttgart, bis 3. November 2012

Einen ganzen Strauß an Assoziationen wecken die scheinbar abstrakten Werke der Künstlerinnen Angela Garry, Margot Schmalz und Gabriele Panhans. In seiner Eröffnungsrede, die wir hier in Auszügen abdrucken, entwirrt Günter Baumann das Knäuel aus Urlaubsbildern, (Schrift)Typen, Symbolen und Realitätsebenen.

(…) Auf den ersten Blick liegen die gezeigten Werke so weit auseinander, dass es schwerfällt, einen roten Faden auszulegen (…): Da sind zunächst die sehr realitätsnahen Landschaften und figurativen Motive von Margot Schmalz, dann die experimentellen Druckgrafiken von Gabriele Panhans und nicht zuletzt die futuristisch anmutenden Bilder von Angela Garry. (…)

(…) Im Eingangsbereich sind Sie bereits den Arbeiten von Margot Schmalz begegnet. Titel wie »Muschelsucher« oder »Badespaß« geben die Inhalte schon vor, die wir auch in den Werken wiederfinden. Frau Schmalz ist Mitglied der Backnanger Künstlergruppe »Maler der Baracke«, die sich eindeutig dem Naturvorbild verschrieben hat. Die Motive findet sie – man kann es sich im herbstigen Übergang zum Winter hin sehnsüchtig-lebhaft vorstellen – im Urlaub, bevorzugt in Spanien. Das klingt nach Freizeitkunst, das mag schon sein. Doch sollten wir uns nicht über den lebensbejahenden Zugang zur Kunst erheben, der unserem Bedürfnis nach Harmonie entgegenkommt (…). Die impressionistische Leichtigkeit fällt auf, aber im Gemälde sind keineswegs Eins-zu-Eins-Abbilder des Gesehenen dargestellt. Die Meeresbrandung ist objektiv betrachtet ein Farbenspiel auf der Leinwand, das erst im letztlich unrealistischen Auftrag der pastos deckenden Farben ein Bild ergibt, das wir als das interpretieren, was wir alle zu sehen glauben.

Oder nehmen wir die Serie der im Wasser spielenden Kinder. Vor Ort könnte allenfalls die fotografische Aufnahme den flüchtigen Moment fixieren, wie er einen nun einmal beeindrucken kann. Diesen Moment im Nachhinein wieder einzufangen, heißt, dieses heiter-unbeschwerte Plantschen, das aufspritzende Wasser auf dem Bildträger erneut erlebbar zu machen. Das kann in der Unmittelbarkeit nur funktionieren, wenn die Farben impressionistisch oder auch expressionistisch aufgesetzt, sprich: neu erfunden werden. Die Natur sieht anders aus, aber es ist ein Allgemeinplatz, dass Maler der Natur mit dem Farbkasten nicht gleichziehen können. Ein beeindruckender Test ist es, nahe an ein Bild heranzutreten, um die Farbfelder und -töne, Tüpfelchen, Einsprengsel und gesetzten Lichtern als eigentlich abstrakte Äußerungen anzunehmen. So ist es kein Wunder, dass Margot Schmalz auch rein abstrakte, sehr farbintensive Werke in ihrem Repertoire hat, wie sie im Kabinett beispielhaft zu sehen sind. Die anmutigen Miniaturen, die hier gezeigt werden, sind serielle, durchaus abstrahierte Idyllen, die von der Sehnsucht nach dem Einssein der Natur mit dem Menschen erfüllt sind. Und in ihren Blumenstillleben erweist sie sich tatsächlich als botanisch gefestigte Illustratorin der Natur.

Gabriele Panhans geht ganz anders vor. Es scheint in der menschlichen Natur zu liegen, seine Umwelt nachahmen zu wollen. Aber es ist offenkundig, dass jeder Mensch seine Umgebung anders sieht. Was heißt es da noch, ein Künstler würde seine Wahrnehmungen möglichst genau übertragen – allemal entsteht ein Kunstprodukt daraus. Es ist beeindruckend, wie nahe manche Künstler dem Gesehenen kommen. Es ist jedoch auch faszinierend, dass die Kunst Welten erschaffen kann, die allein in der Fantasie entstanden sind – und doch gilt auch hier, im Grunde gegenläufig: Ganz frei ist die Kunst nie. So wie hier Margot Schmalz mit malerischen Mitteln Farbe aufträgt, um zu zeigen, was sie vor sich sieht, so tritt Gabriele Panhans an, um unabhängig vom Naturvorbild einen eigenen Kunst-Raum zu schaffen. Sind sie daher weiter von der Realität entfernt? (…) in einer Arbeit findet sich das Abbild, im wahrsten Sinn das gedruckte, sprich zerdrückte Abbild einer Getränkedose. Das ist schon fast purer Hyperrealismus. Dazu kommen Titel, die sich keineswegs der konkreten Zuordnung entziehen: »Blauer Krug«, »Der Zinnsoldat«, »Sonnenuntergang«, besonders schön das aus einem Farben- und Rasterspiel heraus auftauchende »Bergdorf«, und anderes mehr. Sie können also Stillleben, figurative Motive und Landschaften erwarten. Abstrakt ist Kunst nicht deshalb, weil sie sich vom gewohnten Bild abwendet. Das runde Ding, das Sie schon auf dem Ausschnitt der Einladungskarte gesehen haben, ist übrigens eine Schleifscheibe (…).

Fortsetzung von Seite 1

Als ich Gabriele Panhans letztes Wochenende hier traf, war ich begeistert von ihrem glühenden Eifer für die Kunst. »Ich weiß im Detail schon gar nicht mehr, welche drucktechnischen Verfahren ich im einzelnen wo eingesetzt habe», so sagte sie mir. Kein Wunder, handelt es sich doch durchweg um Unikate, auch wenn der eine oder andere Druckstock mehrfach Verwendung findet. Nun gut, könnte man sagen: Frau Panhans hat das 80. Lebensjahr schon überschritten. Aber sie hat einen absolut wachen Geist, lässt ihre Gedanken an jeder ihrer Arbeiten Revue passieren. Und man spürt gleich, dass es das pure Vergnügen war, die unterschiedlichsten Techniken zu verwenden, auf unbekannten Pfaden auch künstlerisches Neuland zu betreten. So entdeckt man eine klassisch schwarzweiße Radierung, die die Künstlerin mit einem anderen Verfahren überdruckt hat.

Sie arbeitet nicht nur mit »Überdruckung« – so der Titel einer Arbeit – , sondern auch mit Übermalungen, besser gesagt: mit Kolorierungen, und mit Collagen. Gedruckt wird mit allem (…). Die Getränkedose habe ich schon erwähnt, auch die Schleifscheibe, dazu kommen allerlei Materialien, die Gabriele Panhans unterwegs, auf Sperrmülltouren oder zufällig, auftreibt (…). Ihre unbändige Fantasie kommt auf ihre Kosten. Und wir zu einem ästhetischen Genuss. Lochscheiben, Gitternetze, dünner Draht, Nägel, all das können wir sehen. Wie gesagt, das alles ist nicht beliebig zusammengesetzt. Die Schleifscheibe wird zum »Sonnenrad«, eine Netzwerkcollage mit runden Formelementen wird zur Fußball-Serie – ja: ein Netz weckt im Kontext mit Titeln wie »Halbzeit«, »Tor« oder eben »Das Netz« ganz spezielle Assoziationen, bei denen jede zusätzliche runde Form automatisch zum Fußball wird. Eine flaschengrün eingefärbte Ätzradierung ergibt eine poetische Karibik-Trilogie, in der eine geheimnisvoll-anziehende Fremdheit herrscht. Auf wieder anderen Drucken verwendet Gabriele Panhans Bleiplatten, die sich nach mehrmaligem Verwenden verformt haben, was zu gewitzten Faltungen führt, alte Einritzungen wie Spuren von Verletzungen einbindet und so weiter. Genauso wie Margot Schmalz sammelt auch Gabriele Panhans Eindrücke auf ihren Urlaubsreisen und auf alltäglichen Routen, nur dass sie das Erlebte in assoziativ freie Schichtungen überträgt. Während Margot Schmalz eine gewisse Erfahrungssicherheit anstrebt, arbeitet Gabriele Panhans mit der Balance von durchkomponierten und improvisierten Elementen. Es ist eine Errungenschaft der Moderne – letztlich aber seit der Steinzeitmalerei schon virulent –, dass Künstler sich von einer Außenwelt weitgehend freizumachen versuchen, die sie kognitiv nur interpretieren können. Gabriele Panhans hat ein ganz eigenständiges Werk von einer abgründigen Schönheit geschaffen, aus der heraus uns gelegentlich die reale Dingwelt anblickt.

Lassen Sie mich zur dritten im Bunde kommen: Angela Garry. Auf den ersten Blick sind ihre Arbeiten die abstraktesten in der Ausstellung. Ich will mein Augenmerk auf diese Wahrnehmung lenken, es ist nämlich so: Womöglich ist dieses Werk ja eigentlich das konkreteste – auch im herkömmlichen Sinne. Es gibt innerhalb der abstrakten Kunst eine Richtung, die sich konkret nennt, weil deren Verfechter meinen, ihre ungegenständlichen Formen seien so konkret wie ein Stillleben, eine Landschaftsdarstellung oder ein Porträt. Hier ist es aber so: Die Bilder von Angela Garry sind Stillleben, Landschaftsbilder und in erster Linie Porträts, Selbstporträts – und zwar auf einer intellektuellen Ebene im durchaus gegenständlichen Sinn. Keine Frage, ein Künstler malt meist ein Stück weit immer auch sich selbst – man nennt das dann auch seinen persönlichen Stil, ohne den man schwerlich den Schöpfer eines Kunstwerks bestimmen könnte. Im Fall von Angela Garry klingt das fast paradox, da der erste Eindruck vor ihren Bildern einen hochtechnoiden Anschein vermittelt, bei dem der Mensch kaum vorzukommen scheint. Im Grunde mischen sich hier reale und surreale Positionen (…).

Am Beginn ihrer Karriere stand die Schreibmaschine. Man muss dieses Relikt unserer medialen Schreibkommunikation im aktuellen Werk von Angela Garry noch immer mitdenken (…): Wenn wir von den Playstation-Fans absehen, haben die meisten PC-Nutzer noch immer eine Tastatur vor sich liegen, die als solche gleich aufgebaut ist wie die einer altehrwürdigen Schreibmaschine. (…) Wohin wir auch immer surfen im Netz, es bleibt derselbe, in seinem Fassungsvermögen beschränkte Kopf, in dem die Informationen verarbeitet werden müssen, ob sie nun aus unserem direkten Wahrnehmungsfeld kommen oder durch den digitalen Datenstrom (…).

Fortsetzung von Seite 2

Wenn wir im Grenzbereich von Hyperrealismus und fantastischem Realismus das Motiv der offenkundig zweckentfremdeten Schreibmaschine erwähnen, ist man schnell mit dem Namen Konrad Klapheck bei der Hand. Ich will das gleich beiseite räumen (…). Klapheck pflegt einen gewissen Dingfetischismus, überhöht das Erscheinungsbild des Gegenstands, um mit Witz und Pathos, aber auch mit bedrohlichem Potenzial eine Parallelexistenz dieses Gegenstandes zu zeigen. Garry ist von vornherein viel weniger an der konkreten Dinglichkeit interessiert. Das liegt zum einen daran, dass sie zunächst das Tastenfeld und dann ganz gezielt die Typen als pars pro toto auswählte und sich so eine Möglichkeit schuf, diese Teile chiffrenhaft in die Welt der neuen Medien, ja selbst schon in die der elektronischen Schreibmaschine hinüberzuretten.

An den Schreibmaschinentypen kann man eine kleine Kulturgeschichte ablesen, kommen sie doch in der Funktion von den Lettern des Buchdrucks her, sind also ein Bindeglied zwischen der massentauglichen Schriftkultur und der industriell genutzten Technik, mit deren Hilfe der Setzkasten im Buchdruck endgültig verdrängt wurde durch Maschinen – heute mag man darüber lächeln, aber es war schon ein ordentlicher Fortschritt, die Type des Buchdrucks zum Bauteil einer Schreib-Maschine zu machen. (…) die Type zieht sich als Bauteil durch das ganze Werk Angela Garrys, es liegt allerdings auf der Hand, dass sie sich das Wortfeld zueigen macht, die Type nicht nur als Bleibuchstaben aufzufassen, sondern auch als personale Zuordnung, etwa als Charaktertyp, und auch in der saloppen Wendung als spezielle, schräge, eigensinnige, auffällige »Type«. Das ist eine ganz andere Form des Anthropomorphismus als bei Klapheck.

Zur Type komme ich später nochmal zurück, vorweg verweise ich aber schon auf die jüngeren Arbeiten von Angela Garry, auf denen Sie die Schreibmaschinentype in einem völlig verfremdeten Kontext wiedererkennen können, sowie auf andere Blätter, die über den Fingerabdruck auf den individualisierten Menschentyp bezogen sind (…). Vielleicht haben Sie im Kabinett bereits die kuriosen Serientitel »Vier Jahreszeiten« und »Tastenvorgänge« gelesen und sich gewundert über die einmal romantisch-musikalischen und das andres Mal über die kryptisch-poetischen Bezüge. Bei beiden Gouache-Reihen fallen die authentischen Fingerabdrücke auf, die sich scheinbar beliebig über das Blatt verteilen. Hier kommen nun die Schreibmaschinen ins Spiel. Wer sich noch an seine alte Schreibmaschine erinnert, wird die kaffeefilterähnliche Öffnung an der oberen Blattmitte als schematisierten Hohlraum für die Schreibmaschinentypen assoziieren. Im Vordergrund wäre demnach eine schematisch vereinfachte Tastatur zu erkennen. »Tastenvorgänge« als Serientitel klingt recht nüchtern, zudem aber wie eine Bestätigung unserer Assoziation. Was sich weniger in das technoide Bild fügt, sind die Fingerprints, aber auch da könnte man das Routineergebnis einer kriminologischen Untersuchung vor Augen haben. Immerhin kann dies aber auch die emotionale Neugierde beflügeln, die – gänzlich erwacht – die Einzeltitel zur Kenntnis nimmt, die da lauten: »auch Untergang ist Traum«, »Du Meerblut« oder »Überall ist Wunderland«. Das ist ohne Frage Poesie, genauer gesagt, es sind Fragmentzeilen aus Gedichten vorwiegend Gottfried Benns, aber auch aus Texten Joachim Ringelnatz’. Es würde gegen den technischen Duktus sprechen, wenn Garry hier unmittelbar eine Stimmung darstellen wollte. Als Tastenvorgang werden die Titel jedoch zu Botschaften, die im Betrachter sicher nicht wirkungslos verhallen. Der Clou dieser Serie ist, dass die Blätter die Titelwörter wie Partituren widergeben. Spätestens seit John Cage wissen wir, dass Notenblätter auch künstlerische Ausdrucksformen sind. Die Buchstabenbelegung der Tastatur entspricht der Einfach- oder Mehrfachbelegung durch unsere Finger, während sie den Text eingeben.

Fortsetzung von Seite 3

(…)ich will meine Ausführungen am Verhältnis von Kunst und Realität festmachen. Ganz nah beieinander ist es bei Margot Schmalz, bei Gabriele Panhans hält es sich die Waage. Bei Angela Garry ist es schon sehr komplex, aber durchaus vorhanden. Die Malerin (…) arbeitet nicht abstrakt, auch wenn dies auf den ersten Blick so scheint. Zugegeben, von der Schreibmaschine aus unserer Erinnerung zu der abstrahierten Schreibmaschine ist es ein gedankenvoller Schritt. Klar ist: Es geht nicht um das Abbild eines solchen Schreibgeräts, sondern um die Darstellung des Schreibens. Man kann hierzu auch einfach einen Menschen beim Schreiben darstellen, so wie man einen Jungen beim Muschelsuchen malen kann. Das wäre natürlich legitim, aber um auch mitzuteilen, was geschrieben wird, reichte das nicht aus: Die Muschel ist erkennbar, der geschriebene Text nur denkbar – gleichwohl ist beides real. Angela Garry verfolgt einen einmaligen Weg: Der Fingerabdruck macht den Vorgang zu einem individuellen Akt – hier schreibt die Künstlerin. Über den Einzeltitel kann man ihren Tastenspuren folgen und erhält die zufällige Frequenz einer poetischen Wortfolge. Genauso wie wir uns fragen können, was das gemalte Obst noch mit der zugrundeliegenden Früchteschale zu tun hat oder die zerquetschte Getränkedose mit dem Fundstück von der Straße, so können wir uns die Frage stellen, was ein gelesener Text mit seiner maschinell bzw. künstlich erzeugten Buchstabenfolge zu tun hat. Wie schon gesagt, Kunst und Realität oder Kunst und Natur sind nicht austauschbar – Kunst ist immer auch ein intellektueller Vorgang, wie auch die Sicht auf die Realität oder die Natur, die zwangsläufig mit dem Betrachter zu tun hat: plantschende Kinder am Strand können Erinnerungen wecken, genauso wie eine Gedichtzeile von Gottfried Benn.

(…) das ist ja harte Kost (…). Deshalb will ich rasch als Lockerungsübung ein überraschend launiges Gedicht von Gottfried Benn einflechten, das der Dichter einem Brief hinzugefügt hat. Es geht – so heißt auch schon der Titel – um »Luther und Der Apfelbaum«. Sie erinnern sich: »Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen« usw. (…) In Benns Gedicht steht denn auch unser hier präsenter Teilverstitel »auch Untergang ist Traum«.

Was meinte Luther mit dem Apfelbaum?
Mir ist es gleich – auch Untergang ist Traum –
Ich stehe hier in meinem Apfelgarten
Und kann den Untergang getrost erwarten –
ich bin in Gott, der außerhalb der Welt
Noch manchen Trumpf in seinem Skatblatt hält.
Wenn morgen früh die Welt zu Bruche geht.
(…)

Ist es Zufall, dass die Fingerabdrücke rot und grün gefärbt sind? Der Apfelbaum lässt grüßen. Vielleicht geht das zu weit, aber immerhin: Als Subtext kann man das Gedicht durchaus zugrunde legen, müssen muss man nicht. Andrerseits findet man in dem »Ebereschen«-Gedicht von Gottfried Benn die Zeile, die auch hier im Kabinett auftaucht: »wo aber fülltest, färbtest, reiftest du –?«, das ausdrücklich mit der Farbe Rot umgeht, wie in diesem hier ausgestellten Blatt. Oder ist es auch ein Zufall, wenn die Tastenfelder in der Gouache mit dem Titel »Gib mich noch nicht zurück!« so tief abrutschen, als klänge hier das Gedicht weiter, das unter dem Titel »Madonna« bekannt ist: »Gib mich noch nicht zurück! / Ich bin so hingesunken / an dich …«.

Viel mehr könnte man allein über diese Serie sagen. Vom System her ähnelt sie der Jahreszeiten-Serie, die naturgemäß nicht nur über den Realitätsbezug sinniert, sondern auch das Naturvorbild selbst herausfordert. Im Untertitel heißt diese Reihe »Landschaften einer Reiseschreibmaschine«. Der gewitzte Einfall erübrigt eine weitere Beziehungsdebatte von Kunst und Natur. Ich springe daher zügig zu den jüngeren Serien, in denen sich Angela Garry mehr und mehr der Faszination der Technik, besser gesagt: den Medien, und zugleich deren zunehmender Unübersichtlichkeit und einer wachsenden Manipulierbarkeit widmet. Das Gehäuse für die Schreibmaschinentypen verwandelt sich in Bildschirme, die sich zum Runden Tisch treffen, oder sie werden zu Durchlaufstationen für Datenströme, die sich zu tückischen Strudeln entwickeln und im ästhetisierten Chaos enden oder aber die zum Surfen einladen, was Sie hier ganz wörtlich nehmen dürfen. Fragen tun sich jedoch auf: Was wird da am runden Tisch besprochen? Sind es etwa die Typen, von denen ich schon gesprochen habe, die hier die Welt verhandeln oder abwickeln? Oder sind es die Medien selbst, die irgendwann über unser Tun entscheiden? Und auf der anderen Seite: Wieviel Freiheit hat der Datensurfer, der einem Strom folgt, den er selbst ja gar nicht mehr beherrschen kann? Und wo endet der unbändige Spaß, dem wir uns im Netz hingeben, bis der Surfer im Nichts verschwindet?

Fortsetzung von Seite 4

Angela Garry prangert nicht an, sie reizt das mediale Faszinosum voll aus. Ihre Spraytechnik suggeriert eine hyperreale Räumlichkeit, die ins Surreale abheben kann – hier sind wir die Meister unseres lustvollen Tuns und über die Illusion, dort sind wir eher Getriebene des attraktiven Seins. »Whirlpool der Identitäten« oder »Im Auge des Rechners« heißen Arbeiten von ihr. Doppeldeutig sind die Titel, man denke an »Wie ein Schmetterling im Netz« – halb Poesie, halb Network. Längst hat sich die Type von ihrer manuell führbaren und fühlbaren Tastenfunktion verabschiedet und ist in eine andere Dimension entschwunden. Aber eigentlich sind wir, sei es als individuelle Typen oder als ehemalige Regler am Typenrad, immer noch dieselben, die im multidimensionierten, weltweiten Whirlpool der Informationsgesellschaft sitzen, entweder fasziniert von der rasanten Fortentwicklung und totalen Vernetzung oder aber desillusioniert von der Beliebigkeit und Überforderung des menschlichen Gehirns.

Das realistisch darzustellen, bedarf es schon einer riesigen Portion Fantasie, die im Werk von Angela Garry offenbar unerschöpflich ist. In einigen brandneuen Arbeiten lässt sie sich wieder vom Fingerabdruck einholen – oder sollte ich sagen: überholen? Bilder wie »Genetische Schnitte« und andere verweisen auf gewaltsame Attacken auf die Identitäten. Monumental vergrößert, verwandeln sich die Fingerprints zu überdimensional mutierten, fragilen Feldern, die sich in ihrer eigenen Struktur zu verlieren drohen. Andrerseits kann man den persönlichen Fingerabdruck, der wie ein geklontes Muster des total anonymisierten Datennetzes daher kommt, zerschneiden, verschieben, neu gestalten, den harten Kanten des äußeren Lebens aussetzen, wie man will: Als individuell einzigartiger Linienstruktur kann man ihr letztlich nichts anhaben. Die Künstlerin triumphiert so über die Gespenster, die sie gerufen hat. Es bleibt offen, ob die Schemen, die neuerdings auftauchen, zu diesen Geistern gehören oder zu den Typen, die sich um eine Menschwerdung bemühen.

Es ist hier nicht möglich, die konsequente Werkentwicklung der Künstlerin darzustellen. Was das Realitätsverhältnis angeht, spreizt sich bei ihr der Bogen zwischen Realität und Illusion am weitesten im Vergleich mit den anderen ausstellenden Kolleginnen. Die Lust, reale Wahrnehmungen darzustellen, ist dabei aber genauso groß wie im Werk von Gabriele Panhans oder bei Margot Schmalz. Gegen den ersten Eindruck von einer abstrakten Parallelwelt fühlen wir uns bei Angela Garry tatsächlich drastischer mit der Wirklichkeit konfrontiert, sofern sie Bestandteil der Informationsgesellschaft ist. Bei Gabriele Panhans entdecken wir spontan realistische Elemente sowie reale Spuren, die sie in einer hochartifiziellen Weise, das heißt in unterschiedlichsten Drucktechniken und souveränen Collagen, zu autonomen Kunstwerken umgestaltet. Und Margot Schmalz vergegenwärtigt uns reale Situationen, die sie in klassischem Sinn – durch Komposition und Farbregie – zu einer glückvollen Harmonie erhebt, von der wir alle träumen. (…)