Ausstellungsbesprechungen

Claudia Fischer-Walter – geSEHENes, Hohenwart-Forum, Pforzheim, bis 20. Januar 2013

Mit beschwingten Linien – kreuz und quer – erschafft Claudia Fischer-Walter eine Vogelwelt, die detailreicher und fantastischer nicht sein könnte. Günter Baumann hat sich von den grafischen Federtieren auf Bein und Papier verzaubern lassen.

Wer sich in die abgelegene Stille des Hohenwart-Forums bei Pforzheim begibt, kann zur Genüge Besinnung finden, und hat zur Zeit Gelegenheit für wahrhaft einkehrverdächtige Muße, um die hochamüsanten und feinsinnigen Zeichnungen und einer Handvoll bearbeiteter Knochen von Claudia Fischer-Walter (keine Sorge, nicht die der Künstlerin) anzusehen. Schnell hat man beim Rundgang erfasst, dass Vögel es ihr angetan haben, nur dürfte ein Ornithologe zuweilen ins Zweifeln kommen. Mit sicherer Feder skandiert Fischer-Walter zwar akkurat das Federkleid und die Gliedmaßen des Getiers durch, doch geht es ihr keineswegs um Detailtreue, sondern um Chiffren unsrer Zeit. Kurzum, die Vogelwelt dient ihr zur Veranschaulichung zweier durchaus menschlicher Eigenschaften: dem Drang nach Freiheit und die Neigung zur Flatterhaftigkeit – zwei Seelen in der Brust, die nicht immer miteinander im Einklang stehen. »6 in 2« heißt etwa ein Blatt, in dem alles drunter und drüber geht – über die Schnäbel allein kann man sich notdürftig durch das Durcheinander der Glieder zurechtfinden. Soviel ist klar, mit dem Ernst des Wissenschaftlers nähert sich Claudia Fischer-Walter dem Federvieh nicht, im Gegenteil: Mit offenbar diebischer Freude grenzt sie ihre Protagonisten mal zum Abstrakten, mal zum Surrealen hin ab.

Die gewitzten Zeichnungen kommen mit sparsamen Mitteln aus. Weiße und/oder rote Flächen bilden die quasi-räumliche Hintergründigkeit, zugleich formen sie ein Kompositionsschema ab, vor dem sich die Schraffuren in souveräner Regie verdichten und auflösen. Auch wenn es so scheinen mag, ergeben sich freilich nicht zufällig gegenständliche Motive, vielmehr zaubert Claudia Fischer-Walter mit einer affirmativen Leichtigkeit Strukturen, die sich beim Betrachten regelrecht entbergen als Figurationen, zuweilen auch als Landschaften – nicht unbedingt nebeneinander: das eine geht ins andere über, oder die Vogelfigurationen (ent-)materialisieren sich untereinander. Von der Logik her ähneln die Formationen den Bildspielen von M. C. Escher, zumindest im Negativ-Positiv-Wechsel der auch bei ihm vorkommenden Vogelbilder. So fügen sich Schnabel an Schnabel, Feder an Feder, im Nebeneinander ergeben sich neue Vogelkörper. Doch folgt Fischer-Walter keinem geometrischen Muster, keiner mathematischen Logik, sondern einer subjektiven Folgerichtigkeit. »Ebbs ganz besonders« übertitelt sie eine ins Karikaturhafte überzeichnete, gestelzt-komische Vogelszenerie vor einer Art angedeuteter Bilder- (oder Spiegel-?)Wand. Ganz unernst, doch recht liebevoll setzt die fulminante Zeichnerin – eine lebensbejahendere Seelenverwandte Paul Floras – durchaus ernste Zeichen des menschlichen Lebens, fabelhaft verpackt in der tierischen Kreatur. Alltägliche Wahrnehmungen spielen genauso eine Rolle wie Beziehungsverhältnisse, erlebte Bezüge genauso wie rein formale. Dem Leser steht es frei, die durchgehend ironischen oder gehaltvoll referentiellen Titel assoziativ oder bestimmt zu deuten. Es gibt dabei Sprachspielerisches (»1-g-schlossen«), Sprichwörtliches (»Ein Blatt fällt nicht weit vom Stamm«), Mehrdeutiges (»Durch-Strich«), Chiffriertes (»Brombeer«), Relatives (»oben wie unten«), Sachliches (»Rest Rot«) usw. – die Palette ist vielfältig, vielschichtig.

Das Papier als Malgrund tauscht die Künstlerin gern einmal durch Knochen aus – so entstehen skurrile Beinobjekte, wie sie sie nennt. Es handelt sich um fachmännisch präparierte Tierknochen, auf dessen röhrenförmigen Oberfläche sie die vertrauten Zeichnungsmotive aufträgt. Das ist nun nicht Mittel zum Zweck und noch weniger ein Zugeständnis an die gegenwärtige Neugier auf makabre oder obskure Themen und Inhalte – man denke an die abwegige Faszination für die »Körperwelten« von Hagens. Bedenkt man, dass Knochen zu den frühesten Trägern künstlerischer Äußerungen gehören, wird man auch gewahr, dass die Zeichnung den ältesten Techniken der Menschheit zuzuordnen ist. Zur inhaltlich »schrägen« Linienführung gesellt sich die zufällig schräge Form der unterschiedlich langen und breiten, jedoch immer kleinplastischen Gebeinröhren. Dass ihnen etwas Kulthaltiges anhaftet, tut den beschwingten Zeichnungen darauf keinen Abbruch.

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