Buchrezensionen

Belting, Hans: Das echte Bild. Bildfragen als Glaubensfragen, Verlag C.H.Beck, München 2005.

Von Angesicht zu Bildgesicht

In einem der mächtigen Vierungspfeiler des Petersdoms – hinter dicken Stahltüren und kostbarem Brokat – befindet sich die heiligste Reliquie, die Rom zu bieten hat: Das so genannte Schweißtuch der Veronika, das selbige – so die Legende – Jesus auf dem beschwerlichen Kreuzweg nach Golgatha reichte, um sich das Gesicht zu trocknen. Als sie das Tuch wieder an sich nahm, sind an ihm die Züge des Heilands haften geblieben – ein Bild, nicht von Menschenhand gemacht. Nur einmal im Jahr, und dann auch nur für Sekunden, wird der Abdruck des Heilands den Gläubigen im Petersdom aus großer Entfernung gezeigt. Gezeigt? Erkennen kann man aus der Distanz nicht das Geringste, doch selbst wenn man es könnte, sähe man darauf, wie unabhängige Quellen versichern, nur einen dunklen Fleck.

Glaube versetzt Berge, heißt es, Glaube vermag aber noch mehr, denn, so die These des inzwischen in Wien tätigen Kunstwissenschaftlers Hans Belting, der Glauben macht Bilder. In seinem jüngst erschienenen Buch „Das echte Bild“ mit dem programmatischen Untertitel „Bildfragen als Glaubensfragen“, demonstriert Belting dem Leser, dass zentrale Diskussionen der Theologie von Spätantike bis Reformation nahezu direkt auf die Wissenschaft vom Bild übertragbar sind.

Der Ansatz der Beltingschen Argumentation ist die in der mittelalterlichen Trinitätsspekulation paradigmatische Ansicht der Person Jesus Christus als Bild Gottes. Betrachtet man nämlich Jesus selbst als Bild, so lassen sich die Streitpunkte von Gesicht und Maske, von Fleischwerdung und Körperlichkeit, von Transsubstantiationslehre und Realpräsenz auch auf die Bilder des Bildes von Gott applizieren.

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Dafür werden die theoretischen Windungen und mehrdeutigen Positionen der Theologen zu der Frage, wie die Körperlichkeit Jesu vorzustellen sei, mit der gewandelten Bildpraxis verglichen; ob körperlicher Abdruck oder mimetischer Eindruck, ob offene oder geschlossene Augen, ob Verwendung des Bildes als reale Präsenz oder realistischer Stellvertreter in der Liturgie, all diese Veränderungen beruhen auf einer bestimmten Deutung vom Körper des fleischgewordenen Gottes.

Körper, Bild und Medium, das ist die begriffliche Trias der Bildanthropologie Hans Beltings, die so heißt, weil sie von einer Bildpraxis ausgeht, die den Körper stets mitreflektiert und weil sie von der Unzertrennlichkeit von Mensch und Bild kündet. Sie ist auch methodische Grundlage der vorliegenden Studie, doch sie erweitert die Behauptungen „kein Bild ohne Körper“ und „kein Bild ohne Medium“ um eine weitere: „kein Bild ohne Glauben“.

Wirklich interessant wird diese Behauptung da, wo das Feld des Andachtsbildes im engeren Sinne verlassen wird und sich das Argumentationsinteresse auf allgemeine mediale Fragen richtet. So schildert Belting in seinem überaus anschaulichen und mit Positionen zeitgenössischer Semiotik grundierten Kapitel über die „Kämpfe“ zwischen Bild und Zeichen als „echte“ religiöse Ausdrucksträger, dass auch diese des Glaubens bedürfen, um ihrerseits Glauben unterstützen zu können. Dem Gesicht Jesu als Vertreter der Bildseite werden das Kreuz und das Wort als Vertreter der Zeichenseite als „miteinander unverträglich“ gegenübergestellt. Hier hätte man sich eine stärkere Differenzierung gewünscht, denn es ist weder einzusehen, warum das Kreuz als Ablehnung der Darstellung des Körpers Christi (und damit des Bildes) zu sehen sein soll, noch, warum das Kreuzzeichen, das ja nur aufgrund seines ursprünglichen Körperbezugs signifikant ist, unterschiedslos neben den unsinnlichen Buchstaben gestellt wird.

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Den Bogen zur Gegenwart und den Kreis zur aktualitätsgesättigten Einleitung schließt Belting mit der Behandlung des so genannten Bildersturms der Reformation. Luzide und beispielreich zeigt der Autor im Streit der Konfessionen, dass Meinungshoheit in erster Linie Medienhoheit und -reflektiertheit bedeutet. Nur wer weiß, wie Bilder funktionieren, kann sie wirkungsvoll zerstören: indem er den Glauben an sie zerstört und neue Bilder aufgrund neuer Vorstellungen schafft.

Mögen auch manche Hans Beltings Bildanthropologie ihrerseits als Glaubensfrage betrachten, in seiner jüngsten Arbeit ist es ihm erneut gelungen, einen originellen Blick auf das Bild zu werfen, indem er es historischen Glaubenskriterien unterstellt. Ein ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch, das wichtige Impulse für die Reflexion über Bildergläubigkeit heute wie damals liefert.

Bibliographische Angaben

Hans Belting: Das echte Bild. Bildfragen als Glaubensfragen, Verlag C.H.Beck, München 2005.
240 Seiten mit 85 Abbildungen, geb. € 29,90

 

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