Ausstellungsbesprechungen

Caravaggio in Holland. Musik und Genre bei Caravaggio und den Utrechter Caravaggisten, bis 26. Juli 2009

Der Titel der aktuellen Ausstellung im Städel Museum Caravaggio in Holland scheint auf den ersten Blick irreführend, denn der Begründer der römischen Barockmalerei, Michelangelo Merisi – nach seinem Herkunftsort kurz Caravaggio genannt – war nie auf seinen Reisen in die Niederlande gekommen. Doch umgekehrt machte sich eine Gruppe von Malern aus dem holländischen Utrecht – noch zu Lebzeiten Caravaggios – auf den Weg nach Rom, dem damaligen Zentrum der Malerei in Europa, ohne jedoch dem Meister selbst begegnet zu sein. Diese sogenannten Utrechter Caravaggisten – Hendrick Terbrugghen, Gerard van Honthorst und Dirck van Baburen – griffen die neue Bildsprache ihres großen Vorbildes begeistert auf, variierten sie und entwickelten sie weiter, indem sie seine Kompositionen mit typischen Utrechter Sujets verbanden. Ihre Werke weisen eine Mischung aus römischem, caravaggesken Stil und der traditionellen niederländischen Malerei auf, die sich in den Themen der Utrechter Sitten- und Musikantenbilder wiederfinden.

Der erste Raum der Ausstellung empfängt den Besucher mit der biblischen Thematik der Dornenkrönung Christi. Bezüge zwischen den Arbeiten Caravaggios und dem Utrechter Caravaggisten Dirck van Baburen werden aufgezeigt. Die dritte Arbeit in diesem Raum ist die Dornenkrönung von Bartolomeo Manfredi, der Caravaggio sehr nahe stand und eine künstlerische Vermittlerrolle zwischen Caravaggio und den Utrechter Künstlern einnahm. Anhand dieser drei Arbeiten lässt sich die gegenseitige Einflussnahme und das Zusammenwirken dieser Künstler jener Zeit auf eindrucksvolle Weise erfassen.
In den folgenden Räumen ändern sich die Darstellungen in den Werken radikal. Nichts ist mehr fromm. Ausschweifende Wirtshausszenen mit leicht bekleideten Damen und rotnäsigen Herren, die fröhlich ihre Weingläser erheben und ihre kecken Blicke in die tiefen Dekolletés der jungen Damen gleiten lassen, die es scheinbar gerne leiden mögen, bestimmen die Motivik. Doch war es im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts üblich, diese Bilder als Ausdruck einer verkehrten Denkungsart zu verstehen. Es ist die Zeit als sich der protestantische Norden der Niederlande durch seine Befreiung von der spanischen Oberherrschaft von der katholischen Kirche abkehrte. Die traditionellen kirchlichen Bildthemen wurden seit der Reformation indessen als „katholisch“ abgelehnt. Die protestantischen Bürger wollten ihr Leben und ihre ureigenen Themen und Probleme – in erster Linie also sich selbst in ihrem beruflichen und privaten Umfeld und in möglichst vorteilhafter Weise – verewigt sehen. Dies führte zur Ausprägung neuer Bildgattungen und Erfindung neuer Bildthemen. So sind die ausschweifenden Trinkgelage und Bordellszenen als Bilder zur Abschreckung oder als moralische Warnung vor dem Sittenverfall, der sündhaftes Leben nach sich zieht, zu verstehen. Der Mensch soll auf Erden lieber ein rechtschaffendes Leben führen und auf die in die Verdammnis führenden Ausschweifungen verzichten. Jedoch lässt der Augenschein die Moral weit zurücktreten. Damals wie heute erfreut sich der Betrachter dieser Sittenbilder an dem herzerfrischendem Lachen und der Sinnlichkeit und Lust, die in den Utrechter Werken zum Ausdruck kommen. Aber entsprechen all die dargestellten Sinnesfreuden inmitten von prächtigen und farbenfrohen Gewändern und Requisiten der damaligen Wirklichkeit? Wohl kaum, denn tatsächlich sind die Figuren kostümiert, die Männer etwa in einer Landsknechtstracht aus dem 16. Jahrhundert. Dies ist ein bewusst eingesetztes Stilmittel, das den Zweck der Distanzschaffung zwischen dem Betrachter im 17. Jahrhundert und der unsittlichen Szene im Bild verfolgte. So blieb die Freude beim Betrachten der lebensfrohen Bilder mit Wein, Weib und Gesang eher ungetrübt.
Doch in den Werken der Utrechter Caravaggisten wurde nicht nur dem Wein und der Lust gefrönt. Gemäß dem Untertitel der Ausstellung Musik und Genre bei Caravaggio und den Utrechter Caravaggisten spielt die Musik und der Gesang in deren Werken eine bedeutende Rolle. Ausgehend von dem Werk Dirck van Baburens Singender junger Mann aus dem Jahre 1622, das vom Städel Museum 2007 erworben wurde, wird in den Werken der Ausstellung reichlich musiziert. Unter ihnen finden sich Darstellungen von Sängern, Lautisten, Violinisten und Flötisten. Auch das ursprüngliche Vorbild der niederländischen Musikerdarstellungen findet sich in zwei Versionen in der Städel-Schau. Caravaggio schuf mit seinem berühmten Lautenspieler, der zu den Glanzstücken der Ausstellung zählt, eine Inkunabel des barocken Musikantenbildes, die bei den Utrechtern Malern begeisterten Anklang fand. Halbfigurige Darstellungen, neutral-diffuse Hintergründe und eine raffinierte Lichtführung tragen zur Charakterzeichnung der Figuren und zur Aufladung der Szenen mit Dramatik, Pathos, Erotik und Ironie bei. Die Verpackung der oft erotischen Aussage in Symbolen und Allegorien erhöhen den Reiz der Darstellung. So trägt das Werk Kohlenblasendes Mädchen mit Liebhaber von Gerard van Honthorst die unverholen erotische Botschaft der nächtlichen Szene, die durch den Blick und beherzten Griff des Mannes ebenso deutlich wird wie das offensichtliche Einverständnis des leicht bekleideten Mädchens. So wie sie mit der Glut der Kohle die Kerze entzündet, entfacht sie die Liebesglut und die Wollust ihres Liebhabers.

 

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Zur Ausstellung, die noch bis zum 26. Juli 2009 im Städel Museum zu sehen ist, erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Marcus Dekiert, Gabriel Dette, Bastian Eclercy, Wayne Franits, Louis Peter Grijp, Nicole Hartje-Gracve, Lisbeth M. Helmus, Thomas Ketelsen, Everhard Korthals Altes und Jochen Sander. An den ersten Teil des Kataloges, der die kunst-, gesellschafts- und musikwissenschaftlichen Essays beinhaltet, schließt sich ein Kompendium der in der Ausstellung vertretenen Werke an. In den enthaltenen sechs Essays leistet der Katalog einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Malerei Caravaggios in der Zeit des Frühbarocks in Rom und der künstlerischen wie politischen Situation in den Niederlanden im 17. Jahrhundert. Besonders hervorzuheben ist der Beitrag von Louis Peter Grijp Musik in Utrecht zur Zeit der Caravaggisten. Darin wird dem Leser ausführlich erläutert, welchen Stellenwert die Musik in den calvinistisch geprägten Niederlanden einnahm und in welchen Formen musiziert wurde bzw. wie die Liedkultur im Goldenen Zeitalter beschaffen war. Ein wahrlich bereichernder Beitrag dieses Kataloges ist von Marcus Dekiert „Hätte ich nun einen Burschen, der mir die Laute spielte“. Vom Lauteschlagen, Saitenstimmen und Flöteblasen der durch die historischen und symbolischen Erläuterungen verschiedener Musikinstrumente zur Entschlüsselung der Szenen in den Werken der Caravaggisten und zum besseren Verständnis der gezeigten Werke beiträgt.
Wer den Katalog zur Vor- oder Nachbereitung seines Ausstellungsbesuches nutzen möchte, erhält in den Essays viele wissenserweiternde und trotz der inhaltlichen Dichte der Texte auch für Laien gut verständlich aufbereitete Informationen, anhand derer sich der Weg von Caravaggios Themen und Stil nach Utrecht gut nachvollziehen lässt.
 

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