Buchrezensionen

Baumgarten, Alexander Gottlieb: Ästhetik. Lateinisch-Deutsch, 2 Bände; übers. und hrsg. von Dagmar Mirbach, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2007

»Alexander Gottlieb Baumgarten ist nur noch dem Namen nach bekannt«, bedauerte 1984 der Germanist Hartmut Scheible (»Wahrheit und Subjekt«, Bern und München, S. 72) und fuhr dann fort: »Es ist Teil der philosophiehistorischen Minimalausstattung zu wissen, daß er den Begriff der Ästhetik zuerst im modernen Sinne gebraucht und ihn zur Benennung einer neuen philosophischen Disziplin verwandt hat.«

Und vor zehn Jahren noch schrieb Brigitte Scheer in ihrer »Einführung in die philosophische Ästhetik« (Darmstadt 1997, S. 53): »Baumgarten (1714 – 1762) ist ein in der philosophischen Literatur oft erwähnter, aber gleichwohl selten gelesener Autor. Das mag zum Teil daran liegen, daß seine Schriften in einem etwas spröden Latein geschrieben sind und bis heute noch nicht vollständig ins Deutsche übersetzt worden sind.«

Rund 250 Jahre hat die deutschsprachige wissenschaftliche Welt also darauf warten müssen, dass Baumgartens »Aesthetica/Ästhetik« (unvollendet; erster Teil 1750, zweiter Teil 1758) endlich komplett übersetzt vorliegt. Zu danken ist das der Tübinger Philosophin Dagmar Mirbach, die nach achtjähriger Arbeit an diesem Projekt nun bei Felix Meiner zwei stattliche Bände vorlegt, die dem Desiderat abhelfen (bislang war auf die achtbare Auswahl H. R. Schweizers zurückzugreifen) und mit ihrem reichhaltigen wissenschaftlichen Beiwerk eine überaus solide Forschungsgrundlage liefern. In der über sechzigseitigen Einführung, die man zur Vorbereitung auf die wahrlich anspruchsvolle Lektüre der 904 Paragraphen der »Ästhetik« unbedingt studieren sollte, skizziert die Herausgeberin und Übersetzerin Mirbach ihr Vorhaben wie folgt: »Es ist zu wünschen, daß die hier vorliegende vollständige lateinisch-deutsche Ausgabe der ›Aesthetica‹ mit den zur Verfügung gestellen Anmerkungen, der Übersetzung der Referenzstellen in der ›Metaphysica‹ und der ›Ethica philosophica‹ und dem Baumgartens eigenen Sprachgebrauch dokumentierenden Glossar dazu beitragen kann, das Werk auch in deutscher Übersetzung ›lesbar‹ und damit der weiteren Erforschung zugänglich zu machen.« (S. XXV)
 

Fortsetzung von Seite 1

Man hat also aufmerksam abzuwarten, wie der Fachdiskurs reagieren wird. Jedenfalls wird derjenige, der sich mit der Geschichte der Ästhetik als einer Philosophie der Sinneserfahrung und des Schönen (insonderheit des Kunstschönen) befasst und den Anfängen der - von Baumgarten begründeten - Disziplin nachspüren möchte, an dieser Neuausgabe nicht vorbeigehen können. Zentralbegriffe wie »Schönheit«, »Vollkommenheit«, »ästhetische Wahrheit« und vor allem »sinnliche Erkenntnis« begegnen hier gleichsam am Urquell der modernen Debatte über die vielen und bunten Möglichkeiten eines menschlichen Weltbezugs, der außerhalb der Domäne der reinen Vernunft angesiedelt ist.

Als Standardformel hat sich der Philosophiegeschichtsschreibung das Wort von der »Aufwertung der sinnlichen Erkenntnis durch Baumgarten« eingeprägt. Nicht zu Unrecht, denn Baumgarten fasst die »cognitio sensitiva« als eine der Vernunft ebenbürtige Instanz, als ein »analogon rationis«. Ihr Gegenstandsbereich sind prinzipiell alle Künste, also auch Malerei, Bildhauerei und Musik, wenngleich fast sämtliche Erläuterungsbeispiele der antiken Dichtkunst entstammen. Der erste Paragraph der »Ästhetik«, aus dem sich dann Schritt für Schritt alles Weitere entwickelt, definiert: »Die Ästhetik (Theorie der freien Künste, untere Erkenntnislehre, Kunst des schönen Denkens, Kunst des Analogons der Vernunft) ist die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis.« (S.11)

Man hat also schon hier am Anfang mit einer Terminologie zu tun, die im Leibniz-/Wolffschen Rationalismus wurzelt und deren Bedeutung (d. h. ihre Verortung im philosophischen Systemzusammenhang) sich dem unvorbereiteten Leser erst mit Hilfe der Kommentare und Anmerkungen der Herausgeberin sowie der wichtigsten Referenzstellen aus anderen Werken Baumgartens erschließt. Mithin ist man gewarnt: Wer die beiden voluminösen Bände zur Hand nimmt, hat keineswegs einen lockeren Geistesspaziergang oder ein pures Sinnenvergnügen vor sich. Unverständlicherweise hat es der Verlag versäumt, zur leichteren Orientierung ein deutsches Register der tragenden Begriffe zur Verfügung zu stellen.

Fortsetzung von Seite 2

Von einiger Prominenz ist § 560. Er befasst sich mit dem Verhältnis von Allgemeinem (logischer/metaphysischer Wahrheit) und Besonderem/Individuellem (ästhetischer Wahrheit). Die folgende Textprobe mag einen Eindruck vom Argumentationsduktus Baumgartens wie auch von der Übersetzungsleistung Mirbachs geben, die sich in ihrer Wortwahl sehr eng an die Verdeutschungen gehalten hat, die Baumgarten selbst seinen lateinischen Texten hatte angedeihen lassen. - Grundsätzlich steht philologische Präzision immer tendenziell in Konkurrenz zu glatter Eleganz. »Ich meine in der Tat«, lesen wir also in § 560, »daß es den Philosophen nunmehr in höchstem Maße offenkundig sein kann, daß in der Vorstellung und in der logischen Wahrheit nur mit einem Verlust an vieler und großer materialer Vollkommenheit zurechtzubringen war, was auch immer ihnen an formaler Vollkommenheit innewohnt. Denn was ist die Absonderung [abstractio], wenn nicht ein Verlust [iactura]? Ebenso brächtest du aus einem Marmor von unregelmäßiger Form keine Marmorkugel heraus, wenn nicht durch wenigstens soviel Einbuße an Material, in welchem Maße sie der höhere Wert der Rundheit verlangen wird.« (S. 539)

Dieses Bild Baumgartens, das den bei jeder rein logischen Verstandesoperation anfallenden Verlust an sinnlicher Fülle mit dem Verwerfen überständigen Materials bei der Arbeit des Bildhauers vergleicht, verpflichtet zum gründlichen Nachdenken: Was wird denn nun wovon »abgezogen/abstrahiert«? Wie ist das Verhältnis von »formal« und »material« im Kontext von Ontologie und Metaphysik präzise zu bestimmen, so dass klar wird, was nun genau mit »Vollkommenheit« gemeint ist? Immerhin gab dieser Schlüsselbegriff den folgenden Theorien über das (Kunst-)Schöne reichlich Anlass zur kritischen Rezeption der Baumgartenschen »Vollkommenheitsästhetik«.

Fortsetzung von Seite 3

Wie gesagt, 250 Jahre haben ins Land gehen müssen, bis Baumgartens »Ästhetik« endlich vollständig in deutscher Übersetzung vorliegt. Und nun ereignet sich das Sonder- und Wunderbare: Dem diesjährigen Programm des Fink-Verlags ist die folgende Vorankündigung zu entnehmen:

Alexander Gottlieb Baumgarten: Aesthetica - Ästhetik. Lateinisch-deutsche Ausgabe. Herausgegeben von Constanze Peres. Übersetzt mit Anmerkungen, einführenden Essays, erläuternden Baumgarten-Texten, einer Bibliographie und einem Aesthetica-Lexikon versehen von Constanze Peres und Peter Witzmann.

Auf den Markt kommen wird der von der Dresdner Professorin für Philosophie/Ästhetik (Hochschule für Bildende Künste) Constanze Peres verantwortete Band voraussichtlich erst im nächsten Jahr (2008). Wenngleich er, soviel bisher verlautet, anderen Editions- und Übersetzungsprinzipien folgen wird, ist er ebenfalls Produkt eines jahrelangen Forschungsprojekts, an dem nicht weniger engagiert und ambitioniert gearbeitet wurde als an der hier besprochenen Meiner-Ausgabe.

Für die beiden Herausgeberinnen mag die Koinzidenz nicht unbedingt nur erfreulich sein. Indes bietet das in Aussicht stehende aktuelle Nebeneinander zweier völlig unabhängig voneinander entstandener »Ästhetiken« dem wissenschaftlichen Publikum die Gelegenheit, dem in vieler Hinsicht großen Werk Baumgartens auf dem Weg der vergleichenden Lektüre erheblich näher zu kommen, als es bis dato möglich war. Eigentlich ist das dann doch eine richtig schöne Geschichte.