Ausstellungsbesprechungen

Der Untergang des Römischen Reiches. Rheinisches Landesmuseum Trier, Museum am Dom Trier, Stadtmuseum Simeonstift Trier. Bis 27. November

Schon immer hat die Frage, warum das römische Reich untergegangen ist, die Gemüter bewegt. Inzwischen beläuft sich die Zahl möglicher Erklärungen auf mehrere hundert. Trier, eine römische Gründung und die älteste Stadt Deutschlands, sucht nun in einer großangelegten Ausstellung nicht nur nach Antworten auf die Frage nach den Gründen für das Ende des Imperium Romanum, sondern nimmt auch die Faszination in den Blick, die Rom über Jahrhunderte auf die Nachgeborenen ausgeübt hat. Nach spektakulären Ausstellungen zu Konstantin dem Großen im Jahr 2007 und Nero im Jahr 2016 geht es in der aktuellen rheinland–pfälzischen Landesausstellung um die Zeit des Übergangs von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Rainer K. Wick hat die Trierer Schau, die an drei Orten stattfindet besucht.

Joseph-Noël Sylvestre, Die Plünderung Roms durch die Barbaren im Jahr 410,  1890 (Foto Musée Paul Valéry, Sète)
Joseph-Noël Sylvestre, Die Plünderung Roms durch die Barbaren im Jahr 410, 1890 (Foto Musée Paul Valéry, Sète)

Trier, in augusteischer Zeit als Augusta Treverorum (Stadt des Augustus im Land der Treverer) gegründet und im späten 3. und im 4. Jahrhundert unter Constantius I. (Chlorus), Konstantin dem Großen und dessen Nachfolgern als eine der Kaiserresidenzen des Imperium Romanum prachtvoll ausgebaut – man spricht auch vom »Rom des Nordens« –, ist eine überaus geschichtsträchtige Stadt, in der allenthalben die baulichen Überreste aus der Römerzeit mehr als irgendwo sonst in Deutschland sichtbar sind. Zu den spektakulärsten Bauten, die von der glanzvollen römischen Vergangenheit zeugen, gehören die Porta Nigra, also das monumentale Nordtor, die großräumige Konstantinbasilika, auch als Palastaula bezeichnet, die sogenannten Kaiserthermen und die Römerbrücke über die Mosel. Zu erwähnen sind auch die Barbarathermen, die erst in den 1980er Jahren entdeckten und freigelegten Thermen am Viehmarkt sowie das Amphitheater. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass ein spätantiker Quadratbau den Kern des Trierer Doms bildet, was für den Laien auf den ersten Blick zwar nicht ersichtlich sein mag, gemäß der Maxime »man sieht nur, was man weiß« aber umstandslos erkennbar ist. Erinnert sei last but not least an die großartigen archäologischen Schätze, die im Rheinischen Landesmuseum zu besichtigen sind, also genau an jenem Ort, an dem nun der erste Teil der diesjährigen Sonderausstellung »Der Untergang des Römischen Reiches« präsentiert wird.

Landesmuseum: Der Untergang I, das 4. Jahrhundert

Marcus Reuter, seit zehn Jahren Direktor des Landesmuseums und Spiritus Rector der Landesausstellung, zeigt sich selbst erstaunt, dass es bisher noch keine thematische Ausstellung zum Niedergang und Ende des weströmischen Reiches gegeben hat, obwohl die Behandlung des Themas in der wissenschaftlichen Literatur wie auch in Romanen und anderen populären Schriften eine lange Tradition hat. Nun steht die erste große Ausstellung zum Thema, und wer die Säle des Landesmuseums durchschreitet, sieht sich mit etwa 400 zum Teil hochkarätigen Exponaten konfrontiert, darunter etwa ein Viertel aus eigenen Beständen sowie Leihgaben aus rund 20 Ländern, die ein facettenreiches Bild der römischen Spätantike vom frühen 4. bis ins späte 5. Jahrhundert zeichnen. Dabei bedient die Farbgestaltung des Parcours insofern das übliche Geschichtsbild eines kontinuierlichen Abstiegs, als der Idee eines Sonnenuntergangs entsprechend auf den ersten, hell gestrichenen Raum farbig immer dunkler gehaltene Räume folgen, die zuletzt in einem tiefen Schwarz enden.

Tetrarchengruppe, spätes 3. Jh., Replik (Foto Rheinisches Landesmuseum Trier)
Tetrarchengruppe, spätes 3. Jh., Replik (Foto Rheinisches Landesmuseum Trier)

Im ersten Ausstellungsraum ruft eine Replik der am Markusdom in Venedig befindlichen, ursprünglich aus Byzanz stammenden Tetrarchengruppe die Erinnerung an die Reichsreform des späten 3. Jahrhunderts auf, mit der Diokletian die Krise, die das Imperium Romanum unter der Herrschaft der sogenannten Soldatenkaiser erschüttert hatte, zu überwinden suchte. Um den Gefahren »imperialer Überdehnung« (Politikwissenschaftler Herfried Münkler in seinem lesenswerten Buch »Imperien«) zu begegnen und die gigantische Aufgabe der politischen Verwaltung und militärischen Sicherung des Riesenreiches zu bewältigen, kam es unter Diokletian zur Reichsteilung in eine westliche und eine östliche Hälfte und zur Einführung des Systems der Viererherrschaft (Tetrarchie) mit je einem »Augustus« als Kaiser und je einem »Cäsar« als dessen Stellvertreter bzw. »Juniorkaiser«. Das auf Dezentralisierung zielende Modell der Tetrarchie erwies sich jedoch bald als kaum praktikabel. Nachdem Diokletian und sein Mitkaiser Maximianus im Jahr 305 wie geplant abdankten, um ihren designierten Nachfolgern Platz zu machen, entbrannten im Westen langjährige Machtkämpfe um die Herrschaft, die letztlich der in Trier residierende Konstantin im Jahr 312 durch einen militärischen Sieg über Maxentius an der Milvischen Brücke in Rom für sich entscheiden konnte.

Porträt Konstantins des Großen, nach 324, Replik  (Foto Rainer K. Wick)
Porträt Konstantins des Großen, nach 324, Replik (Foto Rainer K. Wick)

Zwölf Jahre danach gelang es ihm, auch seinen letzten Rivalen, Licinius, Kaiser der östlichen Reichshälfte, zu besiegen und im gesamten römischen Reich, also im Westen wie im Osten, die Universalherrschaft anzutreten, was faktisch der Annullierung der Reichsreform Diokletians gleichkam. In die Zeit Konstantins, dessen Porträt in der Ausstellung als Kopie zu sehen ist, fällt die Tolerierung und der Aufstieg des Christentums, das dann unter Theodosius I., letzter Alleinherrscher des Gesamtreiches, zur Staatsreligion erhoben wurde. An ihn erinnert das Theodosius–Missorium (388), eine kreisrunde Silberplatte, die den Herrscher mit seinem langjährigen Mitregenten Valentinian II. und seinem Sohn Arcadius zeigt.

Dass es »unter dem Strich […] dem römischen Reich Mitte des 4. Jahrhunderts so gut wie lange nicht« ging, wie im Katalogbuch zu lesen ist, änderte sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, als die Sicherung der Grenzen des Imperiums gegen eindringende »Barbaren« immer mehr zum Desiderat wurde. In einer Zeit bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft in der westlichen Reichshälfte kam es zwischen 351 und 355 häufiger zu Germaneneinfällen, was Kaiser Valentinian I. (364–375) veranlasste, ein gigantisches Festungsbauprogramm entlang der Rhein– und Donaugrenze mit neuen Wachtürmen und sonstigen Wehranlagen zu initiieren. Während diese Festungskette Jahrzehnte Bestand hatte, kam es im Osten, ausgelöst durch das Vordringen der Hunnen, im Jahr 378 bei Adrianopel (heute türkisch Edirne) im Kampf gegen größere Verbände der Goten zu einer verhängnisvollen Niederlage der militärtechnisch an sich gut aufgestellten Römer, in deren Verlauf Valens, Ostkaiser und der jüngere Bruder Valentinians, sein Leben verlor. Dieses Ereignis markiert in der Geschichte der Spätantike insofern eine Zäsur, als es von manchen Historikern als Anfang vom Ende des Römischen Reiches und als Vorbote der Plünderungen Roms durch Alarich und Geiserich in den Jahren 410 und 455 gedeutet wird.


Landesmuseum: Der Untergang II, das 5. Jahrhundert

Der Eroberung und Plünderung Roms durch den Westgoten Alarich wird in der Trierer Ausstellung mit einem dramatisch inszenierten Raum gedacht, der den Eindruck erweckt, als würde er in Flammen stehen. Angespielt wird damit darauf, dass im Rahmen der Plünderung die am Forum Romanum gelegene Basilica Aemilia niederbrannte und dabei einstürzte.

Zerschmolzene Münzen aus der Basilica Aemilia in Rom, 410 (Foto Rainer K. Wick)
Zerschmolzene Münzen aus der Basilica Aemilia in Rom, 410 (Foto Rainer K. Wick)

Archäologen fanden in der Brandschicht zahlreiche Bronzemünzen, die durch die Hitze zum Teil an den Steinboden des Gebäudes anschmolzen. Einige davon sind in der Ausstellung zu sehen – oberflächlich betrachtet eher unscheinbare Exponate, die gleichwohl von einem für Rom schockierenden Ereignis künden. Denn mit der Plünderung der Metropole – acht Jahrhunderte nach der ersten Eroberung Roms durch die Kelten (Gallier) – war der Nimbus der »Ewigen Stadt« dahin. (Wie man sich den Vorgang im späten 19. Jahrhundert vorstellte, zeigt im Stadtmuseum Simeonstift, der dritten Station der Ausstellung, das Bild des französischen Historienmalers Joseph–Noël Sylvestre.)

Joseph-Noël Sylvestre, Die Plünderung Roms durch die Barbaren im Jahr 410,  1890 (Foto Musée Paul Valéry, Sète)
Joseph-Noël Sylvestre, Die Plünderung Roms durch die Barbaren im Jahr 410, 1890 (Foto Musée Paul Valéry, Sète)

Die Heimsuchung Roms durch Alarich war aber noch nicht alles. Im Zuge der sogenannten Völkerwanderung hatten die Vandalen im Jahr 406 die römische Rheingrenze überschritten und waren in den Jahren danach durch Gallien und Spanien bis nach Nordafrika vorgedrungen, wo sie unter Geiserich ein germanisches Königreich gründeten. Für Rom bedeutete das den Verlust der Kornkammer des Reiches und das Versiegen von beträchtlichen Steuereinnahmen. 455 setzten die Vandalen von Afrika nach Italien über und plünderten Rom zum zweiten Mal – eine Stadt, die damals allerdings schon Jahrzehnte nicht mehr das Zentrum des Imperium Romanum war (der Hof befand sich inzwischen in Ravenna). Obwohl die Vandalen bei diesem erneuten »sacco di Roma« alles andere als zimperlich agierten und im alltäglichen Sprachgebrach bis heute mit sinnloser Zerstörungswut in Verbindung gebracht werden, macht die Ausstellung deutlich, dass sie früh »romanisiert« wurden und sich in den ehemaligen römischen Provinzen Nordafrikas die Annehmlichkeiten der römischen Kultur rasch zu eigen gemacht hatten.

Zur damaligen Zeit befand sich das weströmische Reich in einer rapiden Abwärtsspirale. Das reguläre römische Heer war stark geschrumpft, »barbarische« Hilfstruppen (foederati) erlangten mehr und mehr die Oberhand, das Militär wurden von mächtigen Heermeistern (magistri militum), oft germanischer Herkunft, befehligt, interne Machtkämpfe und rechtwidrige Usurpationen führten zur inflationären Aushöhlung der Autorität des Kaisertums (es gab zehn Kaiser in zwanzig Jahren). Das faktische Ende des weströmischen Kaisertums kam im Jahr 476. Der germanische Heermeister in römischen Diensten Odoaker setzte den als weströmischen Kaiser (Augustus) amtierenden jugendlichen Romulus, der mit dem abschätzigen Beinamen »Augustulus«, Kaiserlein, in die Geschichtsbücher eingegangen ist, kurzerhand ab und erklärte sich zum König Italiens (Rex Italiae).

Mosaik des Kaisers Justinian I. aus Ravenna,  nach 540 (Foto Rainer K. Wick)
Mosaik des Kaisers Justinian I. aus Ravenna, nach 540 (Foto Rainer K. Wick)

Ein leerer Thron im letzten, völlig abgedunkelten Raum der Ausstellung verweist symbolisch darauf, dass die Zeit der Kaiserherrschaft im Westen des Imperium Romanum nach einem halben Jahrtausend endgültig abgelaufen war, was aber nicht mit dem Untergang des römischen Reichs gleichzusetzen ist. Denn ein Goldmosaik aus Ravenna mit einer Darstellung des Kaisers Justinian I. erinnert daran, dass sein östlicher Teil als byzantinisches Reich fortbestand und erst im Jahr 1453 mit der osmanischen Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II. endete.

 Aphrodite mit christlichem Kreuz auf der Stirn, 1. Jh. n. Chr., später umgearbeitet (Foto Rainer K. Wick)
Aphrodite mit christlichem Kreuz auf der Stirn, 1. Jh. n. Chr., später umgearbeitet (Foto Rainer K. Wick)

Bevor man den Ausstellungsparcours im Landesmuseum verlässt, fällt noch der Blick auf eine Leihgabe aus dem Athener Archäologischen Nationalmuseum, nämlich einen klassisch schönen Marmorkopf der Aphrodite aus dem 1. Jahrhundert nach der Zeitenwende, auf deren Stirn später ein christliches Kreuz eingemeißelt wurde – eine sinnfällige Überleitung zum zweiten Teil der Trierer Landesaustellung im Museum am Dom, die unter dem Titel »Im Zeichen des Kreuzes. Eine Welt ordnet sich neu« firmiert. Dort wird am Anfang des Rundgangs ein Standbild des römischen Kriegsgottes Mars gezeigt, von dem von Archäologen nur Bruchstücke geborgen werden konnten, die dann puzzleartig zusammengefügt wurden. Sowohl das Kreuzzeichen auf der Stirn der Aphrodite als auch die offensichtlich gezielt zerstörte Mars–Statue lassen erahnen, mit welcher Intoleranz, welch destruktiver Energie und welchem Überlegenheitsdünkel die Christen der Spätantike den Triumph ihrer Religion über die heidnischen Götter feierten. Die Literatur zu diesem Thema ist umfangreich, empfohlen sei nur Catherine Nixeys hochgelobtes und preisgekröntes Buch »Heiliger Zorn. Wie die Christen die Antike zerstörten«.

Thomas Couture, Die Dekadenz der Römer,1847 (Foto Musée d'Orsay, Paris)
Thomas Couture, Die Dekadenz der Römer,1847 (Foto Musée d'Orsay, Paris)

Im Hinblick auf die Frage, was zum Untergang des (west–)römischen Reiches geführt habe, findet sich bis heute die schon im 18. Jahrhundert von Edward Gibbon in seinem epochalen Werk »The History of the Decline and Fall of the Roman Empire” vertretene These, Rom sei an seinem moralischen Verfall zugrunde gegangen (Dekadenztheorie; dazu das Bild »Die Dekadenz der Römer« von 1847 des Salonmalers Thomas Couture im Stadtmuseum Simeonstift), und sein Niedergang sei zu einem nicht geringen Teil auch dem Christentum geschuldet, das die alten römischen Tugenden unterminiert und die Kräfte des Reiches geschwächt habe. Tatsächlich sind die Gründe für das Scheitern aber vielfältig. Zu identifizieren sind strukturelle Probleme und disruptive Ereignisse, die zum Teil schon angesprochen wurden: Das Konstrukt der Tetrarchie und die daraus resultierenden Rangstreitigkeiten sowie Usurpationsversuche, die zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führten, Dezentralisierungs– und Regionalisierungstendenzen, die Erosion tradierter Loyalitätsbeziehungen, das Eindringen der »Barbaren« in das Reichsgebiet und in dessen Folge sukzessive Gebietsverluste an den Peripherien des Imperiums von Britannien bis Nordafrika, und – was seit einiger Zeit stärker in den Blick genommen und mit naturwissenschaftlichen Methoden untersucht wird – Klimaschwankungen (Kälteperioden) und tödliche Seuchen. Diese komplexe Gemengelage, die hier nur in einigen groben Umrissen angedeutet werden kann, hat übrigens in der Forschung dazu geführt, sich anstelle der Fokussierung auf den Untergang des Römischen Reiches stärker auf Prozesse des Übergangs, also der allmählichen Transformation von der Spätantike zum Frühmittelalter, zu konzentrieren.


Museum am Dom: Im Zeichen des Kreuzes

Mit Blick auf die Situation in Trier widmet die Ausstellung »Im Zeichen des Kreuzes« im Museum am Dom genau diesen Prozessen ihr besonderes Augenmerk. Abgesehen von der erwähnten Zerstörungswut der Christen – Beispiel: die zertrümmerte Mars–Statue – belegen etliche Exponate, wie Motive aus dem heidnischen (paganen) Bildfundus übernommen, inhaltlich aber christlich umgedeutet wurden. Dies gilt zum Beispiel für Sitzfiguren antiker Gottheiten wie Glücks– oder Muttergöttinnen, die dann im Mittelalter in Madonnendarstellungen ihre Fortsetzung fanden. Oder für das in der antiken Kunst populäre Motiv des Hirten mit einem Tier auf den Schultern, das auf einem frühchristlichen Sarkophag aus der Trierer Kirche St. Maximin Christus als »guten Hirten« zeigt.

Grabinschrift für Urbicia aus St. Maximin in Trier, um 500 (Foto Rainer K. Wick)
Grabinschrift für Urbicia aus St. Maximin in Trier, um 500 (Foto Rainer K. Wick)

Maximinus war zur Regierungszeit der Söhne Konstantins des Großen, also in den 330er und 340er Jahren, Bischof in Trier. Bestattet wurde er außerhalb der Stadtmauern in der spätantiken Nekropole im Norden der Stadt. In der Nähe von Märtyrern und Heiligen – ad sanctos – begraben zu werden, war für die frühen Christen ein Herzenswunsch, erhofften sie sich dadurch doch Schutz und Hilfe im Jenseits. Im 6. Jahrhundert wurde über diesen Gräbern eine Kirche, die spätere Reichsabtei St. Maximin, errichtet. Ausgrabungen unter der ehemaligen Abteikirche brachten hunderte von Gräbern zutage – Sarkophage, Grabplatten und Grabsteine – von denen das Dommuseum eine repräsentative Auswahl ausstellt. Anrührend sind manche der Grabinschriften, so etwa die eines Kindergrabes aus der Zeit um 400: »Urbicia, dem süßesten Kind, das am 23. Oktober starb; sie lebte zwei Jahre, vier Monate, fünf Tage«. Grabbeigaben wie Goldschmuck und Glasgefäße legen nahe, dass es sich hier um den Bestattungsort einer frühchristlichen Elite gehandelt haben muss.

Konstantinische Deckenmalerei aus Trier, 1. Viertel 4. Jh. (Foto Rainer K. Wick)
Konstantinische Deckenmalerei aus Trier, 1. Viertel 4. Jh. (Foto Rainer K. Wick)

Wie sich in Trier in baulicher Hinsicht der Übergang von der heidnischen zur christlichen Spätantike darstellte, wird in der Ausstellung im Museum am Dom mithilfe von Modellen und einer anschaulichen Computersimulation der Trierer Bischofskirche nachvollziehbar. An der Stelle eines antiken Prunksaals, der mit prachtvollen, aus tausenden von Fundstücken rekonstruierten Deckengemälden ausgestattet war, die zu den Highlights des Museums am Dom gehören, entstand schon um 310/320 eine dreischiffige Säulenbasilika – eine architektonische Form, die in der römischen Baukunst als Markt– und Gerichtshalle seit langem bekannt war, unter dem ersten christlichen Kaiser Konstantin dem Großen aber als Gotteshaus (domus dei) und Ort, an dem die Gläubigen den Gottesdienst feiern, eine neue Funktionsbestimmung erhielt. Mit kaiserlicher Förderung erfolgte ab 340 die Errichtung des eingangs bereits erwähnten, monumentalen sogenannten Quadratbaus, der bis heute den Kern des später durch Um– und Erweiterungsbauten stark veränderten Trierer Doms bildet.

Modell der frühchristlichen Bischofskirche in Trier  mit sog. Quadratbau, Mitte 4. Jh. (Foto Rainer K. Wick)
Modell der frühchristlichen Bischofskirche in Trier mit sog. Quadratbau, Mitte 4. Jh. (Foto Rainer K. Wick)


Stadtmuseum Simeonstift: Das Erbe Roms

Während sich das Museum am Dom ganz auf Trier konzentriert, nimmt das Stadtmuseum Simeonstift, das unmittelbar an die römische Porta Nigra angrenzt, unter dem Titel »Das Erbe Roms. Visionen und Mythen in der Kunst« unter europäischer Perspektive Facetten des Fortlebens der »Romidee« in den Blick. Ungeachtet der Tatsache, dass das weströmische Kaisertum im Jahr 476 definitiv erlosch, hörte Rom nicht auf, das Denken und Streben der Nachgeborenen zu beschäftigen. Mittelalterliche Herrscher suchten bewusst den Anschluss an das Imperium Romanum. Mit der Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 in Rom durch Papst Leo III. erfolgte die »Übertragung« des römischen Reiches auf den König der Franken (translatio imperii), bei Otto III. taucht um 1000 explizit die Formulierung »Erneuerung« (renovatio imperii romanorum) auf, und Friedrich II. von Hohenstaufen, dessen Sitzfigur vom mittelalterlichen Brückentor im süditalienischen Capua (1234–1239) in der Ausstellung als Replik gezeigt wird, verstand sich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als römisch–deutscher Kaiser ganz in der Tradition der antiken Herrscher, worauf auch die Gestaltung seines Gewandes hindeutet.

Sitzfigur Friedrichs II. aus  Capua, 1234-1239, Replik   (Foto Rainer K. Wick)
Sitzfigur Friedrichs II. aus Capua, 1234-1239, Replik (Foto Rainer K. Wick)

– Die lange Geschichte des »Heiligen römischen Reichs« mit dem gelegentlichen Zusatz »deutscher Nation«, die erst im Jahr 1806 endete, kann hier nicht erzählt werden. Rezeptionsgeschichtlich interessant ist aber, dass nicht nur die deutschen Kaiser an die Romidee anknüpften, sondern dass nach dem Fall Konstantinopels 1453 Sultan Mehmed II. bemüht war, sich als legitimer Nachfolger der oströmisch–byzantinischen Kaiser zu inszenieren, unter anderem, indem er das byzantinische Hofzeremoniell übernahm. Und die russischen Großfürsten stilisierten nach der Eroberung von Byzanz durch die Osmanen Moskau als »drittes Rom« und führten seit dem 16. Jahrhundert den Titel »Zar«, abgleitet vom lateinischen »Cäsar«. – Im 20. Jahrhundert war es Mussolini, der mit seinem faschistischen »Impero d’Italia« an die Macht und Größe des Imperium Romanum anzuknüpfen suchte, und auch das »Dritte Reich« geriet mit seinen monumentalen Bauprojekten und mit «antik inspirierten Feldzeichen oder antikische[n] Heldenskulpturen« (Katalog) in den Sog des »Mythos Rom«.

Marcel Debut, Vercingetorix, frühes 20. Jh. (Foto Stadtmuseum Simeonstift)
Marcel Debut, Vercingetorix, frühes 20. Jh. (Foto Stadtmuseum Simeonstift)

Stiefmütterlich gerät in der materialreichen und sachhaltigen Ausstellung die Behandlung der eminenten Bedeutung Roms für die Entstehung der Renaissance und des Humanismus. Eher wird die bei deutschsprachigen Humanisten erkennbare »Abkehr von Rom« thematisiert. Durch die Lektüre der Schriften von Tacitus, insbesondere der »Germania«, erwuchs in kritischer Abgrenzung von den Römern eine Vorstellung davon, was »germanisch« bzw. »deutsch« sei, eine Entwicklung, die in den »kulturell geprägte[n] Germanismus des 18. und frühen 19. Jahrhunderts« und den »politisch spezifischen Germanenkult des 19. Jahrhunderts und dessen irrationale[s] und kriminelle[s] Epigonentum des 20. Jahrhunderts« (Katalog) einmündete. Entdeckt und gefeiert wurde Arminius alias Hermann der Cherusker als Befreier Germaniens und damit als Nationalheld. Helden »gegen Rom« wurden in Zeiten eines blühenden Nationalismus nicht nur in Deutschland zu Identifikationsfiguren gegen »fremde Mächte«, sondern auch auf der iberischen Halbinsel (Viriato) , in Frankreich (Vercingetorix), in den Niederlanden (Julius Civilis) und in Großbritannien (Boudicca), und Historienmaler haben mit überschießender Phantasie Szenen ins Bild gesetzt, die den heroischen, oft allerdings vergeblichen Kampf der Germanen gegen die Römer thematisierten oder die Plünderungen Roms durch Alarich und Geiserich verherrlichten.

links Exponate zum faschistischen 'Impero' mit futuristischem Porträt Mussolinis, rechts Anselm Kiefer, Varus, 1976 (Foto Museum Simeonstift)
links Exponate zum faschistischen 'Impero' mit futuristischem Porträt Mussolinis, rechts Anselm Kiefer, Varus, 1976 (Foto Museum Simeonstift)

Flankiert von Exponaten zu den hypertrophen imperialen Bestrebungen Mussolinis und Hitlers markiert Anselm Kiefers großformatige Arbeit »Varus« von 1978 den Schlusspunkt der Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift. Es handelt sich um ein düsteres, komplex codiertes Werk mit namentlichen Verweisen auf Hölderlin, Kleist, Grabbe und andere, die in patriotischer Absicht den Sieg Hermanns im Jahr 9 n. Chr. gefeiert und den Bezwinger der römischen Truppen als Symbolfigur vaterländischer Tugenden stilisiert haben. Dass die in die Tiefe fluchtenden Bäume ihre Äste scheinbar zum sogenannten deutschen Gruß (auch »Hitlergruß«) erheben, ist sicherlich kein Zufall, sondern eine Anspielung auf das Fortleben derartiger Vorstellungen im »Dritten Reich«. Und die roten Flecken und Tropfspuren erinnern an die blutige Realität eines mörderischen Kampfes und tragen dazu bei, die legendäre Schlacht im Teutoburger Wald jenseits aller nationalistischen Überhöhungen ihres Mythos zu entkleiden.

Anlässlich der drei sehenswerten Ausstellungen unter dem gemeinsamen Titel »Der Untergang des Römischen Reiches« ist im Verlag wbg Theiss, Darmstadt, ein umfangreiches, opulent bebildertes Katalogbuch mit Textbeiträgen ausgewiesener Fachwissenschaftler erschienen, das sich zu drei Viertel auf den Ausstellungsteil im Rheinischen Landesmuseum bezieht und zu einem Viertel auf die Ausstellungen im Dommuseum und im Stadtmuseum Simeonstift Bezug nimmt. Zur Ausstellung im Dommuseum hat Markus Groß–Morgen zusätzlich einen separaten Begleitband herausgegeben (Verlag für Geschichte & Kultur, Trier), und auch das Stadtmuseum Simeonstift Trier hat ergänzend unter der Gesamtleitung von Elisabeth Dühr eine eigene Publikation beigesteuert.

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