Kunstbücher für junge Leser

d’Harcourt, Claire: Schau her! Das ist meine Familie. Ein Spaziergang durch die Kunst, Knesebeck Verlag, München 2007.

Claire d’Harcourt hat bereits zahlreiche Kunstbücher für Kinder publiziert, darunter »Was macht der Bär im Museum? Tiere in der Kunst«, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 nominiert ist, sowie »Ich sehe was, was du nicht siehst« und »Schau genau«.

In ihrem großformatigen Bilderbuch »Schau her!« nimmt die Autorin die Kinder mit auf eine außergewöhnliche Zeitreise – mitten in das Leben der Familien von der Antike bis zur Gegenwart. Auf jeder Seite treten Großeltern, Vater, Mutter und die Kinder aus dem Bild heraus und erzählen von ihrem Alltag: von ihrem Zuhause, von Arbeit und Spiel, Schule und Erziehung und von den verschiedenen Arten der Zuneigung, von Stolz und Verbundenheit.

Die Reise beginnt bei den Ägyptern, Spartanern, Athenern und Römern mit ihren ganz unterschiedlichen Familiensystemen und führt weiter in die Welt des Mittelalters. Wie verschieden das Leben von Adligen, Bürgern, Handwerkern und Bauern war, wird jeweils an verschiedenen Bildbeispielen illustriert. Das im 12. Jahrhundert entstandene Interesse an Stammbäumen veranschaulicht der »Baum der Blutsverwandtschaft« (1470) von Jean Boutillier, in dem die Äste, auf denen die Familienmitglieder sitzend dargestellt sind, die Verwandtschaftsverhältnisse in einer großen Familie anzeigen.

Mit Beginn der Neuzeit geht es um die Familien in der dörflichen Gemeinschaft, wie in Marten van Cleves »Flämischem Haushalt« (1555) oder in Jan Steens »Die Freuden der Vaterschaft« (1668) zu sehen, ebenso wie um die Kindheit eines Königs – nachzuvollziehen an der von Ingres festgehaltenen, hinreißenden Szene »Heinrich IV. spielt mit seinen Kindern« (1817). Hier stehen die Pflichten der Eltern im Mittelpunkt: die richtige Erziehung der Kinder und das Weitergeben der Traditionen. Die kleinen Leser erfahren u.a., dass Babys wohlhabender Eltern i.d.R. von Ammen gesäugt wurden und dass schon damals »Patchwork-Familien« verbreitet waren.

Mit dem Zeitalter der Aufklärung geht eine neue Freiheit für die Kinder einher, die nun offensichtlich nicht mehr mit allzu strenger Hand, sondern liebevoll und individuell gefördert werden. Da die Menschen älter werden, spielen auch die Großeltern eine immer größere Rolle. Wie viel Anteil sie an ihren Enkeln nehmen, ist auf den Bildern »Väterliche Liebe« (1775) von Étienne Aubry und »Der Geburtstag des Großvaters« (1818) von Louis-Léopold Boilly zu sehen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts werden Kinder immer behüteter und bilden den Mittelpunkt der bürgerlichen Familie. Aber auch die harte Kehrseite der Moderne – wie z.B. Kinderarbeit –, die für die Bauern- und Arbeiterfamilien Realität ist, wird dargestellt.

»Jetzt bist du dran!« lautet die Aufforderung des Schlusskapitels: Die Kinder aller kennengelernten Epochen stellen – in Gestalt von kleinen Rundbildnissen – Fragen, die die kleinen Leseratten bestimmt schnell beantworten können, wenn sie aufmerksam gelesen bzw. zugehört und hingeschaut haben.

Das liebevoll gestaltete Kinderbuch ist eine Kulturgeschichte der Familie, die anschaulich zeigt, wie sich die gesellschaftliche Rolle der Familie im Laufe der Jahrhunderte stetig gewandelt hat, und zugleich ein Querschnitt der schönsten Familiendarstellungen in der Kunst. Darüber hinaus wächst es mit den Kindern mit: Die Bilder können zunächst einfach als Suchbilder fungieren, indem die Bildnisnahaufnahmen im Kleinformat im großen Bild wiederzufinden oder die verschiedenen Spielzeuge zu erkennen sind, später kann man den Text hinzunehmen und – dem Alter der jungen Leser angemessen – weitere Details zusammen entdecken und erklären.

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