Ausstellungsbesprechungen

Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa, Weimar | Gotha, bis 28. August 2016

An den Ernestinern geht in diesem Jahr kein Weg vorbei, wenn man in der Mitte Deutschlands unterwegs ist. Hier begegnat man einer Familie, die fest im Land verankert war, aber deren Mitglieder in ganz Europa Einfluss hatten. Stefanie Handke hat in Weimar und Gotha eine beeindruckende kulturhistorische Schau entdeckt.

Prinz Philippe hat sich noch nicht offiziell angekündigt. Das tut der guten Laune der Ausstellungsmacher in Weimar und Gotha keinen Abbruch, denn sie sind stolz auf die Thüringer Landesausstellung 2016, die zugleich die erfolgreiche Zusammenarbeit der Klassik Stiftung der Stiftung Schloss Friedenstein für die Cranach-Ausstellungen im Vorjahr fortsetzt. Sie ist die erste, die sich umfassend dem thüringischen Geschlecht der Ernestiner widmet. Dabei wartet sie nicht etwa mit minutiös aufgestellten Biografien der einzelnen mehr oder weniger bekannten Sprösslinge der Familie auf, nein hier handelt es sich im besten Sinne um eine kulturhistorische Schau. Sechs große Themenbereiche widmen sich den verschiedenen Aspekten, die die Herrschaft der Dynastie in Thüringen prägten und zeichnen dabei die Geschichte eines Geschlechts nach, das während der Zeit der Reformation durchaus den Habsburgern Konkurrenz machen konnte und dessen Nachkommen heute noch die Herrscherhäuser Europas prägen – berichtet die Klatschpresse über das belgische und das britische Königshaus, so handelt es sich dabei um Ernestiner.

Die Ausstellung widmet sich aber vor allem den politischen und gesellschaftlichen Leistungen der Dynastie: In Weimar sind das Verhältnis zum Reich, die prägende Rolle in der Reformation sowie das Verhältnis der Ernestiner zu den Wissenschaften Thema, während in Gotha die Familie, das Land Thüringen sowie die Künste im Vordergrund stehen. So kann jeder der vier Ausstellungsorte – in Weimar das Neue Museum und das Stadtschloss, in Gotha das Herzogliche Museum und das Schloss Friedenstein – durchaus genug Stoff für je einen Einzelbesuch bieten. Im Grunde genommen verbinden sich aber alle Themenbereiche zu einem Porträt der Familie und ihres Einflusses.

Im 15. und 16. Jahrhundert gehörte Kurfürst Friedrich der Weise zu den ganz großen in Europa, war Generalstatthalter des Kaisers, war berühmt für seine Reliquiensammlung und hielt schließlich seine schützende Hand über Martin Luther. Mit der Niederlage seines Neffen Friedrichs des Großmütigen im Schmalkaldischen Krieg verloren die Ernestiner ihre 1508 gegründete Universität in Wittenberg – fortan sollte Jena das wissenschaftliche Zentrum der Ernestinischen Lande sein. Diese Niederlage ist zugleich Lehrstück in Sachen Herrschaftsinszenierung: Friedrich inszenierte sich ab 1547 als Märtyrer des Glaubens und so setzte ihn etwa Lucas Cranach d.J. in Szene. Der im Neuen Museum ausgestellte Reformationsteppich des Seger Bombeck präsentiert zudem das politische Programm der Familie Mitte des 16. Jahrhunderts. Er inszeniert Luther als einen Kirchenvater, der die Erlösung durch Jesu in den Mittelpunkt des Glaubens stellt, bezeugt wird das durch eine Bildtafel mit entsprechenden Bibelzitaten. Den Papst und die Vertreter der katholischen Kirche dagegen weist Bombeck dagegen klar als teuflische Mächte aus, als Wölfe im Schafspelz und seltsame Mischwesen aus Tier und Mensch.

Die Objekte spielen in Weimar eine besondere Rolle: in den Eckräumen des Museums steht jeweils ein Gegenstand im Mittelpunkt, auf den sich eine Bildprojektion sowie ein kleines Hörspiel beziehen. Überhaupt hat man es sich hier zur Aufgabe gemacht, Geschichten zu erzählen: Vom Machtverlust im 16. Jahrhundert, von begeisterten Sammlern oder vom Mythos um die früh verstorbene Großherzogin Caroline oder von der Suche nach einem Denkmal für die Reformation. So sieht man etwa ein unvollendetes Gemälde Hans Oldes, das Caroline auf einem Spaziergang im Park zeigt und zugleich ihr Verhältnis zu Hof und Kunst in Weimar illustriert: scheinbar unbeschwert wandelt die Großherzogin durch Park, statt repräsentativer Kleidung trägt sie ein schlichtes Kleid. Ihre Begeisterung für die Kunst ließ die Weimarer Künstler und Sammler auf Unterstützung durch den Hof hoffen, Henry van de Velde oder Harry Graf Kessler begegneten ihr und sahen in ihr eine Fürsprecherin.

So durchzieht das Verhältnis der Familie zu Kunst und Wissenschaft alle Ausstellungsteile. Ob da die kunstsinnige Caroline ist oder der Reliquien sammelnde Friedrich, für sie alle waren die Kunst und ihre Sammlungen zentrales Mittel der Repräsentation. Lucas Cranach d. Ä. war direkt bei Hofe angestellt, die ihm folgenden Generationen – auch sein Sohn – bewegten sich stets im Umfeld des Hofes und fanden hier ihre Auftraggeber. 1505 zum Hofmaler ernannt, schuf er standardisierte Porträts, die den Hof und auch das Mäzenatentum der Ernestiner inszenierten. Der Einfluss Cranachs und seines Sohnes sollte noch eine Weile erhalten bleiben, wie das »Parisurteil« (um 1620) Daniel Richters beweist: Vorbild dafür ist auf den ersten Blick ein Motiv Cranachs d.Ä., das zugleich auch bei Hofe sehr beliebt war. Die Familie Richters findet sich übrigens des Öfteren als Künstler im Umfeld des Hofes wieder und gehört somit zu einem Netzwerk aus Hofkünstlern, die zwar auch Kunstwerke schufen, daneben aber auch am Ausbau und Erhalt der Residenzen und Sammlungen beteiligt waren oder höfische Feste und Turniere ausstatteten. So kann man in Gotha etwa ein Deckelpokal von Marcus Heiden oder ein Geburtstagspokal Georg Ernst Kunckels bewundern, der dieses Netzwerk auch zwischen den Höfen repräsentiert: Marcus Heiden war am Coburger und Weimarer Hof tätig und war einer der Elfenbeindrechsler seiner Zeit. Pokale wie diese entstanden anlässlich von Geburtstagen und Jubiläen und wurden gern verschenkt. Ihre Kunstfertigkeit steht dabei außer Frage.

Diese Hofkünstler konkurrierten aber auch: So gab es gegen Louise Seidler, die immerhin eine Empfehlung Goethes sowie ein Stipendium vorweisen konnte, zahlreiche Vorbehalte vor allem seitens ihrer männlichen Kollegen. Einer ihrer Hauptkonkurrenten war Friedrich Preller d.Ä.. Sie selbst wurde für ihre Kunst im Stil der Nazarener von der Kritik gelobt, war Zeichenlehrerin der Prinzessin, Kustodin der fürstlichen Gemäldesammlung – als erste Frau in Deutschland – und schließlich offizielle Hofmalerin. Ihr Werdegang verschleiert ein wenig die sich auflösende Verbindung zwischen Fürstenhöfen und Künstlern. Eng blieben diese vor allem an den Kunstakademien wie der 1776 gegründeten Fürstlichen freien Zeichenschule zu Weimar, aber auch an Akademien in Gütha und Meiningen, Eisenach, Altenburg oder Jena. Diese hatten vor allem die Aufgabe, breite Bevölkerungsschichten geschmacklich und handwerklich zu bilden – eine Entwicklung, die in der Gründung von Handwerkerschulen und schließlich Gewerbeschulen ihre Fortsetzung fand. »Kunst und Bildung für alle« war das Motto, das allerdings nicht ganz uneigennützig war: Die an den Schulen entstandenen Entwürfe dienten als Vorlage für das hiesige Handwerk, wie eine Ausgabe des »Journal des Luxus und der Moden« und ein nach den hier veröffentlichten Entwürfen gefertigter Stuhl und nach Entwürfen Henry van de Veldes gefertigte Vasen und Schalen beweisen.

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Daneben begegnen herrschaftliche Porträts und Entwürfe für Denkmäler und Architekturen. In den herrschaftlichen Bauten drückte sich dabei auch das Selbstverständnis der Ernestiner aus. Ihre Macht erhielten sie vor allem durch eine geschickte Heiratspolitik, die heute dafür sorgt, dass die Throne Europas auf thüringische und sächsische Vorfahren zurückgehen. Das persönliche Moment spielt dabei eine besondere Rolle, denn die Ausstellung widmet sich oft auch den persönlichen Interessen der Fürsten: An ihren Höfen florierte die Kultur, es gab Theater und Musik, man pflegte den Umgang mit Dichtern, Philosophen und Künstlern, förderte aber auch jenseits der Universität Jena die Wissenschaften und Forschungen. Der »Musenhof« Anna Amalias in Weimar ist einer dieser Orte, der von der Herzogin zusammengehalten wurde und an dem sich Künstler und Intellektuelle trafen. Bei den sogenannten »Tafelrunden« in Weimar trafen sich die Intellektuellen des Hofes, während die Herzogin Luise Dorothea von Gotha aus mit aller Welt korrespondierte. Die Zeitschrift »Correspondance littéraire« des Gothaer Gesandten in Paris, Friedrich Melchior Grimms, trieb diese Korrespondenz auf die Spitze: Als Zeitschrift konzipiert, wurde sie als Diplomatenpost an einen exklusiven Kreis versandt und kursierte an den Höfen Europas.

Zentral waren ebenso die an den Höfen entstandenen Sammlungen. Gerade in ihrer Entstehungszeit von den persönlichen Interessen der Herrscher geprägt, begann man im 18. Jahrhundert mir einem gezielten Sammlungsaufbau. »Profis« wurden angestellt, die herrschaftlichen Sammlungen zu sichten, zu ordnen und zu pflegen, während im 19. Jahrhundert schließlich endlich eigene Museumsbauten wie das Herzogliche Museum in Gotha eingerichtet wurden. Auch die Öffentlichkeit hatte so Zutritt zu den Sammlungen – eine Grundlage für umfassende Bildung. Eng verbunden mit dieser Sammlungstätigkeit ist ein weiteres Merkmal, das alle Ausstellungsteile durchzieht: die Offenheit der ernestinischen Herrscher für moderne und auch einmal liberale Ansichten. Sie eröffneten ihren Untertanten Möglichkeiten des freien Handelns. Insbesondere in der Zeit der Industrialisierung spiegelt sich das, wenn die Fürsten statt Mäzene nun Schirmherren werden und die Unternehmungen ihrer Untertanen wohlwollend begleiten, während diese Wirtschaft und Wissenschaft vorantrieben. Besonders an der Universität Jena taten sich Stifter wie Paul Ritter als Förderer von Ernst Haeckels Projekten hervor, während die Ernestiner die Grundfinanzierung der Universität sicherstellten. Die Offenheit der Dynastie für bürgerliche Aktivitäten ließ aber bereits an der Wende zum 19. Jahrhundert etwa das pomologische Kabinett des Pfarrers Johann Volkmar Sickler entstehen, der in seiner Baumschule neue Obstsorten entwickelte und eine Sammlung von Obstmodellen anregte. Johann Matthäus Bechtstein dagegen gründete 1801 im Auftrag Herzog Georgs I. von Sachsen-Meiningen eine öffentliche Lehranstalt für Forst- und Jagdkunde, die zwei Jahre später zur Herzoglichen Akademie erhoben wurde. Auch den Parlamentarismus lehnten die Herzöge nicht rundheraus ab: Dem Landtag räumte man ab 1821 wesentliche Rechte ein, Untertanten wurden nun zu Staatsbürgern und das Grundgesetz 1849 konnte mit einer Anzahl demokratischer Rechte wie Presse-, Religions- und Meinungsfreiheit oder der Gleichberechtigung aller Staatsbürger aufwarten.

Diese zahlreichen Themenfelder stecken also den Rahmen der Landesausstellung ab: ein großes Vorhaben, dem sich die Stiftungen in Weimar und Gotha gestellt haben. Die Handschrift der Kuratorinnen Friedegund Freitag in Gotha und Karin Kolb in Weimar ist dabei deutlich sichtbar. In Gotha trennt man klar die drei Themenbereiche »Land«, »Familie« und »Kunst« voneinander ab und widmet sich ihnen jeweils fast schon monothematisch. In Weimar dagegen hat man aus den hier behandelten Themen »Reich«, »Glaube« und »Wissenschaft« eine einzige große Schau gemacht, deren Aspekte in allen Räumen gleichermaßen beleuchtet werden. Die Unterschiede sind also da, stören den Besuch aber keineswegs. Im Gegenteil: Die Schau bleibt, auch wenn man beide Orte an einem Tag besucht, abwechslungsreich. Das mag auch in der Größe des Themas begründet liegen, prägten die Ernestiner doch von 1485 an bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die Geschicke des Landes Thüringens und Europas. Es bleibt aber der Verdienst der Ausstellungsmacher, sich dieser mehr als 400-jährigen Geschichte einer Familie anzunehmen und diese einer detaillierten kulturhistorischen Betrachtung zu unterziehen.

Auch der im Sandstein Verlag erschienene Katalog zur Ausstellung greift dieses Konzept auf. Das, was man in der Ausstellung gesehen hat, wird hier noch einmal ausführlich beleuchtet und mit den Abbildungen der zahlreichen Exponate ansprechend aufbereitet. Genau wie die Präsentation im Museum richtet er sich nicht nur an gesellschaftliche und kulturelle Eliten, sondern an alle Interessierten. Die Texte bieten dabei einen ansprechenden Zugang zum politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Handeln der thüringischen Dynastie, die Verbindungen in ganz Europa aufrecht hielt. Sie zeigen die Familienmitglieder als kluge, politisch wache und kulturell interessierte Persönlichkeiten. Das Format bleibt dabei kompakt und ist eine angenehme Abwechslung zu den oft großformatigen Katalogen; das Buch ist handlich und lädt mit seinen zahlreichen Abbildungen dazu ein, in die Hand genommen zu werden. In Verbindung mit den fundierten, abwechslungsreichen Texten ist es somit ein bleibendes Mitbringsel vom Ausstellungsbesuch.

Das Thüringer Jahresthema »Ernestiner« erfährt in Ausstellung und Katalog eine sachgerechte, aber auch dynamische und gefällige Behandlung. Erwartet man beim Ausstellungstitel eher eine rein politische Betrachtungsweise von Familie und einzelnen Biografien, so wird man angenehm überrascht und findet sich stattdessen in einer breit angelegten kulturhistorischen Schau wieder, die im Grunde genommen keine Wünsche offen lässt und durch interaktive Elemente sowie einen ebenso abwechslungsreichen Audioguide mit kleinen Hörspielen begleitet wird. Der Katalog ermöglicht es, alles daheim noch einmal nachzulesen und ist eine gute Grundlage für die weitere Beschäftigung mit der Dynastie. Und wer selbst dann noch nicht genug kriegen kann, der kann im Blog zur Ausstellung weiter in der Historie stöbern.