Meldungen zum Kunstgeschehen

Aus der Eröffnungsrede: Kurtfritz Handel – Plastiken und Zeichnungen. Frickenhäuser Bronzen - und der Rest der Welt. Volksbank Hohenneuffen, Frickenhausen, bis 26. Februar 2010

Günter Baumanns Rede zur Eröffnung Ausstellung in Frickenhausen-Linsenhofen lieferte einen plastischen Eindruck des Werks des rumäniendeutschen Künstlers.

... »Frickenhäuser Bronzen – und der Rest der Welt« – das klingt nach dem Schillerschen und Beethovenschen Griff nach den Millionen (Menschen, versteht sich), aber in Wahrheit ufert hier nichts aus, im Gegenteil, es geht um ein eher introvertiertes Unterfangen: Heimat zu umschreiben, die nicht einfach lokal auszuzirkeln ist, sondern im Bewusstsein um ein globales Dorf wahrgenommen wird, das eben nicht nur im world wide web steht, sondern auch mit dem echten Leben zu tun hat. (…)

Das plastische Werk von Kurtfritz Handel umfasst das Porträt beziehungsweise das Menschenbild sowie die Tierdarstellung und die Landschaft. Letzteres mag überraschen, denn die Natur als Motiv ist traditionell der Malerei und Grafik vorbehalten, in der Geschichte der Bildhauerei ist sie ein sehr junges Genre, das frühestens mit Giacometti einsetzt und in den vergangenen Jahrzehnten erst seine Glanzzeiten erlebte. Wie wichtig Handel das Landschaftsmotiv ist, zeigen die Zeichnungen, die zeitgleich mit den Plastiken in den Räumen der Volksbank in Linsenhofen zu sehen sind und die ich Ihnen heute nur indirekt ans Herz legen kann. Ich will mich vielmehr schwerpunktmäßig den Frickenhäuser Bronzen und dem Rest der Welt zuwenden.

(...) Geboren 1941 in Râmnicu Vâlcea, einer Kreishauptstadt im südlichen Rumänien, genauer gesagt in der Walachei, wuchs Kurtfritz Handel in Mediasch, mitten in Siebenbürgen auf, das ihn prägte: Sicherlich wird dort die evangelische Margarethenkirche, eines der bedeutendsten spätgotischen Got-teshäuser in Rumänien, bei ihm ihre Spuren hinterlassen haben. Jedenfalls führte ihn sein Weg direkt zur Kunst: Über das Kunstgymnasium in Klausen-burg, der drittgrößten Stadt Rumäniens nach Bukarest und Temeschwar, kam er 1961 an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste »Ion Andreescu«, wo er bis 1967 Bildhauerei studierte, unter anderem in der Meisterklasse von Artur Vetro – eine dem Realismus verpflichtete Schule, an der Handel seine technische Könnerschaft verfeinern konnte. Zwischen 1967 und 1985 war der Bildhauer als Kunsterzieher und freischaffend in Hermannstadt tätig. (…) Um den Weltstadtcharakter anzudeuten, seien nur zwei Hermannstädter genannt, von denen einer hier noch eine Rolle spielen wird: der rumänisch-französische Philosoph Emil Cioran und der deutschsprachige Schriftsteller Oskar Pastior. 1985 siedelte Kurtfritz Handel, halb verjagt und halb geflohen, in die Bundesrepublik über und fand eine Stelle an der Jugendkunstschule in Nürtingen. Dass die renommierte Kunstgießerei Ernst Strassacker in Süßen bald auf den Künstler aufmerksam wurde, verwundert nicht – es dürfte nur wenige Kollegen geben, die die komplizierte Technik des Bronzegusses so gut beherrschen wie Handel. Perfektionist, der er ist, überlässt Kurtfritz Handel weder Hilfskräften noch dem Zufall einen Part bei der Fertigung. Wer in dem einen oder anderen Strassacker-Katalog blättert, findet sein Konterfei auf den vorderen Seiten. Freilich stand in der Kunstgießerei die Auftragserfüllung im Vordergrund, der er dennoch seinen Stempel aufdrücken konnte, während sich die eigene kreative Arbeit außerhalb entfalten, doch darf man mit allem nötigen Respekt darauf hinweisen, dass Handel in seiner Strassacker-Zeit die aktuelle Gestalt des bekanntesten Medienpreises des Landes schuf: die des Bambi. Seit 2003 wohnt und arbeitet der Künstler im Un-Ruhestand hier in Frickenhausen. Von den Auszeichnungen und Ehrungen will ich nur die jüngste und sicher wichtigste nennen: 2009 erhielt Kurtfritz Handel den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis, dessen Träger unter anderen auch der Architekt Kurt Leonhard, der Dichter Oskar Pastior, der Verleger Walther König oder der Künstler Peter Jacobi sind. »Durch sein Werk und durch sein Wirken«, so die Begründung der Jury, »hat er sowohl in Siebenbürgen als auch in Deutschland für die kunstinteressierte Öffentlichkeit Wertvolles und Bleibendes geschaffen. (…) Seine künstlerische Mitteilung zeugt von kreativer Offenheit und Vielfalt, wächst dabei aus ursprünglicher Prägung durch siebenbürgisch-sächsiche Lebensart und Geschichte, der er aussagekräftige … – auch monumentale – Zeugnisse schafft«.

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(…) Die Porträts, die Sie in der Ausstellung sehen, sind ein Stück Heimatpflege. Zum Teil haben sie – wie wir den zuweilen augenzwinkernden Titeln entnehmen können – persönlichen Charakter: Ein Hund namens Bürschle ist verewigt wie ein Knabe mit Spielzeugente u.a.m. Daneben kommen etliche Menschen des öffentlichen Lebens das Podest, die meist mit dem Siebenbürgischen verbunden sind. Da ist an oberster Stelle Christoph Klein zu nennen, noch bis November 2010 Landesbischof der deutschsprachigen Evangelischen Landeskirche des Augsburger Bekenntnisses in Rumänien, ansässig in Hermannstadt, sowie Mitglied des Rates und Vizepräsident des Lutherischen Weltbundes in Bern. Als die einstige Volkskirche der Siebenbürger Sachsen zur Diasporakirche zusammenschmolz und das Amt des Bischofs an Bedeutung verlor, wuchs dagegen das Ansehen der Person Christoph Kleins als eine der wichtigsten Integrationsfiguren der deutschen Minderheit in Siebenbürgen. Das Porträt entstand im vergangenen Jahr, als Klein mit dem Ehrenstern der Föderation des Siebenbürgerisch-Sächsischen Kulturpreises ausgezeichnet wurde. Zwei Preisträger unter sich! Mit einem Buch bewaffnet, ist der Bischof und Gelehrte mit gütigem Blick dargestellt – auf Fotos wirkt er eher resolut, was hier immerhin durch das Buch im festen Griff vermittelt wird. Wahr-scheinlich ist es so, dass die künstlerische Darstellung das Wesen eines Menschen doch besser trifft, als es die Momentaufnahme eines Fotos je könnte. Kurtfritz Handel arbeitet wohlüberlegt und versteht es, selbst das Flüchtige in eine überzeugende Form zu gießen. Gern spricht er von »Schnappschüssen«, die jedoch nichts weniger bedeuten, als den besten Augenblick zu vergegen-wärtigen, dem allerdings bereits zahllose Zeichnungen vorangegangen sind. Dahinter steckt wiederum noch eine präzise Beobachtungsgabe.

An den anderen Bildplastiken wird dies ebenfalls deutlich. Exakt, fast an der Grenze zur Überzeichnung ist der Dirigent, Musikerzieher und Organist Eckart Schlandt dargestellt, der tatsächlich diese expressive Physiognomie hat, wie Handel sie eingefangen hat, dramaturgisch gesteigert durch die zur fiktiven Tastatur greifenden Hände. Mit der langjährigen Leitung des Bach-Chors in Kronstadt hat Schlandt ein wichtiges Kapitel der Musikgeschichte mitgeschrieben. Wer ist noch zu sehen? Ich kann nicht alle berücksichtigen, nur einige Lebensläufe will ich noch streifen. Nicht minder spannungsreich als das Schlandt-Bildnis ist das Porträt des Malers Friedrich von Bömches, das die Entschlossenheit des zeitkritischen Dokumentaristen verrät. Auch den vorhin schon erwähnten Experimentaldichter Oskar Pastior muss ich hier nennen, der in der Bronze von Kurtfritz Handel scheinbar ganze Sprachspiele ersinnt. Die Liste ließe sich fortführen, auch weit über die ausgestellten Arbeiten hinaus, etwa mit Namen wie denen des Lyrikers Georg Scherg oder des Philologen Harald Krasser.

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Was für sein Menschenbild gilt, ist im gesamten Werk Handels erkennbar. Zum einen ist hier das Bekenntnis zur bildhauerischen Tradition zu spüren, die die volle Bandbreite vom expressiven Bildnis mit nerviger Oberflächenstruktur bis zur klassisch-strengen Auffassung umspannt. Zum anderen fällt immer wieder die Nähe zur ironischen Brechung, wenn nicht gar zur Karikatur auf, die sich in den Alltagszenen und diversen Kinderbildnissen oder Szenen mit überlängten Mädchenfiguren kundtut. Zudem ist auch das formale Spiel allgegenwärtig, in dem sich Handel ganz eigenständig bewegt. In den Porträt-Torsi und szenischen Motiven kehrt er das Innere nach außen, dreht sozusagen den Spieß um: Der Bischof ist auf eindrucksvolle Weise präsent, obwohl sich die Büste nach unten aufzulösen scheint; die Hand mit dem Buch kommt aus dem Nichts. Überhaupt die Hände: Sie sind sozusagen Bild im Bild, pars pro toto, nur selten um den Arm zum Körper hin ergänzt – das alles stört uns in unsrer Wahrnehmung realistischer Motivik jedoch nicht. Oder nehmen wir den auf einer Bank sitzenden »Einsamen« aus dem Jahr 1990, der sich selbst seine eigene Sitzgelegenheit ist. Und wieder ein anderer Mann schaut sich – »Sein Herz suchend«, so der Titel – in die Jacke und findet: nichts, oder formal gesprochen: eine durchgreifende Aussparung. Um zu dieser ernüchternden Er-kenntnis zu kommen, hat sich dieser Mensch, so scheint es, erst auf einen aufgetreppten Sockel, wie auf ein Siegerpodest begeben müssen. Humor und pastorale Stimmung wechseln sich ab, es ist unmöglich, alles aufzählen zu wollen, was hier zu entdecken ist: ein Mädchen mit Springseil, welches nur aufgrund der wippenden Zöpfen zu ahnen ist, oder eine gespannte Steinschleuder, die uns an die Schillersche »Kabale und …« erinnert – die Liebe ist im Titel ausgespart (…) Hier fragt sich, wie es der Künstler mit der gegenständlichen Wirklichkeit hält.

(…) Kurtfritz Handel hat sich, gegen manchen Zeitgeist, immer zur figurativen Kunst und zum Handwerklichen bekannt. Dass er dem Gegenständlichen auch im Sur-Realen gerecht wird, dass er gekonnt mit den Gehirnfunktionen des Betrachters rechnet, der die körperlichen Fragmente zu einem ganzen, stimmigen Bild addiert, dass er seine Charakterköpfe fallweise vor einer abstrakten Kulisse zu inszenieren versteht, ist Ausdruck technischer Meisterschaft und einer Eigenwilligkeit, die sich gängigen Trends widersetzt. Nehmen Sie die Brillen in den Fokus – plastisch gesehen kein dankbares Objekt, das Handel gekonnt umgeht, indem er das Gestell nur bruchstückhaft andeutet. Das ist en detail kaum noch gegenständlich zu nennen. (…)

»Manchmal schafften wir es« heißt eine poetische Miniatur des rumänischen Dichters Gellu Naum, die ich hier in der Übersetzung von Oskar Pastior kurz zi-tiere, um etwas von der sensiblen Verortung auch des Handelschen Werks zwi-schen Bodenhaftung und Phantasie zu vermitteln. »Manchmal schafften wir dies unwahrscheinliche Unisono im Gefühl, der übrigen Dinge entbunden, mit ihnen verbunden zu sein. Wir schnupperten an der Allgegenwart in den Ereignissen, an distributivem Sinn der Hoffnung. Wir errieten die Liebe unter Passanten, sahen die Tonfigur unter dem sechsten Maulwurfshügel, wussten weshalb der Meißel zuckte. Alles geriet zur Erfüllung und geschah unerwartet in einem Quadrant der Stille. Dann höhlte ein Specht einen Stein aus oder es öffnete der Stein die Flügel. Ein paar Freunde fühlten sich gekränkt.« (Pohesie. Sämtliche Gedichte, Basel 2006, S. 219)

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Was für die Köpfe gilt, hat auch im Landschaftsbild seine Berechtigung. Die Kunst imitiert nicht die Natur. Wenn sie will, versetzt sie Berge oder sie verhüllt sich in einer eigenen Zeichenwelt. Die Landschaften von Kurtfritz Handel fügen sich in das Œuvre wie selbstverständlich ein, obwohl sie als Motiv der Plastik recht ungewöhnlich sind. Der Bildhauer reiht sich damit in die kleine Schar von Vorgängen und Kollegen ein, die sich dem Sujet der Landschaft verschrieben haben – Theo Bechteler, David Smith, Alberto Giacometti sind hier beispielhaft zu nennen. Handel greift auch hier – wie im Porträt – zunächst den Heimatbegriff auf, diesmal weniger auf die verlassene Heimat Siebenbürgen bezogen als auf die gefundene Heimat im Schwabenland: im »Täle«, in der Region um den Hohenneuffen. Die Differenzierung von geistiger Heimat, die ich an Personen festmachen kann, und Heimat, wo ich eben heimisch bin, ist offensichtlich. Das eine trage ich im Herzen, das andere offenbart sich mir beim Anblick einer Schafherde, einer widerspenstigen Ziege, im nahen Weinberg. (…) Im Bild mit den »Turmfalken« kreisen die Vögel sogar um die Kirchturmspitze von Linsenhofen. Für einen Vollblutplastiker ist das eine ganz besondere Herausforderung: Wie setze ich die gefühlte Welt ins Skulpturale um, wie schaffe ich die nötige Weite? Wie kaum ein zweiter vermag es Handel, das Spiel des Lichts und die Harlekinaden überlanger Schatten mit naturalistischer Hingabe in die Gesetze der dritten Dimension zu übertragen. Schon die Kunst des Weglassens ist beeindruckend: So entwirft er uns eine Landschaft, deren Ackerfurchen Leerstellen sind, eine Hügelgegend, die nur in einem einzigen Schwung besteht. Wie wir schon in den Porträts gesehen haben, bedarf es des Betrachters, der die Bilder in einer nicht vorhandenen Ganzheit erfassen kann. Da es in der Bildhauerei fast ausschließlich um den Menschen geht, wundert es nicht, wenn die Arbeiten Handels auch hier einen Blick in die menschliche Existenz offenlegen. Die wogenden Felder appellieren an unseren Lebensrhythmus, die Wälder sind Chiffren unserer Existenz. In vorwiegend heiteren und scheinbar leicht-beschwingten, auch komischen Szenen entwirft der Bildhauer anekdotische Augenblicke, die der Malerei entlehnt sind. Dass das szenische Moment auch in der Plastik funktioniert, verdankt sich der Einbindung der Tierwelt: So genau Handel das Verhalten etwa von Herdentieren studiert, um ihr Treiben authentisch darstellen zu können, kommen wir nicht umhin, eine den Berghang hinabwogende Kuhherde, die schließlich im Morast versinkt, auf das Dasein an sich zu beziehen – vor allem, wenn ein solches Bild mit »Heimkehr« überschrieben ist. Die Liebe zur Kreatur schließt Tier und Mensch mit ein. (…)