Ausstellungsbesprechungen

Car Culture - Medien der Mobilität, ZKM Medienmuseum Karlsruhe, bis 29. Januar 2012

Nur wenige technische Innovationen haben in einer relativ kurzen Zeit Welt und Gesellschaft derartig nachhaltig geprägt, dass ein Leben ohne sie nicht mehr möglich erscheint. Dazu gehört das moderne Automobil, das mit Carl Benz 1886 den Beginn einer Mobilitätsrevolution einläutete. Anlässlich des 125ten Jubiläums präsentiert das ZKM Medienmuseum Karlsruhe eine Ausstellung, in der das blecherne Vehikel zentral steht. Günter Baumann mit einer Ausstellungsbesprechung.

So viel drangsaliertes Blech gab es sicher noch nie auf einem Museumsboden: Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe zeigt sich seit dem Sommer als Stall voller Autos, die übereinandergestapelt, zerquetscht, umgebastelt, begrünt, geteert und gefedert wurden. Wenn es um andere Fahrzeuge ginge, würde man sagen: ganz großer Bahnhof. So ist es eben ein Fuhrpark der besonderen Art. Die Vorlagen oder besser gesagt: die bis zur Unkenntlichkeit entstellten Originale der Protagonisten sind eigentlich verkappte Revolutionäre, denn das Auto hat mit seinen 125 Jahren Geschichte geschrieben – eine Welt ohne Autos kann man sich nicht vorstellen (auch wenn man allen Bekenntnissen zum Trotz ohne Auto auskommen kann). Zum Hundertsten, Hundertfünfzigsten würden solche Vehikel ins Daimler- und Porschemuseum geschoben werden; wenn 2011 ein halbrundes Autojahr ausgerufen worden ist, liegt das freilich auch an der Show-Qualität dieser Gefährte, die die Wirtschaft am Laufen halten und die Menschenherzen höher schlagen lassen: von der Galerie bis zum Automuseum nahm jede Kulturinstitution Kenntnis davon, dass das Patent Nr. 37435 »Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb« von 1886 also 125 Jahre alt ist – zur Feier wurde die Patentschrift 2011 zum Weltdokumentenerbe ernannt). Aber nirgendwo konnte sich das Auto poppiger, schräger, skurriler gebärden als im ZKM.

Der Auto-Fan Wolf Vostell schrieb 1969: »Das Auto ist die Plastik des 20. Jahrhunderts.« So changiert die »Car Culture« zwischen Schrottplatz und Skulpturengarten, und sie hält die Waage zwischen Spiel und Ernst. An beiden Eckpfeilern steht die fingierte Frage: »War‘s das mit den Autos?« Die Antwort ist in Karlsruhe doppelbödig wie auch doppelsinnig: Ja! Denn einerseits reflektiert die Schau die Tatsache, dass das Auto bei der Statistik von Unfallopfern obenauf rangiert und aus jedem schön geformten Blech sein eigener Schaden als Schatten anhängt; die hölzernen (!) Crash-Autos von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser oder die fragilen, regelrecht zusammengeflickten Modellautos Peter Sauerers (»Audi 100 Hanns Martin Schleyer« oder »Mercedes S280 Princess Diana in Paris 1997« usw.) weisen darauf hin, dass auch das Statussymbol Nummer Eins unrühmlich vergänglich ist. Andrerseits findet da die Erhebung in den Rang eines Kunstwerks statt und prompt hat es sich ausgefahren; Autos fungieren plötzlich als Pflanzenbehältnis oder als Auffangbecken für Öl, Wasser u.ä., und sie werden umgeformt oder neugeschöpft, etwa als bemalte Bronzeplastik von Miquel Barceló, die aussieht wie ein Tierschädel auf Rädern. Offenbar lässt sich das Auto als Kultobjekt genauso demontieren wie Stars, am besten ironisch: Frech lässt Erwin Wurm einen Truck der Wand entlang hoch biegen oder er entstellt das sprichwörtliche Herrenspielzeug aus dem Hause Porsche zur aufgedunsenen Diva (»Fat Car Convertible (Porsche)«).

Unter den teilnehmenden Künstlern sind all diejenigen, die man sich zu einer Großausstellung nur wünschen kann, darunter: Max Ackermann, Miquel Barceló, Gottfried Bechthold, Ecke Bonk, Frieder Butzmann, John Chamberlain, Plamen Dejanoff, Jean-Michel Dejasmin, Götz Dipper, Elmgreen & Dragset, Friedemann Flöther, Zaha Hadid, Severin Hofmann / David Moises / Leo Schatzl , Hans Hollein, Christoph Keller, Köbberling / Kaltwasser, Hans Kupelwieser, Jean-Jacques Lebel, Bernd Lintermann, Alvin Lucier, Michaela Melián, Olaf Mooij, Hans Op de Beek, Axel Philipp, Fabrizio Plessi, Tobias Rehberger, Stefan Rohrer, Valentin Ruhry, Peter Sauerer, Pavel Schmidt, HA Schult, Georg Seibert, Sergej Šehovcov, Gustav Troger, Lieven van Velthoven, Sven Voelker / Kay Michalak, Wolf Vostell, Peter Weibel, Pawel Wocial, Erwin Wurm, Yin Xiuzhen.

Der Katalog dokumentiert anhand von über hundert künstlerischen Beispielen umfangreich das Auto als Kulturphänomen und als Kunstwerk. Gleichzeitig wird das Auto erstmals mit anderen Medien der Mobilität verglichen, worunter auch die Telekommunikation zählt. Hier sei auch begleitend auf das kleine Bändchen von Johann-Günther König, »Die Geschichte des Automobils« verwiesen.

Weitere Information

Die Ausstellung ist zudem im Kunstmuseum Lentos Linz vom 2. März - 4. Juli 2012 zu sehen.

Bibliographische Angaben des Ausstellungskatalogs: König, Johann-Günther: Die Geschichte des Automobils. Reclam-Verlag, Stuttgart 2011.