Ausstellungsbesprechungen

Bildnisse der Kanzlerin, Kulturfabrik Apolda, bis 30. November 2014

Die Bundeskanzlerin feierte im Sommer diesen Jahres ihren 60. Geburtstag. Grund genug, sie mit einer Ausstellung zu ehren. Während Angela Merkel in Berlin mit Aufnahmen ihrer politischen Karriere geehrt wird, zeigt die Apoldaer Schau deutlich persönlichere Ansichten der Kanzlerin aus dem Volk. Ein Blick lohnt sich, weiß Rowena Fuß.

Der Himmel ist ein einziges Grau und es regnet in Strömen. Ob sie wohl deshalb die Mundwinkel nach unten hängen lässt? Die Rede ist von Angela Merkel, die uns so in einem aus 80 Porträts entgegenblickt. 80!

Die Bildnisse sind das Ergebnis einer Malaktion, zu der die BILD-Zeitung ihre Leser anlässlich des runden Geburtstages der Kanzlerin in diesem Jahr aufgerufen hat. Herausgekommen sind Bildnisse, die sowohl den Privatmensch als auch die Staatsfrau Angela Merkel zeigen. Vom realistischen Gemälde bis zur Karikatur ist alles dabei. Wie ein Redakteur der Zeitung mitteilte, ist das, was wir in der Kulturfabrik sehen, lediglich ein Bruchteil der eingesandten Werke. Das weist auf die Popularität hin, die die Kanzlerin im gemeinen Volk genießt. Laut einer Forsa-Studie im Frühjahr würden sie 53 % der Bürger wiederwählen.

Wie erklärt sich das? »Mutti« – wie sie in der Presse gern genannt wird – hört auf die Stimme des Volkes. Wie sehr, haben jüngst Recherchen des Spiegels gezeigt. Demnach holt sich die Kanzlerin für politische Positionen und Formulierungen gern Rat bei Meinungsumfragen. Laut Spiegel ließ das Bundespresseamt wichtige Regierungsvorhaben regelmäßig bei den Bürgern abfragen. Das Ergebnis floss in Merkels Wortmeldungen zum Thema ein. Man könnte nun boshaft behaupten, sie rede den Befragten nach dem Mund, hat keine eigene Meinung und will einfach nur gefallen.

Sehr gern nutzte sie in ihren Reden zur letzten Bundestagswahl das Wort »gemeinsam«, hat ein Sprachwissenschaftler herausgefunden. Der informelle, emotionale Sprachstil ist ihr Markenzeichen. Ihr Ausdruck strotzt vor Füllwörtern, Adverbien und Superlativen. Damit ist sie keineswegs ein eleganter Rhetoriker. Dennoch bietet ihr Kommunikationsstil alle Voraussetzungen, um politische Kontroversen einfach wegzumoderieren. »Mutti« hat alles im Griff, das will sie sagen. Und es kommt an. Man kann ihr nur zunicken – wie die Plastikköpfe, vor dem Bild, das sie bei einem Strandspaziergang zeigt. Dort scheint die Sonne, Palmen grünen und leise plätschern kleine Wellen ans Ufer, wo Angie im sportlichen Dress wandelt. Es ist eine richtige Südseeidylle.

Die Köpfe nicken allerdings nur, wenn man sie anknipst. Ansonsten starren sie bloß auf diese unwirkliche Erscheinung im Bild. Angela Merkel, das Produkt einer blühenden Fantasie. So oder so ähnlich dachte wohl auch ein Zeichner, als er Angie aus übergroßen Mangaaugen glotzen ließ. Deutlich amüsanter ist da schon das Porträt als Queen mit ausladendem Dekolleté. Dieses hatte die Kanzlerin zur Eröffnung der Osloer Nationaloper 2008 zur Schau getragen und einen Skandal ausgelöst. Die türkische Zeitung Radikal fand es geradezu »schockierend«, sei doch die Kanzlerin sonst nicht für offenherzige Mode bekannt. Ihr Jackett mit immer drei Knöpfen ist ja schon legendär. – Ebenso wie die Merkel-Raute, die in drei Karikaturen in der oberen Etage ins Bild gesetzt wird. Vermutlich stärkt sie mit der Handformation ihr Bauchchakra. Anders lässt sich der häufige Gebrauch der Geste nicht erklären. Freilich passt sie auch zu ihrer emotionalen Sprache. »Mutti« mag zwar eine kopflastige, nüchterne und abwägende Person sein, aber herzlos ist sie auch nicht. Daher wurde sie von einem weiteren Künstler in ein solches gesetzt. Es ist rosa. Diese mädchenhafte Farbe assoziiert man kaum mit der Kanzlerin. Schließlich ist sie keine Prinzessin auf der Erbse. Nein, eher eine Pippi Langstrumpf – bekanntlich das stärkste Kind der Welt. So sieht sie eine Düsseldorfer Künstlerin, die sie mit roten Haaren und Sommersprossen dargestellt hat. Auf ihrer Schulter sitzt der Affe Herr Nilsson. Der originelle Entwurf ist eine Abwechslung zu den Hitlermontagen in der britischen Boulevardpresse, die die »mächtigste Frau der Welt« – so das Forbes-Magazin 2011 – gern mit dem Führer assoziieren.

Mutti, Mädchen, Queen – Angela Merkel bietet zahlreiche Nuancen. Wer sie entdecken möchte, sollte sich flugs in die Apoldaer Schau begeben! Denn dort sind sie alle versammelt.