Buchrezensionen

Baumgarten, Ralf: UhrMenschen – 50 Menschen, 50 Uhren, 50 Porträts, fotografiert und beschrieben von Ralf Baumgarten, Athena Verlag, Oberhausen 2005.

Jemand, der es wissen muss, nämlich der Modeschöpfer Karl Lagerfeld, definierte einmal sein Metier so: „Mode ist die Nachahmung derer, die sich unterscheiden wollen, von denen, die sich nicht unterscheiden.“

Damit hat er präzise das Dilemma des Sozialwesens Mensch auf den Begriff gebracht: Von jeher steht unsere Spezies zwischen dem dringenden Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Nachahmung, ja, unter Konformitätsdruck einerseits und dem Wunsch auf der anderen Seite, sich in besonderer Weise abzuheben und Eigentümlichkeit zu inszenieren.

Auch und gerade auf dem Feld der kleinen modischen Accessoires gilt diese Zwickmühle. Es funktioniert wie die Statussymbole der Steinzeit als soziales Signalsystem und fordert seit eh und je Antwort auf die gleichen bohrenden Fragen: Sehen mich die anderen, wie ich mich sehe? Wer bin ich? Wo stehe ich? Wer steht vor und neben mir?

Wir Uhrmenschen sind wie die Urmenschen Getriebene, nur anders. Nicht der Kampf ums nackte Überleben und die tägliche Ration an Eiweiß und Fett jagt uns, sondern der Termindruck, die Dynamisierung des Alltags im Hetzdiktat der Minuten und Sekunden. Nicht von ungefähr war die geniale Erfindung des hitzköpfigen Peter Henlein, der vor ziemlich genau fünfhundert Jahren mit dem „Nürnberger Ei“ zum Vater der tragbaren Uhren wurde, die „Unruh“.

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Dass nicht nur die Machtsymbole der grauen Vorzeit, sondern auch die Zeit der klassischen Galanteriewaren Fächer, Tuch, Handschuh, Stock und Hut vorbei ist, will nichts sagen; wir haben sie gegen Brille, Handy oder das besondere Schreibgerät eingetauscht und streuen damit ständig in die Welt: „Seht her! So bin ich. Suche Gleichgesinnte!“ Ein ganz besonderes Accessoire in dieser Hinsicht ist die Armbanduhr, haben wir sie doch stets bei uns, ist sie doch unser stetiges Navigationsinstrument im beschleunigten Strudel der Zeit, ist ihr Platz doch dicht neben de Hand, und die gilt ja unter allen Körperteilen als das mit einem besonders sprechenden Ausdruck. Der Uhr gilt der letzte Blick am Abend und der erste am Morgen, und nicht wenige Zeitgenossen legen sie nicht einmal im Schlaf ab.

Davon handelt dieser Fotobildband von Ralf Baumgarten. Der 1960 in Saarbrücken geborene Fotodesigner sucht die Beziehung zwischen Mensch, Symbolträger Armbanduhr und persönlicher Geschichte auszuloten. Das Reizvolle daran ist, dass Baumgarten bei allen drei Aspekten viel Freiraum für Fantasie lässt. Das Buch ist großzügig und in jeder Beziehung ansprechend gestaltet, weshalb es soeben auch mit dem red dot award: communication design 2005 ausgezeichnet wurde. Zunächst kommen die Texte, in denen die Betreffenden über ihr besonderes Verhältnis zu ihrer Armbanduhr Auskunft geben. Dies geschieht durch pointierte Zitate, aber grundsätzlich in geraffter Berichtform in der dritten Person. Dabei stellt sich heraus, dass es keineswegs nur um die äußere Form und das individuell bevorzugte Design geht. Es werden Geschichten erzählt, die offenbaren, dass sich mit Uhren Schicksale verbinden können. Denn immer noch sind Armbanduhren Anlass-Geschenke zu herausgehobenen Lebensstationen, zur Hochzeit, zum Examen, zur Geburt eines Kindes. Immer noch symbolisieren sie das so alltägliche wie exquisite Schmuckstück, welches Beziehungen und generative Wechsel überdauert, weitergereicht und in ehrendem Andenken gehalten wird. Neben dem Namen und dem Alter der betreffenden Person tauchen manchmal weitere Informationen auf (familiäre Situation, Beruf), die schlaglichtartig Einblicke gewähren, ohne den Menschen allzu nah zu rücken. In jedem Fall entsteht durch den Text, der ja in aller Regel gleichbedeutend mit einem erinnernden Blick in die Vergangenheit ist, ein reizvoller Kontrast zum Medium der Porträtfotografie. Denn sobald wir umblättern, treffen wir auf das Gesicht dieses Menschen, nah gerückt, nicht selten nach rechts aus der Bildachse verschoben, dabei grundsätzlich den Betrachter direkt anschauend. Das Porträt wird somit zum Kontrapunkt und Prüfstein zur Eingangsvorstellung in narrativer Form. In ihm kulminiert das hic et nunc eines einmaligen, unverrückbaren Augenblicks, der die Frage an den Betrachter stellt, ob sich die vagen diachronen Spuren aus der Lebensgeschichte in diesem Gesicht nun wieder finden und vielleicht ablesen lassen.

Dieser Aspekt wird durch das technische Arrangement unterstrichen: Alle Bilder wurden mit einer Mittelformatkamera draußen, bei natürlichem Tageslicht geschossen, und immer verwendete Ralf Baumgarten ein Teleobjektiv, so dass das Gesicht scharf aus einem Hintergrund tritt, der wie in flüchtiger, sozusagen schwindlig machender Bewegung verwaschen bleibt.

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Überraschend ist, dass ein sehr viel komplexeres Codierungssystem, als man zunächst vermuten möchte, den Ausschlag gibt, wer welche Armbanduhr trägt und in Großaufnahme in seiner Hand hält. Sicher, da geht es dem einen ums Design, um den Ausweis von Konservativität in Form von römischen Zahlen oder klassizistischer Serifenschrift, dem andern um Multifunktionalität oder die unübertroffene Präzision des Innenlebens auf kleinstem Raum. Die Uhr dient dem einen als banale Zeitansage, dem nächsten als Protzobjekt, dem dritten als gezieltes Understatement. Sie wird liebevoll „mein treuer ständiger Begleiter“, „mein Lustkauf“ oder „meine Liebe auf den ersten Blick“ genannt. Immer hat das (Marken-)Image auch etwas mit Magie zu tun, mit dem, was Freud als „libidinöse Übertragung“ und „Fetischisierung“ beschrieb. Die Eigenschaften, die man sich selbst zuschreibt, sucht man in der Uhr die man gewählt hat: Gradlinigkeit, Verspieltheit, Schlichtheit, Kompromisslosigkeit, Modernität, Treue usw. Schätzungsweise 600 Marken mit einer Unzahl von Modellen sind auf den größten Uhrenmessen zu finden, - eine Diversität, die es erlaubt, zwischen Uniformität und Individualität die persönliche Positionierung sehr genau zu finden.

Der Reiz des Bildbandes ist offensichtlich: Der Blick des Betrachters wandert zwischen dem Fotoporträt und der (auch in der Größe) analogen Form der Uhr auf der linken Gegenseite hin und her und übt sich im abgleichenden Lesen der sozialen Codes: Lag ich richtig? Passt diese Uhr zu diesem Menschentyp? Dann aber sind es plötzlich ganz andere Kriterien, rein menschliche Geschichten eben, die darüber entschieden haben, dass die Suche nach Entsprechungen in die Irre läuft und die Vermutung nicht bestätigt wird. Wie die von dem skurrilen Lord (der schon gar nicht aussieht, wie man sich einen Lord erträumt), welcher sich mit seiner Armbanduhr gezielt ein Denkmal setzen wollte. Die teuerste, die jemals die Welt gesehen, sollte es sein und auch die 249 anderen, die er schon besaß, in jeder Beziehung in den Schatten stellen. Als sie fertig war, hatte er zwar zwei geniale Uhrmacher mit einem Schlag berühmt gemacht, aber er konnte sie nicht gebrauchen. Sie war einfach zu wertvoll, um auf Reisen gehen oder gar getragen werden zu können. Auch möchte der Lord (wir können es nachempfinden) der angenehmen Wärme der Côte d’Azur nur ungern den Rücken kehren. So lagert sie, wohl behütet, in einem dunklen Schweizer Safe und tickt nun Tag und Nacht einsam vor sich hin.

Bibliographische Angaben

UhrMenschen. 50 Menschen, 50 Uhren, 50 Porträts / 50 People, 50 Watches, 50 Portraits, fotografiert und beschrieben von Ralf Baumgarten / photographed and described by Ralf Baumgarten, Athena Verlag, Oberhausen 2005.
222 Seiten mit 100 Duotone-Tafeln, Format 29,7 x 21 cm
ISBN 3-89896-222-9, Deutsch/Englisch, Preis: 29,50 €

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