Ausstellungsbesprechungen

Christoph Loos. Nanna-Paradox

Eigens für Schwäbisch Gmünd erarbeitete Christoph Loos eine Präsentation zum Thema ‚Baum‘. Der Künstler entführt uns in seine Fantasiewelt: Er bezieht sich auf „Nanna“ – die Blütengöttin aus der altnordischen Mythologie - und erinnert damit an die philosophische Idee der Existenz einer „Pflanzenseele“.

Sie mögen sich jetzt zu recht wundern: Pflanzenseele - das ist im heutigen Sprachgebrauch ein Begriff, den kaum noch jemand ernst zu nehmend auszusprechen vermag. Denn schon eine Seele an sich ist ja etwas kaum Definierbares. Und dann auch noch eine Pflanzenseele. Möglicherweise glaubt sogar der eine oder andere an ein Empfindungsleben unserer Vegetation. Menschen mit dem „grünen Daumen“ zweifeln gewiss nicht daran, dass Pflanzen für Zuwendung und Gefühle empfänglich sind. Somit ist die Auseinandersetzung mit der Pflanzenseele eine paradoxe Angelegenheit. Denn nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand lässt sie sich beim besten Willen nicht nachweisen. Und somit kann man sie auch nicht widerlegen.

Die Welt als Rätsel

Loos zeigt uns in seinen Bildern die Welt als Rätsel. Jedes Bild erinnert uns irgendwie an das Geheimnis des Daseins. Lässt sich denn dieses Geheimnis erklären? Oder kann das Geheimnis der Natur und des Daseins nur in seiner Unerklärbarkeit aufgezeigt werden? Christoph Loos platziert in die Landschaften Figuren und nimmt damit einen entscheidenden Eingriff vor. Diese scheinbar geringfügige Veränderung bewirkt einen Wandel der Atmosphäre. Er bewirkt, dass uns vieles fremd und unheimlich erscheint. Wenn ein Mensch in einer gebeugten Pose sich an einen Baum lehnt und den Kopf in den Baumstamm hinein steckt, oder wenn ein Künstler kurz vor der Fotoaufnahme von einem Baum partiell Rinde entfernt hat, dann irritiert uns das. Der Künstler lässt uns erschrecken, ohne dass wir genau bestimmen können, woher dieses Erschrecken rührt.

Diese partielle „Entrindung“ (wie es in der Forstwirtschaft heißt) hat der Künstler an Bäumen durchgeführt, die zur Rodung frei gegeben waren. Mit akribischer Sorgfalt geht Loos an die Materie heran, eine Materie, die ja lebende Materie ist - und - er spricht hierbei von einer „Vivisektion“, verdeutlicht damit nochmals sein paradoxes Vorgehen. Mir scheint es fast, als forsche er in seinem Werkzyklus „Nanna-Paradox“ nach dem Geheimnis der Natur: Er nimmt sich der Natur an, er betreibt Baumstudien, als suche er in seiner Rolle als Künstler nach dem Leben und Erleben im Pflanzenreich. Gemeinsam mit Akteuren geht der Künstler vor Ort, setzt Baum, Mensch und Requisiten in Beziehung miteinander und hält Momentaufnahmen mit einer Spezialkamera fest. Die mit einer Wärmebildkamera aufgenommen blau durchtränkten Bilder strahlen eine Wirkung aus, als wären sie im Mondschein entstanden. [...]

Fortsetzung von Seite 1

Die Reize der Landschaft

Vielleicht gibt es eine geheime Verbindung zur Romantik? - Denken wir nur an die vielen Mondnächte und Mondscheinlandschaften, die von Malern der Romantik dargestellt wurden, wie beispielsweise Caspar David Friedrichs „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ (Staatliche Kunstsammlungen Dresden). Bei den Romantikern mutiert Landschaft zu einem neuen Ort der religiösen Befindlichkeit, in welchem sich in verschlüsselter Form fast eine Ahnung Gottes zu offenbaren vermochte. Und Christoph Loos? Ihm geht es um die Verzauberung, die einem anfänglichen Erschrecken folgt. Bei ihm wird die Natur von verborgenen Ideen gelenkt. Wie in einem Experiment wird vom Künstler die gesamte Natur beseelt. Auch wenn wir Menschen der Natur ein eigenes Bewusstsein absprechen, in der Kunst kann das Mysterium erscheinen, in seiner ganzen Befremdlichkeit und seinem ganzen Zauber.

Aber Christoph Loos ist kein Romantiker. Er radikalisiert die Fantastik der Romantik, indem er die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit verwischt, z.B. in den Fotografien mit dem Titel „Absent presence“. In diesen Bildern halten Akteure Kupferdrähte in Händen, nehmen Kontakt zu den Bäumen auf. Leider können wir nicht sehen, was da passiert. Aber was wäre wenn...? Was wäre wenn auf einmal die Bäume berichten würden?

Alle Macht der Phantasie!

Wenden wir uns für einen Moment der Fiktion zu. Genauer gesagt, einer kleinen Kurzgeschichte aus dem Science Fiction - Metier, die im Jahr 1908 erschienen ist. Verfasst hat sie der Autor namens Kurd Laßwitz (1848-1910). In wenigen Sätzen formulierte Laßwitz die Utopie einer Welt, in der Pflanzen Empfindungen besitzen und des Denkens mächtig sind:

„Beseelte Pflanzen! Klingt es nicht wie ein Märchen? Die Tiere und als ihr Wortführer der Mensch haben sich so lange als die Herren, die eigentlichen Zwecke der Schöpfung gedünkt, zu deren Nahrung, Gebrauch und Dienst die Pflanzen da sind, ja um derentwillen sie überhaupt nur da sind. Warum die Sache nicht einmal umkehren und die Pflanzen auf den Thron der Erde setzen? Wären wir Pflanzen und könnten wir die Wesen mit tierischen Leibern nur ebenso von außen betrachten, wie die Menschen den Körper der Pflanzen, würden wir nicht sagen: Was wollt ihr, ihr unruhigen, rastlos umherlaufenden Geschöpfe, wozu seid ihr gut, als uns, die Pflanzen, zu bedienen, die wir in vornehmer Ruhe an unserem angestammten Platze wohnen und nichts zu tun brauchen, als Wurzeln und Blätter auszustrecken, um alle Gottesgabe als schuldigen Tribut in Empfang zu nehmen? Ihr lebt nur, damit ihr uns durch euren Atem die Kohlensäure bereitet, und ihr sterbt nur, damit wir aus euern verwesenden Körpern den Stickstoff ziehen. Ihr habt uns zu pflegen in Töpfen und Gärten, Feld und Wald, und schließlich verzehren wir euch doch! Und wenn wir wollen, so senden wir euch zur Peinigung unser Bazillenheer ins Blut.

Fortsetzung von Seite 2

Wir können euch ausrotten, ihr aber, so viel ihr auch gelegentlich an Früchten und Blättern verzehrt, nehmt uns doch nur einen Teil, oder müßt immer aufs neue für Verbreitung unserer Lebenskeime sorgen. Und wie viele seid ihr denn? Insekten gibt es ja noch viel mehr als Menschen, und doch müssen sie uns ebenfalls dienen und als Liebesboten unsern Blütenstaub von Kelch zu Kelch tragen. Und noch vieles andre würden wir sagen, wenn wir Pflanzen wären.“

Von Kurd Laßwitz zurück zu Christoph Loos. Tatsache ist: Pflanzen haben keine Nervenzellen. Pflanzen besitzen auch kein Gehirn. Zudem: reagieren Pflanzen mitunter langsamer, zeigen Reaktionen anders als wir. Wenn sie denn empfinden können, dann „denken“ sie in anderen Bahnen oder Vorgängen. Angesichts dieser Überlegungen wird die Landschaft bei Christoph Loos zu einem Sujet des Fantastischen. [...]

Totum Simul

Surreal mutet die Installation „Totum Simul“ an. Eine aus Holz geschnittene hohle Kugel wird dem Betrachter in einem eigenen Kabinettraum gezeigt. Um einen Blick darauf zu werfen, müssen wir den kubischen Raum betreten. Wenn wir das Innere des Raumes begehen, dann gelangen wir in einen schmalen Gang, dessen Innenwände durch mehrere waagrechte Seh-Schlitze einen Einblick in den (in sich gefangenen) Innenraum erlauben. Dort, im Rauminneren hängt die besagte Kugel, die in Form einer Armillarsphäre aus Holz geschnitten ist. Die Kugel besteht eigentlich aus nur wenigen Linien, die die Kugelform umschreiben. Diese Linien sind recht grob aus Holz geschnitten, und haben eine, soweit ich erkennen konnte, raue Oberfläche. Weich lagert die fragile Kugel in einer an der Decke befestigten Plane, sie schwebt fast auf Augenhöhe des Betrachters.

Damit stellt sich die Frage: Was ist das für ein Raum - was ist das für eine Kugel? Vielleicht können wir uns dem Geheimnis nähern, indem ich mich auf ein Stichwort beziehe, das der Künstler im Zusammenhang mit dieser Installation genannt hat: er geht hier mit seinem Schaffen der Frage nach, wie Zeit räumlich werden kann. Meines Erachtens wandelt er mit dieser Frage auf den Spuren der Landvermesser, die im späten 16. und vor allem im 17. Jahrhundert die gedachte Welt kunstvoll in eigens angefertigten Objekten zu einer Einheit verbanden (Totum Simul = das Ganze zugleich) - sei es als Modell der Welt (z.B. als Armillarsphäre, die das geozentrische Weltbild in einem kugelförmigen Gebilde darstellte), sei es als Modell der Erde (z.B. als Erd- oder Himmelsglobus). Mitunter wurden für solche Modelle eigens Bauwerke errichtet, worin die stolzen Besitzer ihre Kugeln ins rechte Licht rückten. [...]

Fortsetzung von Seite 3

Heute präsentiert sich uns unser Planet dank der Fortschritte in der Vermessungstechnik als durchgehend erschlossener Raum. Doch noch immer bleiben Teilgebiete unentdeckt, wie beispielsweise das Innere der Erde. Das Erdinnere ist voller Rätsel, in gleichem Maße unser Universum. Wenn wir uns mit dem Weltall beschäftigen, dann kommt ein weiterer Faktor mit ins Spiel, der die Beobachtung und Erforschung nicht unbedingt leichter macht: der Faktor der 4. Dimension, der Zeit. Diese 4. Dimension stellt uns vor eine verflixte Aufgabe, denn (mit den Worten von Luciano de Crescenzo) vermögen wir „armen dreidimensionalen Lebewesen“ uns kaum eine Vorstellung von einem vierdimensionalen Raum zu machen. Die Idee, dass wir eine der vier Dimensionen geradlinig folgen und irgendwann zum Ausgangspunkt zurückkehren, stellt uns vor große Rätsel. Mit diesem Paradoxon von einer Unendlichkeit, die es als solches nicht gibt, nähere ich mich dem Ende meiner Ausführung. Mit "Nanna-Paradox" wird uns vor Augen gehalten, dass es viele möglichen Wege des Erkennens gibt, sei es in den Fotografien, Skulpturen oder der Installation des "Totum Simul". Der Künstler hält uns die Lebensdynamik von Mensch und Natur vor Augen. Eine Dynamik, deren Kraft in einer Ruhe wirkt, die uns gewahr werden lässt, dass Wahrnehmung weit über das optisch Begreifbare hinausgeht.

(Auszug aus der Eröffnungsrede von Elke Allgaier)
 

 

 

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