Ausstellungsbesprechungen

Das Geheimnis der Frau. Paul Delvaux und der Surrealismus

René Magritte ist neben Salvador Dalí wohl der bekannteste Maler des Surrealismus. Dass Magrittes belgischer Landsmann Paul Delvaux als surrealistischer Analyst erotischer Traumbilder zumindest den spanischen Neurotiker Dalí nicht nur von der Fantasie her, sondern vor allem qualitativ weit in den Schatten stellt, macht einmal mehr deutlich, welche Kraft in einem kleinen Kulturland stecken kann – nähme man James Ensor noch dazu, hätte man eine Troika der Seelenbetrachtung, die ihresgleichen sucht.

Doch auch innerhalb der belgischen Kunst erweist sich Paul Delvaux als Unikum. Während sich Magritte einer Lösung seiner eigens gestellten Rätselfragen über die Spezies Mensch verweigerte und Ensor in existenzialistischer Gewissheit gar keine Fragen mehr stellte, widmete sich Delvaux dem rätselhaften Wesen der Frau, dem zu hinterfragen er nie müde wurde: Und das Schöne dabei waren sowohl die dargestellten Frauen, die eigentlich nur eine, seine, war(en) als auch die »never ending story«, die er anstieß. »Ich wusste immer, dass ich modern nicht malen wollte.« Unbekümmert trug er seinen Antimodernismus auf der Leinwand vor und schuf gerade dadurch moderne Chiffren für das erotisierte Sein. Ein Erfinder war er nicht. In der Pose des Renaissancemenschen ließ Delvaux seine Frauen in ihrer Nacktheit auf antikisierten Bühnen auftreten, fügte ihnen Attribute bei, befragte das Werk seiner Malerkollegen Magritte und mehr noch de Chirico und vermochte so den Betrachter neugierig zu machen, die Rätsel selber zu lösen und die Geschichten weiterzuspinnen, deren Fährten Delvaux behutsam initiierte.

 

Die Frauen sind allesamt Schwestern ihrer selbst: Mit großen Augen und scheinbar emotionslos ziehen sie an und geben zugleich nackt ihrer Unnahbarkeit Nachdruck. Über siebzig Gemälde und Zeichnungen dokumentieren – seit einem Vierteljahrhundert erstmals – das »Geheimnis der Frau« in der Kunsthalle Bielefeld. Zwischen impressionistischen und expressionistischen Eindrücken ließ der Maler in den 1920er Jahren Züge durch Bahnhöfe oder Landschaften brettern. Erst als er seine Frau kennenlernte, Ende der 1920er Jahre, wurde das so genannte schwache Geschlecht sein Hauptanliegen und Protagonistin der Pittura Metafisica. Verliebt ins Detail, gerät Delvaux nie auf Abwege – dagegen spricht auch nicht die Verwendung begleitender Vanitasmotive wie die letztlich selbstbezüglichen Spiegel und Skelette –, fest hat er seine scheinbar modiglianihaft-engelsgleichen Göttinnen im Blick, weniger im Griff: Denn hier agiert ein Meister, der dem Rätsel des Weibes zwar auf den Grund gehen will, dieses aber nie zwingt sich zu offenbaren.

 

Die Augenweide, die diese sublimierte Erotik bereitet, lenkt etwas von der Diskussion ab, die die Bielefelder Ausstellung angestoßen hat. Hilfreich schreitet hier der Katalog ein, der neben den Bildbeispielen auch ein hochinteressantes Gespräch zwischen Jan Hoet und Thomas Kellein abdruckt. Das wartet etwa mit dem Statement Kelleins auf: Erstaunlicherweise werde Delvaux »immer mit Modigliani, de Chirico und Magritte verglichen, nicht aber mit Rousseau«. Auch dem Thema der Architektur und des Bildraums widmet sich ein Beitrag des Katalogs, wobei doch wieder de Chirico ins Spiel kommt, der nicht nur fraglos seine Wirkung auf Delvaux hatte – die legendäre Surrealistenschau »Minotaure« 1934 in Brüssel sei erwähnt - , nein, auch dieser profitierte von der »traumwandlerischen Atmosphäre« in Delvaux’ Bildern.

 

Delvaux wurde lange in der Oberliga der Surrealisten übergangen. Dass er einer der besten ihrer Vertreter war, macht die Ausstellung in Bielefeld deutlich.

 

 

 

Öffnungszeiten

Di–So 11–18 Uhr

Mi 11–21 Uhr

Sa 10–18 Uhr

 

Diese Seite teilen