Ausstellungsbesprechungen

Die Eroberung der Wand - Nazarenerfresken im Blick der Gegenwart, Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen, bis 9. September 2012

In der Schau treten sich in einer spannenden Gegenüberstellung die frisch restaurierten Fresken der zwölf Apostel des Nazarenerkünstlers Johann von Schraudolph (1808 –1879) und Werke von zwölf zeitgenössischen Künstlerinnen gegenüber. Rainer K. Wick hat es sich angesehen.

Vor fünf Jahren wurde das vom amerikanischen Stararchitekten Richard Meier entworfene neue Arp Museum in Rolandseck eröffnet. Im „Jubiläumsjahr“ 2012 richtet das Museum seinen Blick daher folgerichtig auf die Architektur. Höhepunkt wird die ab Ende September laufende Richard Meier-Schau »Building as Art« sein.

Mit der derzeit laufenden Ausstellung »Die Eroberung der Wand« thematisiert das Arp Museum in einer ganz spezifischen Weise den Zusammenhang von Wand und Bild in der Architektur. Während die Architektur der klassischen Moderne dem Wandbild keinen Platz mehr zuweist, war die Wandmalerei zuvor über Jahrtausende integraler Bestandteil. Im 19. Jahrhundert waren es unter anderen die Nazarener, die sich um die Pflege des Wandbildes in der Tradition der Spätgotik und der Frührenaissance bemühten.

Unter dem Einfluss dieser Kunstrichtung schuf der Maler Johann von Schraudolph ab 1846 in der Apsiskalotte des romanischen Kaiserdoms von Speyer ein Wandgemälde, das im oberen Teil die Marienkrönung und darunter die zwölf Apostel zeigt. In den 1950er Jahren wurden die nazarenischen Wandbilder des Doms im Zuge einer rigorosen, dem Purismus geschuldeten Restaurierungskampagne entweder zerstört oder aber in Teilen vom Malgrund abgenommen und auf dünne Trägerschichten übertragen und damit partiell erhalten. So auch die ca. 3,70 m hohen Darstellungen der zwölf Apostel. Nach komplizierten und aufwendigen Sicherungs- und Restaurierungsarbeiten durch den rheinland-pfälzischen Restaurator Vitus Wurmdobler sind diese goldgrundigen Apostelbilder nun im Arp Museum seit mehr als einem halben Jahrhundert erstmals wieder öffentlich zu sehen.

Zumal vor dem Hintergrund einer allmählichen Neubewertung der lange abgewerteten Kunst der Nazarener wäre dies allein ein hinreichend interessantes Ausstellungsprojekt. Um aber nicht einem „antiquarischen“ Geschichtsverständnis (Nietzsche) verhaftet zu bleiben und eine rein historische Ausstellung zu zeigen, hat das Museum mit seiner Kuratorin Jutta Mattern die vorübergehend nach Rolandseck translozierten Apostelgemälde mit aktuellen künstlerischen Positionen konfrontiert und so einen lebendigen Dialog eröffnet. Konkret: Es wurden zwölf Künstlerinnen eingeladen, mit ihren spezifischen Konzepten und medialen Instrumenten auf Schraudolphs großformatige Gemälde der zwölf Apostel und/oder auf die Architektur Richard Meiers zu reagieren.

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Der besondere Reiz der Schau mit dem Untertitel »Nazarenerfresken im Blick der Gegenwart« besteht darin, dass die Einzelbeiträge außerordentlich unterschiedlich sind. So knüpfen einige Künstlerinnen direkt an die Tradition des Wandbildes an: etwa Fides Becker, die in flüssigen Farben ein Raumdetail des Festsaals des alten, historistischen Bahnhofs von Rolandseck auf eine Wandfläche des Richard Meier-Baus übertragen hat, oder Hadassah Emmerich, in deren monumentaler, in schrillen Farben gemalter Komposition der Kopf der gekrönten Gottesmutter den Mittelpunkt bildet. Hier ist der Brückenschlag zur nazarenischen Ars Sacra unmittelbar greifbar, während er in der Arbeit von Ariane Epars eher als leise Andeutung erscheint: Auf drei großen, dem Rheintal zugewandten Fensterflächen hat die Künstlerin ein geometrisierendes Liniengerüst aufgebracht, das an Grundrissschemata denken lässt und in Blattgold ausgeführt wurde, also einem Material, das mit Blick vor allem auf die mittelalterliche Tafelmalerei ohne Umwege sakral konnotiert wird und in diesem Fall das Gold der Schraudolphschen Apostelbilder aufnimmt. So gelingt es, die „neutralen“, rein funktionalen Fensterflächen des Museums symbolisch mit Bedeutung aufzuladen und künstlerisch zu überhöhen.

Eine originelle Erweiterung des klassischen Wandbildes leistet Sonja Alhäuser mit ihrem Bild »Kräuterapostel«. Darin nimmt die Künstlerin die Pflanzenmotive des Schraudolphschen Apostelzyklus auf und ergänzt sie durch reliefplastische Partien aus parfümierter Seife. Im Unterschied zum üblichen musealen Berührungsverbot wird hier der Besucher/Betrachter/Rezipient explizit ermutigt, diese Zonen anzufassen und so zu einer erweiterten (in diesem Fall olfaktorischen) sinnlichen Erfahrung zu gelangen. Dazu dient auch ein kleines, mir Wasser gefülltes Becken an der Wand (wie ein Weihwasserbecken), in dem man die Finger anfeuchten kann, um dann auf einem getreppten Podest auch die höher angebrachten „Duftzonen“ berühren zu können.

Andere Künstlerinnen überschreiten bewusst den thematischen Rahmen der Wand, sei es Heike Weber mit einer ornamentalen, an Klöppelspitzen erinnernden großen Bodengestaltung aus weißem Silikon, sei es Christiane Löhr mit überaus zarten, filigranen Flechtstrukturen aus schwarzen Pferdehaaren, die ein kleines Kabinett des Museums auf äußerst subtile Weise artikulieren. Bei aller Verschiedenheit ist beiden Arbeiten ihr Architektur- und Raumbezug gemeinsam.

Zwar thematisiert Johanna Reich in ihrer Videoarbeit »On Fire« explizit die Gestaltung einer Wand mit Pinsel und Farbe, zugleich stellt sie aber alles in Frage, was ein Bild auf der Wand essentiell ausmacht – seine Materialität und Festigkeit und, damit einhergehend, sein Überdauern in der Zeit. Dies bezieht sich nicht nur auf die Entscheidung der Künstlerin für ein flüchtiges, quasi-immaterielles Bildmedium, sondern auch auf die kleine „Bildgeschichte“, die sie erzählt. Die relativ kurze Videosequenz zeigt eine schwarz gekleidete Rückenfigur, die in der Manier der gestischen Malerei bzw. des Action Painting mit heftigen Pinselstrichen Farbe auf eine weiße Wand aufträgt. Sofort verwandeln sich diese Stellen in züngelnde Flammen, und je weiter der Malprozess fortschreitet, um so mehr verschwindet das gesamte Bild in einem großen Feuer, von dem letztlich auch die malende Person, nachdem sie ihre Kleider abgelegt hat, gleichsam verschlungen wird – Metapher des Verderbens und der Vergänglichkeit, aber auch Symbol der Läuterung und der Unsterblichkeit (erinnert sei nur an den aus der Asche emporsteigenden Phönix).

„Spannend“ ist seit geraumer Zeit ein Modewort, dessen Gebrauch mittlerweile geradezu inflationär ist. Wenn es irgendwo abgebracht erscheint, dann auf jeden Fall in dieser interessanten Ausstellung.