Buchrezensionen

Becker, Peter J. und Overgaauw,Eef: Aderlass und Seelentrost

„Aderlass und Seelentrost“ ist der Titel einer Ausstellung, welche einem breiten Publikum zunächst in Berlin und jetzt noch bis Mitte Februar des nächsten Jahres in Nürnberg zahlreiche, für die deutsche Kultur und die philologische Forschung bedeutsame Handschriften und Inkunabeln der Zeit vom 9. bis zum 16. Jahrhundert vorstellt.

Der größte Teil der über einhundert ausgewählten Exponate stammt aus dem Besitz der Berliner Staatsbibliothek. Ausstellungsbegleitend erschien ein reich bebilderter Katalog, der die thematische Breite sowie den Umfang der Ausstellung widerspiegelt und nicht nur eine umfassende Überschau der mittelalterlichen Überlieferung bietet, sondern zugleich auch versucht, den Entwicklungsgang der literarischen Produktion mit aufzuzeigen. Neben reich verzierten Bibeln, Predigttexten und erbaulichen Schriften werden literarhistorisch bedeutende weltliche Lyrik- und Epikhandschriften, Rechtstexte, naturwissenschaftliche Kompendien, Chroniken und frühe Reiseberichte vorgestellt. So unterschiedlich die einzelnen Handschriften hinsichtlich ihres Inhalts, ihrer Ausstattung, Datierung, Herkunft und ihres Benutzerkreises auch sind, sie haben eines gemein: sie sind durchweg in deutscher Sprache verfasste mittelalterliche Werke der Erbauung, Frömmigkeit oder Unterhaltung.

Nach zwei kurzen Beiträgen zur Erwerbung mittelalterlicher Handschriften durch die Preußische Staatsbibliothek bis und nach 1945 sowie einer Einführung zur bildlichen Ausstattung volkssprachlicher Codices bietet der Katalog - analog zur Ausstellung - in zwölf Kapiteln eine Überschau über die Überlieferung deutschsprachiger Texte des Mittelalters. Der erste Abschnitt widmet sich den Anfängen der volkssprachlichen Literatur und präsentiert mit dem um 850 entstandenen Heliand-Fragment aus dem Besitz des Deutschen Museums das älteste Werk epischer Dichtung in deutscher Sprache (Berlin, DHM, R 56/2537, Kat. Nr. 1). Es folgen im zweiten Abschnitt deutsche Glossen und Glossare, darunter als eines der umfangreichsten Glossare das „Summarium Heinrici“ (Berlin, SBB-PK, Ms. lat. oct. 445, Kat. Nr. 4). Das umfangreiche dritte Kapitel ist der volkssprachlichen Literatur gewidmet und nochmals in neun Unterabschnitte gegliedert. Sie widmen sich der Helden- und Dietrichepik, der Spielmanns- und höfischen Epik, der Lieddichtung, den mittelalterlichen Spielen, den Handschriften der Lauber-Werkstatt, Romanen und Fabeln, den Werken des Frühhumanismus sowie der Didaxe. Zu den herausragenden Handschriften dieser Abteilung zählen der auf 1436/1442 datierte bebilderte Nibelungen-Codex (Berlin, SBB-PK, germ. fol. 855, Kat. Nr. 10), aber auch die sogenannte Riedegger Handschrift, der älteste Textzeuge der Liedersammlung Neidharts von Reuental (Berlin, SBB-PK, germ. fol. 1062, Nr. 46) oder die Berliner Eneide (Berlin, SBB-PK, germ. fol. 282, Kat. Nr. 22), die erste illustrierte Handschrift eines deutschen höfischen Epos.

# Page Separator #

Ähnlich umfangreich präsentiert sich auch das der Fachprosa gewidmete zehnte Katalogkapitel. Hier werden medizinische Handschriften ebenso vorgestellt wie Kräuter- und Wahrsagebücher, Kompendien zur Astronomie oder Alchemie, aber auch zum Jagd- und Kriegswesen. Hinzu kommen Kalender, Reiseliteratur, Feuerwerkbücher und das Fechtbuch. An herausragenden Werken sei exemplarisch auf das astrologisch-medizinische Lehrbuch „Regimen“ Heinrichs von Laufenberg (um 1450) verwiesen (Berlin, SBB-PK, germ. fol. 1191, Kat. Nr. 165). Die dazwischenliegenden Kapitel vier bis neun präsentieren Deutsche Bibeln, Heiligenlegenden- und Erbauungsliteratur, Heilsspiegel, Predigten und Visionsliteratur, Gebetbücher und Rechtshandschriften. Die letzten beiden Katalogabteilungen behandeln schließlich die mittelalterliche Geschichtsschreibung sowie den Buchdruck als neues Medium. Hier finden sich unter anderem die Weltchronik des Rudolf von Ems (14. Jh.) (Berlin, SBB-PK, germ. fol. 623, Kat. Nr. 194), aber auch die 1493 in Nürnberg von Anton Koberger gedruckte Weltchronik des Hartmann Schedel (Berlin, SBB-PK, Inc. 1746, Kat. Nr. 199). Neben dieser wird noch eine Reihe weiterer bedeutsamer Inkunabeln vorgestellt, darunter Ulrich Richentals „Concilium zu Konstanz“, das als das erste bedeutende gedruckte Wappenbuch gilt (Berlin, SBB-PK, Inc. 134, Kat. Nr. 208).

Insgesamt bietet der Katalog dem Leser eine bemerkenswerte Überschau der volkssprachlichen Literatur des Mittelalters. Vorzüglich ist die übersichtliche Präsentation des umfangreichen Materials. Die durchweg mit einer erläuterten Abbildung versehenen Katalogeinträge stellen den jeweiligen Codex zunächst in knapper Form mit Titel, Datierung, Provenienz sowie die wichtigsten kodikologischen Eckdaten vor. Es folgen eine Beschreibung der jeweiligen Handschrift oder des Druckes, die auch dem Leser ohne große Vorkenntnisse auf eingängige Weise die wichtigsten Informationen bietet, sowie eine Kurzbibliographie. Bisweilen ist einzelnen Handschriftengruppen zusätzlich ein in die Materie einführender Abriss vorangestellt. Mit seiner übersichtlichen und leicht verständlichen Darbietung der Handschriften, der anschaulichen Bebilderung, der einfachen Darstellung sowie den ergänzenden Literaturhinweisen sei der Katalog „Aderlass und Seelentrost“ jedem an der deutschen Literatur des Mittelalters sowie an Handschriften und Inkunabeln Interessierten zur Lektüre sehr empfohlen.

Bibliographische Angaben

Becker, Peter J. und Overgaauw,Eef: Aderlass und Seelentrost, Zabern 2003
473 Seiten, ISBN-13: 978-3805331548

Diese Seite teilen