Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Ralph Fleck – Bilder aus drei Jahrzehnten, Kulturzentrum Schloss Bonndorf, bis 4. September 2011

Bei Ralph Fleck füllt eine sinnliche Induktion das leere Blatt oder die leere Leinwand mit Eindrücken bzw. optischen Erfahrungen aus einem verdichteten Erlebnisraum. Die Ausstellung in Bonndorf gibt nun über 30 Jahre seines Schaffens Auskunft. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Eröffnungsrede von Günter Baumann.

»(…) Ralph Fleck gehört (…) zu den wichtigen deutschen Künstlern unserer Zeit, die den abstrakten Expressionismus mit einem nahezu analytischen Naturalismus verbinden (…). (Er) spielt nicht ohne Ironie mit den Sehgewohnheiten der Menschen einerseits, mit der Welt als Wille und Vorstellung andrerseits (indem er Motive bis ins Detail vorgibt, die sich mit schwindender Distanz in pastoses Farbgekröse auflöst). (…) Die Farbmassen hatten nach dem Willen des Künstlers Gestalt angenommen und sich im Auge des Betrachters zum glaubwürdigen Bild organisiert (…).

Ralph Fleck ist durch und durch Maler. Grafik interessiert den Farbenthusiasten wenig, und die Fotografie ist eher Mittel zum Zweck. Ausflüge in die Plastik – wie sie so manche Kollegen pflegen – macht er nicht, wobei sein Farbauftrag derart wuchtig ausfallen kann, dass wahre Reliefs entstehen. (…) Dieser schon fast obsessive Umgang mit der Farbe entspricht der Unbedingtheit des malerischen Anspruchs. Jeder Tag, an dem der Künstler nicht malt, ist ein verlorener Tag, und wenn man die Datierungen der Bilder unter die Lupe nimmt, ist es keineswegs die Ausnahme, wenn ein Bild nicht länger als einen Tag in Anspruch nimmt. Und wenn es schon länger dauert, so sind gleich mehrere Werke zugleich im Entstehen. Kurzum: Das Werk von Ralph Fleck ist schon quantitativ enorm. Ganze Serien kreisen um einzelne Themen wie die Seelandschaft, das Stadtbild – interessanterweise weitgehend menschenleer –, gegenüber dem regelrecht übermenschten Stadion- und Strandbild, dem Bücher- oder Gemüsestillleben, der Müllhalde und sogar der Malerpalette selbst – einmal als Sujet erkannt, lässt ein Motiv Fleck nicht mehr los. Was Sie, meine verehrten Damen und Herren, in diesem Museum sehen, ist da nur ein Bruchteil dessen, was im Lager beziehungsweise im Atelier, ganz zu schweigen von den Arbeiten in öffentlichem und privatem Besitz zu entdecken wäre.

Wenn ich sage, dass Fleck durch und durch Maler ist, so hat das nicht nur mit der Fülle des Oeuvres zu tun, sondern auch damit, dass auch die Vita dahinter zurücktritt. Gerne behilft man sich bei Eröffnungsreden mit dem biografischen Gerüst, um ein Künstlerwerk einzukreisen. Was Ralph Fleck angeht, reichen ein paar grobe Daten: Geboren 1951 in Freiburg, wo er unter anderen bei Peter Dreher studierte, und wo er heute noch lebt und arbeitet. Dazwischen liegen ein Stipendienaufenthalt in der Villa Massimo in Rom und natürlich unzählige Reisen, auf denen er seine Motive sammelt. Da er jedoch weder ein touristisches Interesse daran hat noch als Reiseillustrator oder gar als Vedutenmaler unterwegs ist, entwickelt Fleck seine Darstellungen gar nicht erst in der Zeichnung, sondern er greift auf Fotos zurück: Luftaufnahmen und eigene Schnappschüsse, deren Qualität irrelevant ist. Es geht um den letzten Endes unerschöpflichen Fundus ausbeutbarer Bildquellen, die erst im Atelier zur universellen Chiffre der bestehenden und zur farbgewaltigen Fiktion einer rein malerischen Welt werden. Man kann daraus keine nützlichen Spuren der Vita ableiten: Was heißt es schon, dass er in Freiburg und nebenan in Kirchzarten seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt sowie in Nürnberg eine Professur inne hat und ein Arbeitsrefugium in Portugal unterhält – Orte, die so zufällig erscheinen wie die Titel seiner Bilder oder das topografische Verzeichnis ihrer Präsenz auf den Messen und Galerien zwischen London und Madrid, Köln und Seoul.

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Nur kurz will ich dennoch einen Namen aus dem Lebenslauf herausgreifen: Peter Dreher, dessen Meisterschüler Ralph Fleck war. Von dieser Position her stammen, denke ich, die lapidaren Ding-Erkundungen, bei denen Fleck seinen Lehrer jedoch an Drive überholt. Mit einer an fernöstliche Meditation erinnernden Gelassenheit malt Dreher seit 1972 in realistischer Manier ein Wasserglas ums andere; seit 1974 – Ralph Fleck ist da bereits Student in der Freiburger Außenstelle der Karlsruher Kunstakademie – entwirft er akribisch reglementiert und konsequent zwischen 50 und 99 mal im Jahr das immergleiche Glas, Öl auf Leinwand, 25 mal 20 Zentimeter groß, mal tags, mal nachts. ›Tag um Tag guter Tag‹ heißt diese fazinierend einfache und zugleich komplex philosophische Bildgruppe, deren Titel an den mittelalterlichen japanischen Zen-Meister Yüan-wu erinnert und uns – bei mittlerweile rund viereinhalbtausend gemalten Gläsern – eindrücklich vor Augen führt, wie zweitrangig die Wahl des Motivs für den Reiz der Malerei ist. ›Das Was bedenke, mehr bedenke das Wie‹, wusste schon Johann Wolfgang Goethe.

(…) Ob nun aber die Bilderflut in den Medien oder die Dauerreizung unserer Sinne im Alltag oder der Eventwahn in der Gesellschaft wirklich immer etwas Neues generieren, mag man angesichts der Aktualität von Nietzsches ›Wiederkehr des Immergleichen‹ bezweifeln. ›Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins. Alles bricht, Alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins‹, heißt es in seinem Zarathustra. Also nichts für ungut, in philosophischen Kategorien gesehen tut sich nicht allzu viel. Der dauerhafte Wechsel im Dasein relativiert sich hierbei, wie auch auf den Leinwänden von Ralph Fleck, die im übrigen gar nicht mit den Arbeiten von Peter Dreher zu verwechseln sind. Wenn sich bei seinen wiederkehrenden Motiven die Farben im Ambiente ändern, geht er über seinen Meister hinaus und bleibt sich – und ihm – dennoch treu: In diesem Fall sind die Farben auch nicht so wichtig, ›wie bei Donald Duck‹, so sagte Fleck einmal, ›wo die Zimmerwände ihre Farbe beliebig wechseln – und man glaubt’s‹. Damit habe ich auch die Spannbreite des hintergründigen Horizonts abgesteckt, an dem sich Nietzsche und Donald Duck die Hand reichen. Ewig das gleiche Haus mit wechselnden Tapeten! Tiefer will ich da nicht bohren. Der Maler Fleck ist nahezu unverwechselbar, einen theoretischen Überbau hat er nicht nötig. ›Fleck bleibt Fleck‹, schrieb Peter Dreher 1989. Was immer er malt: ›Man glaubt’s‹.

(…) Als Büchermensch nehme ich mir das bibliophile Motiv vor. Genauso gut könnte ich eine andere Serie ins Zentrum stellen. Ich sehe sie vor mir, die bunte Schar von Schmökern, eng aneinander gepresst, die Lücken obenauf mit quergelegten Büchern aufgefüllt. Ein vertrauter Anblick. Es wäre kein Wunder, wenn der eine oder andere von Ihnen einen der Bände erkennen würde. Zuweilen macht Fleck es uns leichter, wenn er ganze Verlagsreihen offenbart, die mittlerweile, zumindest in der Regel, einen einheitlichen Auftritt haben. Im Fall des modernen Antiquariats, dessen Regalinhalt uns der Maler in dieser Ausstellung ausschnittweise zeigt, finden sich dagegen Titel unterschiedlicher Größe und verschiedener Verlage, alte und neue. Das ist der Befund. Aber (…) mit dem ist lektüremäßig nicht viel anzufangen. Die Bücherpracht, auf deren Rücken man auf einen flüchtigen Blick hin sogar einzelne Kürzel, Namen, bestimmte Buchumschläge zu entdecken glaubte, löst sich in betont senkrecht ausgerichtete Farbfelder auf, mit Lichtern, Verschattungen, in der Nahsicht geradezu quertreibende weitere Farbflächen und -linien. Plötzlich sehen wir nicht mehr oder weniger, als man auf der Darstellung eines Bücherstapels sieht, welches das Thema Buch selbst in der realistischen Fernsicht konterkariert. Zu sehen sind die sozusagen anonymen Unterseiten zweier aufgestapelter Bücherberge, aus vergleichbaren anderen Bildern aus der Serie lugt auch mal ein einzelner Titel hervor. Wie auch immer: Ralph Fleck suggeriert uns konkrete Inhalte, die en detail aus abstrakten Farbmassen besteht.

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(…) Vor einer ganz ähnlichen Farbanordnung – die Farben weniger längs gestreift als waagerecht und senkrecht arrangiert à la Mondrian – dürften wir erwarten, dass der Perspektivwechsel in Gegenrichtung keine Überraschung mehr bieten kann (…). Und was kommt dabei heraus? Montparnasse. Freilich ist der Schritt zum erkennbaren Motiv, diesmal aus der Gruppe der Wohnsiedlungen im Stil von Le Corbusier in der Randzone von Paris, deutlich (…). Wieder sind die Fern- und Nahsicht höchst unterschiedlich. Die abstrakte Version, wenn wir sie mal so nennen wollen, ist beidemal ein weitgehend geometrisches System über einem freien Farbenspiel, während die dingliche Ansicht mit feiner Beobachtung punktet – bis in die Inneneinrichtung der Wohnungen hinein kann der Betrachter blicken. Wir müssen uns jedoch vor Augen führen, was tatsächlich dargestellt ist: einmal ein Bücherregal, das andere Mal ein Wohnblock, das ist schon klar, aber es ist dieser Realismus, der gerade durch die Detailtreue von Ralph Fleck infrage gestellt wird: Die Bücher sind überdimensional in Szene gesetzt (…); dagegen nimmt sich der Wohnungsbau mit den strengen Balkonen wie eine Puppenstube aus. In beiden Fällen wird die Wirklichkeit unterlaufen, der fotografische Realismus – immerhin basieren die Werke auf Fotovorlagen – wird so verfremdet, bis die reine Peinture obsiegt. Schon die Tatsache, dass der Maler recht abgelegene Themen für seine verschiedenen Genres findet – im einen Fall handelt es sich um ein Stillleben, im anderen um ein Architekturbild –, zeigt die Lust am bildnerischen Fabulieren. Es ist schlicht sekundär, was zur Darstellung kommt, wichtiger ist das Spiel mit der Doppelexistenz abstrakter und figurativer Elemente, ist der Nervenkitzel, der darin besteht auszuloten, wie lange wir bereit sind, diese Arbeiten als gegenständlich zu akzeptieren und wie lange wir ihnen den Status als ungegenständliche Bilder gewähren.

Wir müssen nun nicht alle Werkgruppen daraufhin durchexerzieren, wo diese Seinsformen umkippen in die jeweils andere Form. Da sind die Städtebilder beziehungsweise Städtelandschaften und Hochhausmassive mit Plätzen und Straßen, umgeben von Häuserfluchten, und da sind die scheinbar unendlich weiten Landschaftsbilder selbst oder hochdramatische Seestücke. ›Ich bin manchmal selbst überrascht, dass aus einem Farbbrei ein Himmel wird‹, kokettiert Ralph Fleck mit seinem Genius. Anders als bei den Bücher- und Wohnblockbildern gibt es hier kein strukturelles Raster mehr, das die Farbflächen eben als Buch oder Balkon definiert. Es ist die pure Anhäufung von Farbe, die uns wider besseres Wissen vorgaukeln kann, zu sehen, was objektiv nicht gemalt wurde. Nehmen wir die Sonderform des Landschaftsbildes, den Monetschen Garten von Giverny: Hier überbietet Fleck selbst im Zitat die späten Werke des großen Impressionisten, indem er dessen schon abstrakte Naturerlebnisse farblich so überzeichnet oder gar ihrer Farben beraubt, dass aus dieser gestischen, man möchte sagen, ekstatischen Malerei schon wieder echt wirkende Seerosen aus dem Nichts auftauchen, aufblühen, wie sie sich Claude Monet kaum hätte träumen lassen. Dabei macht sich Fleck gar nicht so viel aus der Vegetation – karge Landstriche sind ihm lieber, wie die Lanzarote-Reihe zeigt.

Es ist ein schmaler Grat der Schönheit, den Ralph Fleck begeht. Immer wieder lassen sich die eruptiven Farbaufhäufungen auch in bunte Müllhalden oder drastische Schlachthofbilder verwandeln, oder es ragt in einem Reisebild ein Atomkraftwerk auf. Dabei folgt der Künstler, die objektivierbaren Dinge skeptisch beobachtend, seiner analytischen Intuition und seiner künstlerischen Spontaneität. Er verhält sich neutral, wertet nicht, im Gegenteil: Die Faszination für die Negativchiffren unserer Gesellschaft ist mindestens so groß wie die für die besonnten Naturschauspiele und imposanten Stadtkulturen, die noch nicht einmal durch die Präsenz von Menschen getrübt wird.

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Wie sieht es überhaupt mit dem Menschenbild in Flecks Werk aus? Zum einen – das wird uns kaum verwundern – ist auch der Mensch, besonders als Massenwesen in der Arena oder am Strand, Teil des Fleckschen Farbuniversums, in dem die Gestalt in Form und anders herum, von der Form in Gestalt umschlägt. Wenn jedoch der Mensch als Einzelwesen auftritt, etwa als Kellner oder als Tourist, wird der Malakt der ewigen Wiedererkennbarkeit und der dauerhaften Entfremdung doch auch zur psycho-ethischen Frage. Der hier gezeigte Kellner steht mit mürrischem Gesicht da, sein weißes Jackett und die schwarze Hose weisen ihn als Angestellten eines besseren Cafés aus, wo trotz Sonnenschein wenig Betrieb zu sein scheint (wenn da nicht ein Oberkellner seine Hiwis beaufsichtigt), denn die Taube, die neben ihm auf dem Piazza San Marco nach Futter pickt, lässt sich durch keinerlei Bewegung aus der Ruhe bringen. Die stoische, wenn auch formatfüllende Monumentalität des Kellners unterstellt eine Hintergrundgeschichte, auch wenn sie Ralph Fleck kaum beabsichtigt hat. Ungewollt legt sich da über die gestalterische Leichtigkeit des Seins dennoch etwas Wehmut.

Ralph Fleck hält uns einen Spiegel der Welt vor, der unsere Sicht auf die Wirklichkeit befriedigt und zugleich die Grenzen unserer Wahrnehmung aufzeigt. Das betrifft die Natur genauso wie die gebaute Welt, das Stillleben genauso wie das Menschenbild, denn was wir sehen, ist allenfalls die Oberfläche, und die stellt kaum ein zweiter Künstler so vielschichtig dar wie Fleck. Wo sich etwa das Buch als Farbskala entpuppt, ist es einerlei, was theoretisch darin stehen könnte, wo ein Meer sich in einen Farbbrei verwandelt, ist die schwelgerische Naturseele Fehl am Platz, und wo sich Menschenmassen in Pinselstriche auflösen, erübrigt sich ein gesellschaftskritisches Wort. Allein der Mensch wirft Fragen auf, die Fleck in den Raum zu stellen scheint. Aber diese zu beantworten, ist für ihn gar nicht die Aufgabe des Malers (…).«