Buchrezensionen

Dauss, Markus: Identitätsarchitekturen. Öffentliche Bauten des Historismus in Paris und Berlin (1871-1918). Thelem Universitätsverlag, Dresden 2007.

Die Semiotik der späthistoristischen Monumentalarchitektur, in ihrem Schlingern zwischen der Skylla der hohlen Pathosformeln und der Charybdis von blankem Postkartenkitsch: Die vorliegende Publikation von Markus Dauss, sie stellt die überarbeitete Fassung seiner Dissertationsschrift dar, untersucht die Genese, die Gestalt und die identitätskonstitutive Rolle öffentlicher Architekturen des 19. Jahrhunderts.

Gegenstand der Untersuchung ist eine komparative Studie über die Bautätigkeiten der beiden konkurrierenden Metropolen Paris und Berlin im neuralgischen Zeitabschnitt zwischen 1871 und dem Ende des 1. Weltkrieges. Ausführlich setzt sich Dauss mit den komplizierten politischen Konstellationen sowie den unterschiedlichen städtebaulichen Voraussetzungen zu beiden Seiten des Rheins auseinander und konzentriert sich im zweiten Teil seiner Arbeit auf drei Großprojekte, in denen sich Idealvorstellungen, politische Ansprüche und das »Kunstwollen« der Zeit wie in einem Brennspiegel fokussieren: die Basilique du Sacré-Coeur am Montmartre, das Berliner Reichstagsgebäude sowie das umgebaute Palais Bourbon am Seineufer. Bei aller Unterschiedlichkeit der Bauten und ihrer Geschichte ist ihnen gemeinsam, dass sie in ihrer Formensprache in einer idealisierten Vergangenheit verankert werden sollten, um gleichzeitig eine institutionelle Kontinuität in einer gewandelten Welt zu repräsentieren: ein »simulierter Alterswert« sollte die Suggestion von Dauer und Stabilität gewährleisten. Doch diese Rechnung sollte nur teilweise aufgehen.

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Ausgehend von den Ambitionen und Ansprüchen der Zeitgenossen an ihre Bauwerke unternimmt der Autor in weiterer Folge den Versuch einer akribischen Anatomie eines tiefen inneren Widerspruchs: auf verschiedenen Ebenen, von geschichtlichen, politischen, soziologischen, philosophischen und psychologischen Aspekten her, beschreibt er das spannungsgeladene Ringen von Bauherrn, Architekten und der öffentlichen Meinung. Man stritt sich um die Erhabenheit, die Größe und den Symbolcharakter der Bauten und erlebte gleichzeitig die Sinnentleerung der Bauformen und die Profanisierung des Bedeutungsvollen durch seine inflationäre Verwendung. Gerade die chimärische Beschwörung eines »Nationalstils« erwies sich auf deutscher wie auf französischer Seite als paradox anmutende »black box«, angesichts der faktischen Internationalisierung der Architektursprachen.

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Zur Untermauerung und umfassenden Analyse seines Befundes begibt sich Dauss auf ein ebenso faszinierendes wie schwindelerregendes Parkett und beschreibt in einem weiten Bogen die Bahnen der Diskurse verschiedenster moderner und postmoderner Denker in Rekurs auf den Historismus. Facettenreich setzt er sich mit der Rhetorik der historistischen Architektur auseinander und konfrontiert die Phänomenologie der Bauformen mit kontroversen Denkmodellen, etwa mit dem Begriff des Mythos bei Roland Barthes, der Psychoanalyse oder den Ausführungen über den Traum des bürgerlichen Kollektivs bei Walter Benjamin. Ebenso wagt er den Sprung zu aufschlussreichen Querverweisen, wenn er beispielsweise die heutigen, eventorientierten Konzepte der populären Themenparks mit den pastichehaften Kompositionen der Bauwelten des ausgehenden 19. Jahrhunderts vergleicht.

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Wer sich die Zeit und die Geduld nimmt, die Ausführungen aufmerksam durchzulesen, wird dabei auf zahlreiche anspruchsvolle und kluge Formulierungen stoßen, anregend zum Weiterdenken und gegebenenfalls auch passend zum Zitieren. Freilich, grundsätzlich neue Erkenntnisse kann die Arbeit von Dauss nicht bieten, weder in historischen Fragen noch in Bezug auf die Ikonologie der Gebäude. Dies liegt unter anderem auch daran, dass der Autor – eigentlich erstaunlich in Anbetracht der Themenwahl – weitgehend auf eine Analyse von originalen Schrift- und Bildquellen verzichtet hat und sich auf die Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur konzentriert. Sein Augenmerk gilt offensichtlich der Interpretation der von ihm so geschätzten »Ableitungen zweiten Grades« – letzteres beherrscht er jedoch meisterhaft.

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Fazit: die »Identitätsarchitekturen« sind als ergänzender anspruchsvoller Kommentar zu sehen, der in vielerlei Hinsicht die Schablonen der konventionellen Architekturgeschichtsschreibung aufbricht und dabei herausfordernde Denkanstöße liefert.

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