Buchrezensionen

Edgar Honetschläger: Ein Kappa geht nach Tokyo, Schlebrügge Editor 2016

Nach Tokyo begibt sich in Edgar Honetschlägers Kindergeschichte ein kleines Fabelwesen aus den Seen und Gewässern Japans. Auf seiner Reise erlebt es zahlreiche Abenteuer und zeichnet sich dabei durch seinen steten Optimismus aus. Stefanie Handke hat das Kinderbuch unter die Lupe genommen.

Künstlerisch hochwertige Kinderbücher erfreuen sich einer gewissen Konjunktur, und das aus verschiedenen Gründen: Sowohl Erwachsene als auch viele Kinder mögen schön gezeichnete Geschichten und das, was sie in den Bildern eines Buches entdecken können. Das gemeinsame Erkunden dieser, das Weiterspinnen der Geschichten ist ein Erlebnis für alle. Und nicht zuletzt: Vorlesen macht einfach Spaß!

Kein Wunder also, dass auch der österreichische Filmemacher und Künstler seine Liebe zum Kinderbuch entdeckt und ein solches verfasst hat. Darin erzählt er von einem Kappa und seiner Reise in die japanische Hauptstadt Tokyo. Bei dem Wesen handelt es sich um ein japanisches Fabelwesen, das sich vor allem im Volksglauben und Kindergeschichten großer Beliebtheit erfreut. Der Kappa ist ein kleines Wasserwesen, das in der Volkssage in unterschiedlichen Gestalten – kinder-, affen- oder auch einmal schildkrötenähnlich – auftreten. Sein Kopf besitzt sehr oft eine Aushöhlung, in der sich Flüssigkeit, in der Regel Wasser, befindet. Sie steht für die Lebenskraft des Wesens und wenn sie austrocknet, so wird das Wesen geschwächt.

In Honetschlägers Geschichte lebt der kleine Kappa an einem See in »Kappaland« zu Füßen des Berges Fujiyama. Angespornt von seiner Freundin, einem Koikarpfen, beschließt er, die Großstadt Tokyo zu besuchen: Er will fliegen lernen. Dort entdeckt er verschiedenste, für ihn neue Dinge: Schreine und Straßenfeste begeistern ihn ebenso wie die von Neonreklamen erleuchtete Shibuya Kreuzung und natürlich die vielen Hochhäuser. Auch Verwandte seiner Karpfenfreundin entdeckt er im Karpfenteich des kaiserlichen Palasts. Dann aber beginnen seine Probleme: der kleine Kappa gerät in einen Pinball-Automaten, wird von Autos auf der Schnellstraße verfolgt, beißt in Sushi-Attrappen und allmählich geht der Wasservorrat seines Osara zur Neige. Nach zahlreichen Abenteuern und endlich auch etwas Wasser gerät er in eine Seifenblase und schwebt darin fort – bis sie an der Spitze des Toky Tower zerplatzt und er erkennt, dass er endlich fliegen kann!

Das Ganze erzählt Honetschläger in liebevoll gezeichneten Bildern, die oft an die Bildsprache eines Kinders erinnern: schnelle Striche, bunte Farben, angedeutete Gesichter. Aber auch die japanische Bildtradition findet sich in ihnen wieder, mit weiten Landschaften und großer räumlicher Tiefe, etwa wenn das kleine Fabelwesen am kaiserlichen Karpfenteich steht und sich mit den Verwandten seiner Freundin Koi-Tschan unterhält. Hier nimmt der Autor und Zeichner eindeutig Bezug auf die Kunst des Landes, in dem er lebt.

Die Geschichte selbst ist munter erzählt, voller Lautmalereien (»Frrrrrrrm. Frrrrrrrm«), die auch grafisch hervorgehoben werden: die Buchstaben werden größer und kleiner, wandern teilweise munter über die Seiten und erzählen so ihren Teil der Geschichte mit. Darüber hinaus findet sich auf jeder Seite eine kurze Anmerkung mit bekannten Traditionen und Begriffen Japans und bringen diese dem (erwachsenen) Leser näher – und helfen weiter bei kritischen Kinderfragen.

Honetschläger selbst versteht seine Geschichte als eine über »die Freiheit der Wahl, die Freiheit des Willens, die Freiheit, das Glück zu finden«: Der Kappa verlässt sein ihm angestammtes »Revier«, den See, und zieht in die große Stadt, erfüllt seinen und seiner Freundin Traum, zu fliegen und Tokyo zu sehen. Ob das einem Kind sofort ersichtlich ist, sei dahingestellt – es bleibt aber eine muntere Geschichte, die obendrein einen Einblick in die Tradition und Kultur Japans gibt. Einziges Manko bei der Ausstattung ist die Entscheidung für eine Broschur: Kinder nutzen ihre Bücher gern auch mit der Hand, fassen an, knicken, greifen. Ein fester Einband wäre teurer, würde aber die Lebensdauer des Buches sicher verlängern. Alles in allem bleibt das Buch aber ein nettes Geschenk für Eltern und Kinder.