Ausstellungsbesprechungen

Degas and the Ballet: Picturing Movement, Royal Academy of Arts London, bis 11. Dezember 2011

Edgar Degas ist bekannt für seine Ballett-Malereien, die Bewegungen und Aura der Tänzerinnen erschreckend lebhaft wiedergeben. Anett Göthe hat die bezaubernde Schau in der Londoner Royal Academy of Arts für PKG besichtigt.

Die aktuelle Ausstellung in der Londoner Royal Academy of Arts: »Degas and the Ballet: Picturing Movement« beleuchtet den bekanntesten und wohl auch bedeutendsten Teil des Werkes des impressionistischen Malers und Bildhauers Hilaire-Germain-Edgar Degas. Dabei liegt der Fokus der Präsentation auf der Beschäftigung Degas’ mit der Bewegung und hier speziell mit dem Tanz.

Wer sich die Ausstellung nicht entgehen lassen möchte, sollte auf jeden Fall bereits am Einlass zur Royal Academy of Arts etwas Zeit mitbringen, denn Degas ist ein regelrechter Publikumsmagnet und der Andrang demnach sehr groß. Das liegt vor allem daran, dass wirklich jeder Degas und seine auf den ersten Blick etwas süßlich wirkenden Ballerinen durch unzählige billige Reproduktionen auf Merchandise-Produkten kennt. Aber die Kuratoren der Ausstellung in London wollen mehr vermitteln, als nur die Befriedigung des „profanen“ Sehnsuchtsgefühls, die niedlichen Tänzerinnen endlich auch einmal im Original bestaunen zu können.

Auf eindrucksvolle Weise beleuchtet die Ausstellung die Entwicklung im Werk von Degas, angefangen von seinen frühen, eher dokumentarischen Werken der 1870er Jahre bis hin zu seinen freieren und lockeren Arbeiten, die etwa 30 Jahre später entstanden. Trotz der Fülle an Publikationen und Ausstellungen, die sich mit Degas‘ Tanz- und Varieté-Bildern auseinander gesetzt haben, erstaunt es, dass es in London das erste Ausstellungsprojekt dieser Art ist, welche die Figur in der Bewegung in Degas‘ Werk im Kontext der sich parallel entwickelnden Fotografie und des frühen Films beleuchtet. Für diese neuen Medien zeigte Degas großes Interesse, nahm an ihrer Entwicklung regen Anteil und wandte sie wohl frühzeitig an, um so die Bewegungsabläufe besser studieren und in seinen Werken noch authentischer darstellen zu können.

Die Ausstellung möchte darauf aufmerksam machen, dass wohl die Bedeutung der zarten Ballett-Bilder von Degas, die scheinbar nur die duftig pastelligen Tutus im Fokus haben, in der Vergangenheit verkannt wurden. Daher erforscht diese Schau die faszinierenden Zusammenhänge zwischen Degas‘ höchst origineller Art der Darstellung und Aufzeichnung des Tanzes und der zeitgleich stattfindenden Erforschung und Entwicklung der Fotografie von Etienne-Jules Marey und Eadweard Muybridge sowie des Filmes durch die Brüder Lumiére. Degas arbeitete mit diesen Foto- und Filmschaffenden eng zusammen und zeigt damit, dass er kein träumender Sonderling war, der in dunklen Ecken der Ballettsäle die jungen Mädchen studierte und womöglich einen voyeuristischen Bedarf bediente. Nein, Degas war mehr, als nur der Schöpfer schöner Ballett-Bilder. Er war ein radikaler Künstler, der sich zutiefst Gedanken über die Möglichkeit der Darstellung von Bewegung im Bild machte und dabei die neuesten technologischen Entwicklungen der Fotografie und des Films auszuloten versuchte.

Fortsetzung von Seite 1

Dabei stellt sich dem aufmerksamen Besucher der Ausstellung die Frage, ob Degas im Schaffensprozess den Fotoapparat selbst zur Hand nahm. Die Kuratoren der Londoner Ausstellung, Richard Kendall (The Clark Art Institute, Williamstown, USA), Jill DeVonyar und Ann Dumas (Royal Academy of Arts London), implizieren diese Vorgehensweise Degas‘. Dem widerspricht jedoch die Aussage des bedeutenden Frankfurter Kunsthistorikers Harald Keller (1903-1989), der in seinem Buch »Französische Impressionisten« (1993) den Hinweis lieferte, dass Degas vor 1890 nicht selbst fotografiert haben soll. Stattdessen komponierte er regelrecht seine Ballett-Werke aus einzelnen Zeichnungen und Skizzen, die er in aufwendigen Modellsitzungen anfertigte. Auch der Kunsthistoriker Werner Hofmann bestätigt diese Annahme in seinem Degas-Werk »Degas und sein Jahrhundert« (2007).

Ob nun Degas tatsächlich die Fotografie und den Film für seine Ballettszenen zur Hilfe nahm, um so genauer die Bewegungsabläufe der Tänzerinnen studieren zu können, sei dahin gestellt. Entscheidend ist doch eher die Tatsache, dass Degas als ein Künstler des Bürgertums dem harmonischen Wirklichkeitssinn seiner Impressionisten-Kollegen vor allem reale Frauengestalten aus der Randzone der Gesellschaft entgegensetzte. Er zeigte sie bei der Arbeit - dem Tanz – und stellte ihre geschmückten, angespannten aber auch zum Teil verbrauchten Körper dar. Degas interessierte an den zahlreich dargestellten Ballettszenen wohl eher weniger die detaillierten Bewegungsabläufe, als das Phänomen der menschlichen Isolation und der Entfremdung. So scheint jede Ballerina in ihren Bewegungen und Gesten gefangen, ganz auf sich selbst konzentriert und dabei völlig isoliert zu sein.

Unter welchem Blickwinkel man Degas‘ Ballett-Arbeiten auch sehen mag, durch dieses interessante Ausstellungsprojekt in London ist es jedenfalls möglich geworden, Degas als einen äußerst progressiven und modernen Künstler seiner Zeit näher kennen zu lernen.