Buchrezensionen

Barreneche, Raul A.: Moderne Häuser zwei, Phaidon Verlag, Berlin 2005.

Das Buch von Raul A. Barreneche behandelt Themen die von Architekten in innovativen Häusern erprobt wurden.

Der Autor ist amerikanischer Journalist, lebt in New York und schreibt als Architekturkritiker seit zehn Jahren über Architektur und Design. Es geht ihm um zeitgemäße Wohnformen, wie mehrere Generationen unter einem Dach, Arbeiten und Wohnen in einem Haus und um Erholung und Freizeit in Feriendomizilen verschiedenster Ansprüche.

Der umfangreiche zweite Band „Moderne Häuser zwei“ stellt die Fortsetzung des erfolgreichen Buchs des Phaidon-Verlags „Moderne Häuser“ dar. Der Autor zeigt einen Ausschnitt aus dem weiten Feld der modernen Wohntechnologie. Dabei greift er die modernsten Lösungen heraus und macht an 33 weltweit ausgewählten Häusern in unterschiedlichsten Landschaften eindrucksvoll anschaulich, wie unerschöpflich das Entwickeln von Ideen, gepaart mit Phantasie und ingenieurtechnischem Können, zu intelligenten Raumlösungen, Ästhetik und Funktion führen können. Zugleich zeigen die gut ausgewählten Photos und die treffenden Beschreibungen das Spektrum modernen Bauens in der Wohnhaus-Welt.

Der Autor beschreibt die Verlockung eines eigenen modernen Wohnhauses und die gewachsene Rolle im öffentlichen Bewusstsein ohne Sentiment. Alle in diesem Buch vorgestellten Häuser stehen für verschiedene Formen der Innovation: für die Integration der Architektur in die Landschaft, für den Umgang mit schwierigen städtischen Bauplätzen und für den Einsatz von neuen Materialien und Energie sparenden Technologien. Modernes Bauen ist industrielles Bauen – egal ob es sich um sogenannte Fertighäuser im Massentypenbau handelt oder um vom Architekten individuell geplante und mit modernen Technologien realisierte Wohnhäuser. Ohne moderne Werkstoffe und maschinelle Techniken wäre heute auch kein individuelles Wohnhaus realisierbar.

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Augenscheinlich sind die charakteristische Ausstrahlung und funktionale Raumgestaltung mit modernen Materialien, die Funktionen und Raumästhetik bestimmen, nur mit modernen Ideen in der Konstruktion und der Statik zu einem Gesamtentwurf möglich. Die in diesem Buch vorgestellten Häuser verbinden modernes Leben im wahrnehmbaren Drinnen und Draußen, realisiert in Raumkonzepten, die die Verknüpfung von beiden erleben lassen. Dieses ist grundsätzlich als Prämisse für ein übergreifendes neues Lebensgefühl eingerichtet worden. Lebensbereiche des Wohnens und Arbeitens sind nicht mehr strikt voneinander getrennt, sondern werden durch Lichtkonzepte und „Sichtfenster“ räumlich zusammengeführt. Ob dies als eine Befriedigung der Sehnsucht nach Licht aus der relativ unflexiblen Bauweise der Typenhäuser großer Städte resultiert oder ob durch gewachsenen Wohlstand die Realisierung individueller Lebensbilder für mehr Menschen möglich geworden ist muss hier offen bleiben. Sicher ist aber, dass beide Faktoren ursächlich verbunden sind und dem planenden Architekten Aufgaben aufgeben, deren Lösung sein erstes Anliegen sein muss. Die Vorstellung vom modernen Wohnhaus, das sich zu seiner Umgebung öffnet ist nicht neu. Die frühe Moderne mit Walter Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier, Richard Neutra und Rudolf Schindler erklärten die Erweiterung des Innenraumes in den Außenraum zum zentralen Dogma ihrer Entwurfsphilosophie.

Barreneche macht mit seiner Auswahl auch deutlich, dass sich moderne Bauweise größtenteils nicht in Deutschland sondern in anderen Ländern oder auf anderen Kontinenten vollzieht. Historisch gesehen kamen weltberühmte Architekten der Moderne aus Deutschland, die von den Nazis vertrieben worden sind und vor allem in Amerika mit ihrer Architektur zu hohem Ansehen gelangten.

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„Moderne Häuser Zwei“ bietet einen Überblick über die weltweit innovativsten neuen Wohnhäuser wie sie bisher selten in Essays zur Architektur beschrieben wurden. Die Untergliederung des Buches in drei Schwerpunkte definiert schnörkellos die wesentlichen Zusammenhänge zur Betrachtungsweise von Kriterien Modernen Bauens:
Die Durchdringung von Innen- und Außenraum
Neue Vorstellungen vom Raumprogramm
Materialien, Handwerk und Technologie

In einer Einleitung zu diesen Kapiteln stellt der Autor seine Sicht auf die Entstehung von Ansprüchen an die moderne Lebensweise in einer Gesellschaft der Massenmedien dar. Er macht deutlich, dass Innovationen bei der Anwendung moderner Technologien zur Förderung von Nachhaltigkeit im Umgang mit Umwelt und Natur Voraussetzungen für modernes Bauen sind. Daraus können die Leser schließen, dass rücksichtsloses Ausbeuten der natürlichen Rohstoffe für grenzenloses Wachstum ohne Chancen der Revitalisierung natürlicher Prozesse nicht Anliegen des modernen Bauens sein kann.

Alle 33 Häuser sind aus verschiedenen Blickwinkeln im Innern und im unmittelbaren Außenraum und in der Eingliederung in die sie umgebende Landschaft - mit zahlreichen Farb- und Schwarzweiß-Photographien – hervorragend dokumentiert. Diese ausführlich dokumentierten Häuser aus 15 Ländern stammen sowohl von renommierten als auch viel versprechenden jungen Architekten, darunter von David Adjaye (London), Tadao Ando (Japan), Toyo Ito (Japan), Shigeru Ban (Japan), Carlos Ferrater (Spanien), Sean Godsell (Australien), Kengo Kuma (China) und Werner Sobek (Deutschland).

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Das besondere in der Erkundung der Architektur durch Barreneche ist, dass er die Architekten findet, die sich viel mit der Suche nach neuen Materialien beschäftigt haben und dies ihren Bauwerken auch anmerken lassen. Nicht selten hat die Materialbeschaffung bspw. aus dem nahen Gebiet des zu bauenden Hauses zu radikalen Vereinfachungen bei sonst technologisch durchgearbeiteten Lösungen geführt und damit zu längeren Bauzeiten und mehr Hilfspersonal. Besondere Steine mussten 2 Jahre lang aus den umgebenden Flüssen gesucht werden, um die Gestaltung der Wände und des Daches durchzuführen: Ma Qing Yun von MADA s.p.a.m. in China setzte glatte Flusskiesel in Betonrahmen ein.

Das Bamboo Wall House von Kengo Kuma verwendet mit Beton verstärkte Bambusstämme zur Bildung zarter, Licht filternder Trennwände. Das eigene Haus des deutschen Architekten Werner Sobek in Stuttgart ist eine experimentelle Hightech-Kiste aus Glas. Zu den intelligenten Einrichtungen des Hauses gehören ein Heiz- und Kühlsystem, das sich die starke Sonneneinstrahlung im voll verglasten Haus zunutze macht.

Im 2. Kapitel des Buches zeigt Barreneche Häuser mit neuen Raumprogrammen. Beispielsweise im von Baumschlager-Eberle entworfenen Haus Flatz in Liechtenstein sind die Kinderzimmer vom Schlafbereich der Eltern getrennt - oder Gary Chang plante das Suitcase House mit höchster Flexibilität, minimaler beweglicher Möblierung und Luken im Boden, welche die unterirdischen Schlafbereiche erschließen. „Die Lebensformen der Menschen ändern sich mit rasender Geschwindigkeit, aber die Häuser, in denen die meisten von ihnen wohnen, haben sich über Generationen hinweg nur wenig verändert. Der traditionelle Wohnungstyp im größten Teil der Industriestaaten hat im Verlauf der Jahrhunderte nur geringe Fortschritte gemacht. Heutzutage sind Größe und Struktur der Familien unterschiedlich, ebenso die Aktivitäten die im Haus stattfinden. Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit ist schwerer zu definieren, da mehr Angehörige der arbeitenden Bevölkerung zu Hause arbeiten wollen oder müssen. Die Menschen leben länger, was oft bedeutet, dass sie mit erwachsenen Kindern und Enkeln unter einem Dach wohnen müssen. Und da das Leben komplizierter und stressiger geworden ist, wird größerer Wert auf Zeit und Raum zur Erholung gelegt, sei es durch Einrichten von entsprechenden Räumen und Fitnessbereichen in der eigenen Wohnung oder durch Zweithäuser, wo man dem Druck der Arbeitswelt entfliehen kann. Barreneches Fazit: „für manchen Architekten liegt die Lösung für so unterschiedliche Forderungen im Entwurf sehr flexibler Häuser mit Grundrissen, die sich wachsenden Kindern, schrumpfenden Familien und vielfältigen Funktionen anpassen lassen. Die Wandlungsfähigkeit ist der ausschlaggebende Punkt, der das Wohnhaus der Zukunft von den noch immer aktuellen Häusern der Vergangenheit unterscheiden wird.“

Bibliographische Angaben

Raul A. Barreneche: Moderne Häuser zwei, Phaidon Verlag, Berlin 2005.
Deutsche Ausgabe, gebunden. 240 S. ca. 300 Farb- u. 20 S/W Abb.
Preis: € 59,95

 

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