Ausstellungsbesprechungen

Der ferne Klang. Günter Brus und die Musik. BRUSEUM, Neue Galerie Graz, bis 28. Juni

Das Universum von Günter Brus ist unermesslich – und wird durch die aktuelle Ausstellung um eine ganze Dimension erweitert. »Der ferne Klang« widmet sich einer bislang kaum beachteten Facette im vielseitigen Schaffen des Künstlers, seiner hingebungsvollen, intensiven Auseinandersetzung mit der Musik. Autorin Ulrike Schuster hat die beeindruckende Schau besucht.

Günter Brus, "Das Unerhörte", 1980, Bleistift, Ölkreide, Silber- und Goldfarbe auf Packpapier, Privatsammlung, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Günter Brus, "Das Unerhörte", 1980, Bleistift, Ölkreide, Silber- und Goldfarbe auf Packpapier, Privatsammlung, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

»Der letzte Klang« ist eigentlich der Titel einer Oper von Franz Schreker (geschrieben 1903–10), die Günter Brus im Jahr 1956 zum ersten Mal im Österreichischen Rundfunk hörte. Sie wurde für ihn zum Offenbarungserlebnis. Die musikalische Sprache Schrekers, mit expressionistischen Elementen und irisierenden Akkorden an der Grenze zur Atonalität, offenbarte für Brus ein neues Klangerlebnis. Damit begann seine lebenslange Beschäftigung mit Musik, die für ihn ein unentbehrlicher Quell der Inspiration wurde.

Bei Spaziergängen durch die Wälder und Wiesen seiner obersteirischen Heimat experimentierte er beispielsweise mit »Atemkompositionen«, die in späteren Aktionen wie Breath Exercises Eingang fanden. Brus, der nie ein Instrument spielen lernte, setzte sich mit den Bauprinzipien des Atonalen auseinander, mit Kontrapunkten der Gestaltung und den Sequenzen von Bühnenhandlungen. Seine aktionistischen öffentlichen Auftritte, die ihn um die Mitte 1960er Jahren bekannt machten, folgten detailliert ausgearbeiteten Partituren. Brus entwickelte auch musikalische Kompositionen, die nicht zur Aufführung kamen, so die seinem Künstlerfreund Hermann Nitsch zugeeignete Sonate Nr. 1, die er im Bild–Text–Roman Irrwisch thematisierte. Im sogenannten »Berliner Konzert« von 1974 nahm er als Teil des Ensembles teil und dilettierte an diversen Instrumenten: »Lieber ein Lied falsch singen als ein schlechtes komponieren«, lautet einer seiner Wahlsprüche. Für die Oper Das schlaue Füchslein von Leoš Janácek entwarf er 1994 Kostüme und Plakate.

Doch es wäre eine vergebliche Mühe, hier eine auch nur eine annähernd vollständige Aufzählung vornehmen zu wollen. Die musikalischen Bezüge durchdringen das gesamte umfangreiche Lebenswerk des Malers, Zeichners, Aktionskünstlers, Schriftstellers und Poeten Günter Brus. Von Anfang an war der interdisziplinäre Ansatz seiner künstlerischen Arbeit ein wesentlicher Teil der Konzeption. Das Experimentieren über die Grenzen der Genres hinweg lag im Wien der 60er Jahre durchaus im Geist der Zeit und verbindet Brus mit anderen prominenten Protagonisten der Wiener Kulturszene wie Gerhard Rühm oder Christian Ludwig Attersee, mit denen er in einem engen künstlerischen Austausch stand.

Künstler Günter Brus, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Künstler Günter Brus, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Insbesondere zelebrierte Brus die intuitive Annäherung an die Musik oft und gerne in seinen, ab den 1970er Jahren entstandenen, Bild–Dichtungen, in denen das zeichnerische und das literarische Schaffen ineinander verschmelzen. Hier ließ er auch immer wieder Aspekte des Musikalischen einfließen: Manchmal waren es Texte, die auf Libretti und Singstücke referierten, oder die Titelblätter und Seiten von Liederzyklen. Gerne näherte er sich dabei dem Stil der opulent illustrierten Notenbüchlein des vorletzten Jahrhunderts, die er auf die Brus’sche Weise subversiv in eigenwillige Bild– und Textschöpfungen verwandelte. Er entwarf Szenen und Opernakte, die er in Worten oder als Bühnenbilder ausmalte. Oder aber er visualisierte seine inneren Erlebniswelten in Phantasmagorien, bevölkert durch Traumbilder, Gesichte, Misch– und Fabelwesen.

Es kann nicht anders sein, dass die Schau mit rund 150 Werken nur einen winzigen Bruchteil aus den weitläufigen Werkkomplexen von Günter Brus umfasst. Allein das Grazer Universalmuseum verfügt, u.a. mit dem »Literarischen Vorlass«, über einen Fundus von über 20.000 Einzelblättern, den das eigens für diese Aufgabe gegründete BRUSEUM an der Neuen Galerie verwahrt und kuratorisch betreut. Die Exponate der aktuellen Ausstellung kamen jedoch zu einem beträchtlichen Teil als Leihgaben nach Graz und sind zum ersten Mal in dieser Form in einer breit angelegten Zusammenschau zu sehen.

Günter Brus, "Amadeuskonzert", 1979, Ölkreide auf getöntem Papier, 40 x 30 cm, Galerie Gerhard Sommer, Graz, Foto: Toni Muhr
Günter Brus, "Amadeuskonzert", 1979, Ölkreide auf getöntem Papier, 40 x 30 cm, Galerie Gerhard Sommer, Graz, Foto: Toni Muhr

Dem Anspruch, im Zuge der Schau einen retrospektiven Überblick von den Anfängen in den 1960er Jahre bis in die Gegenwart zu vermitteln, folgt Kurator Roman Grabner mit einer subtilen Inszenierung der Ausstellungsräume, in der die Farben der Wände das jeweilige Leitthema vorgeben. Der erste Raum strahlt in einem satten Pompejanisch–Rot. Die Bilder hängen dicht, buchstäblich von der Decke bis zum Fußboden. Aufgelegte Kopfhörer fungieren als Klangverstärker, welche die Akustik im Raum intensiver wahrnehmen lassen: »Ich liebe alle Geräusche und hasse die Musik«, behauptet ein Zitat des Künstlers am Eingang. Ein benachbartes Statement setzt hinzu: »Österreich hat nur Musik im Gehirn, darum ist es von Anfang an bis zur Gegenwart besoffen.« Gut getroffene Aphorismen über das Wesen der Musik durchziehen sämtliche Räume der Ausstellung. Der süßen Sucht nach der Operette ist Brus freilich nicht weniger verfallen als sein Heimatland, und er weiß um die Ambivalenz. So zitiert er in seinen Blättern gerne die untergegangene Schönheit des Art Decos, er inszeniert die Liebeserklärung an das Fin–de–siècle, ironisiert und verfremdet sie.

Günter Brus, "Franz Schreker. Die Gezeichneten", 1978/79, Farbstift und Ölkreide auf Papier, 64-teilig, Köck Privatstiftung, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Günter Brus, "Franz Schreker. Die Gezeichneten", 1978/79, Farbstift und Ölkreide auf Papier, 64-teilig, Köck Privatstiftung, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Auf die festlich angerichtete Bühne folgt das Pantheon der Unsterblichen. Im angrenzenden Korridor, auf weißen Grund, zeigt Brus Porträts und Hommagen an »seine« Komponisten. Beginnend mit Mozart und Franz Schubert schlägt sich der Bogen zur vorletzten Jahrhundertwende mit Richard Strauss, Alban Berg, Igor Strawinsky, Hector Berlioz, Claude Debussy und natürlich Franz Schreker. Die Gegenwart ist vertreten in Gestalt einer Würdigung an den »Nymphoniker Philip Glass«, an Gerhard Rühm, Hermann Nitsch und Olga Neuwirth. Liebe und liebevolle Ironie liegen nie weit voneinander entfernt: »Was haben Alban Berg und Mozart gemein? Den Klebstoff für den Briefmarkenverein.«

Aus dem Himmelreich der großen Musiker wird man im angrenzenden Raum unverhofft in die Hölle gestoßen. Die Wände sind schwarz und so die Bilder. Hier regieren düster–romantische Nachtstücke wie die Bildzyklen »Tiefschlafmottete« und »Dunkelkammermusik«. Doch auch aus dieser Finsternis führt ein Weg zurück ans Licht. Im abschließenden Abschnitt zeigen sich die Wände in versöhnlich sonnigem Gelb. Man findet Bereiche mit Fotodokumentation, beispielsweise über das oben genannte Berliner Konzert, sowie kraftvolle Bildkompositionen, die das Visionäre, das Messianische an der Musik zelebrieren. Noch ein wunderbares Brus–Zitat geleitet in den Ausklang der Ausstellung:
»Bücher kann man verbrennen,
Bilder stürmen.
Aber Musik…?«

Ergänzend zur der Ausstellung bietet das Joanneum ein anspruchsvolles musikalisches Rahmenprogramm an, mit Highlights wie einer Franz–Scheker–Matinee mit Wolfgang Molkow am Klavier oder mit einer Abendvorstellung gestaltet von Beat Furrer.

Günter Brus, "Irritationsballett", 1983, Ölkreide auf Packpapier, Privatsammlung, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Günter Brus, "Irritationsballett", 1983, Ölkreide auf Packpapier, Privatsammlung, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

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