Ausstellungsbesprechungen

Christopher Wool. Porto-Köln. Noch bis 12. Juli 2009 im Kölner Museum Ludwig.

Er sprüht, schmiert und wischt die Farbe — Schicht über Schicht. Wie viele Ebenen in den aktuellen Werken des New Yorker Künstlers Christopher Wool übereinander liegen, kann der Betrachter kaum erschließen. Immer wieder verwischt Wool die Spuren des Entstehungsprozesses seiner großformatigen, meist grau-schwarzen Arbeiten. Über Siebdrucke und Leinwände sprüht er schwarzen Lack, verschmiert diesen mit einem Lappen, trägt hellgraue Farbe mit einem groben Pinsel auf und am Ende entsteht ein fast dreidimensionaler Eindruck. Denn das Auge führt die Linien, die durch darüber liegende Schichten unterbrochen sind, weiter, versucht Sinn im Chaos zu finden. Der Betrachter kann erahnen, was hinter dem Sichtbaren liegt. Die Bruchstücke setzt er imaginär zusammen, doch was das Bild wirklich ist, bleibt verborgen.

1955 wurde Wool in Chicago geboren, studierte bei den Abstrakten Expressionisten Richard Pousette-Dart und Jack Tworkov am Sarah Lawrence College in Bronxville New York. Bekannt machten Wool seine zwischen 1984 und 2000 entstandenen Wortgemälde, die Buchstaben okkupieren hier den gesamten Bildraum. Seit 2001 entwickelt Wool eine neue, wortlose Bildsprache, gut sichtbar an den Werken in der Kölner Ausstellung.
Im Winter waren die Bilder bereits in der Fundação Serralves in Porto ausgestellt. Der dortige Kurator Ulrich Loock verdeutlicht zusammen mit der Kölner Kuratorin Julia Friedrich die jüngste Entwicklung von Wool:
Seine älteren Arbeiten in der Ausstellung  wie »Untitled« von 1995 zeigen Blumenmuster, die an Tapeten erinnern. Diese übermalt Wool mehrfach. Eine Unterscheidung zwischen Figur und Grund löst er dabei immer stärker auf, der Hintergrund wird selbstständig und die ineinander verschachtelten Ebenen gleichwertig.
Die Genese von Wools Arbeiten kann der Betrachter in der Ausstellung gut nachvollziehen. Er sprüht den Lack zunächst an den Umrissen der Blumenmuster entlang. Dann trägt Wool zunehmend mehr Lack und Farbe auf, bis die figuralen Elemente schließlich verschwinden wie zum Beispiel in »Untitled« von 2007. Stilistisch wie konzeptionell gibt es Parallelen zu den übermalten Gemälden von Arnulf Rainer und dem von Robert Rauschenbergs ‚ausradiertem’ Willem De Koonig-Kunstwerk.
Die in einer ausladenden Bewegung aufgesprühten Linien Wools und ihre anschließende Übermalung erinnern zudem an Graffitis, von wütenden Hausbesitzern hastig übermalt. Denn meist bleibt ein Rest des ursprünglichen Schriftzuges erhalten, stellenweise scheint er durch die obere Schicht hindurch. Wool evoziert in seinen Bildern Überlagerungen, einer großstädtischen Erfahrung entsprechend. Man könnte sich eine Hauswand im New Yorker East Village vorstellen, auf die zunächst Hippies sauber Blumen aufmalen, anschließend Graffiti-Künstler ihre Zeichen hinterlassen und schließlich Punks alles in einer anarchistischen Geste übermalen. Die Übermalung wäre hier die versuchte Auslöschung des Anderen, das Bild (Schrift)-Zeichen eine Erinnerung an die Präsenz seines Urhebers.
 
Die ganz neuen Werke von Christopher Wool wie »Untitled« von 2007 sind abstrakte Kompositionen; geschwungene Linien und verwischte Felder beherrschen die Bildfläche.
Das Museum Ludwig konnte mit Hilfe der Gesellschaft für moderne Kunst zwei Siebdrucke in diesem Stil erweben. Aktueller Anlass der Ankäufe wie auch der Ausstellung war die Übergabe des Wolfgang-Hahn-Preises 2009 an Christopher Wool im April.
Da Wools Siebdrucke Unikate sind, stehen sie gleichwertig neben seinen Gemälden. Mediengrenzen sind Wool fremd, er geht einer Idee im Gemälde, im Siebdruck und in der Fotografie nach. Dabei zitiert er sich immer wieder selbst; fotografiert einen kleinen Bereich aus einem Gemälde, vergrößert diesen Ausschnitt und fertigt daraus einen Siebdruck an. Übergroße Rasterpunkte zeugen dann von der wiederholten Reproduktion des Motivs, wobei der einzelne Punkt selbst zum Motiv wird. Wools Künstlerbuch »Cats in Bag Bags in River« von 1995 zeigt Fotokopien von Reproduktionen seiner Arbeiten, die völlig unscharf geworden sind und damit auch zu etwas Neuem. Die in der Pop-Art gestellten Fragen nach Reproduktion, Urheberschaft und Originalität formuliert Wool somit noch einmal neu.

Weitere Informationen

 Ein begleitender Katalog mit Texten von Ulrich Loock und Julia Friedrich ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen und kostet 39,90 Euro.

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