Ausstellungsbesprechungen

Ein Ausflug in die Welt des Malers Jakob Bräckle, Kunststiftung Hohenkarpfen, Hausen ob Verena, bis 15. Juli 2012

Es täte Jakob Bräckle (1897-1987) Unrecht, ihn als Provinzkünstler zu bezeichnen. Denn der süddeutsche Maler braucht den internationalen Vergleich, etwa mit dem documenta- und Biennale-Künstler Antonio Calderara, nicht zu fürchten. Günter Baumann hat sich in das Werk des Schwaben vertieft.

Es ist sicher nicht der günstigste Ort, um auf einen Maler aufmerksam zu machen, dessen Bekanntheit regional begrenzt ist. Die Kunststiftung Hohenkarpfen im Kunstverein Schwarzwald-Baar-Heuberg, in einem Hofgut nahe Hausen ob Verena gelegen, muss man in einem Dreieck zwischen Rottweil, Schwenningen und Tuttlingen suchen. Dort ist noch bis Mitte Juli eine Werkschau des oberschwäbischen Malers Jakob Bräckle zu sehen.

Das sind die auf den ersten Blick spröden Fakten. Spannend wird die abgelegene Schau durch zwei, wenn nicht drei Sachverhalte: Da ist der Kustos Stefan Borchardt, der sich unermüdlich für die Kunst der sträflich vernachlässigten Region einsetzt, die eine Reihe großartiger Malerinnen und Maler hervorgebracht hat. Zu Recht weist er immer wieder gern darauf hin, dass man Künstlerinnen wie Maria Caspar-Filser kaum dem Namen nach kennt, obwohl sie den Vergleich mit Paula Modersohn-Becker nicht zu scheuen brauchte. Worpswede ist nahezu ein Kultbegriff, während die oberschwäbische Region selbst in Stuttgarter Museen klein gehalten wird. Umso verdienstvoller ist es, wenn Menschen wie Borchardt die Fahne hochhalten.

Die Bräckle-Ausstellung hat er diesmal nicht kuratiert, doch ist es sicher ihm (mit)zuverdanken, dass der Romanautor Arnold Stadler die Schau betreuen konnte. So ist zwar kein Katalog im eigentlichen Sinne erschienen – was bedauerlich ist angesichts der schön gestalteten Reihe von Begleitbänden, die sonst die Ausstellungen der Kunststiftung schmücken –, aber ein einfühlsamer autobiografischer Bericht Stadlers: Leider sind die Bilder auf dem Papier etwas dumpf geraten, aber man täte dem Buch unrecht, wenn man es als Katalogersatz ansähe. Vielmehr geht es um einen melancholischen »Ausflug in die Welt des Malers Jakob Bräckle«, so der Untertitel. Das Buch ist, schreibt Stadler, »nicht als biographisch-historisch-volkskundlich-regionalpolitische Dokumentation für den heimatverein Oberschwaben, Sektion Winterreute, … gedacht, sondern es ist ein Versuch, den Künstler Jakob Bräckle zu vergegenwärtigen, der zeitlebens in einem Radius von ein paar Kilometern wirkte«.

Das führt zum zweiten Sachverhalt, der angesichts der provinziellen Enge überraschen mag: Jakob Bräckle gehört nicht nur zu den bedeutendsten süddeutschen Malern des 20. Jahrhunderts, sondern kann mit Fug und Recht als wichtiger europäischer Künstler betrachtet werden. Im Buch wird ein (ungenannter) Kunsthistoriker zitiert, der Bräckle als »Morandi der Landschaft« bezeichnete, Stadler selbst fühlt sich an Julius Bissier und – tatsächlich naheliegend – an Antonio Calderara erinnert. Noch ein Fürsprecher mag unterstreichen, dass hier eine Entdeckung für die deutsche Kunst insgesamt zu machen ist: Martin Walser, auch ein nach wie vor scharfsinniger Fährtenleser auf der Spur verkannter Größen, schaute in der Ausstellung vorbei und zollte dem Maler seinen Respekt.

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Zugegeben: Stadler sucht in seiner Ausstellung und in seinem biografischen Roman »seinen« Bräckle, der deutlich seine Wurzeln zu erkennen gibt und im Bann der Religion steht. Dem kann man getrost folgen. Man kann das Werk Bräckles aber auch gleich als »modern« lesen, was heißt, dass man sowohl die Heimatverbundenheit als auch die religiöse Anbindung außer Acht lassen darf, ohne auf Bräckle als Maler verzichten zu müssen. Steigt man über dessen Initialbegegnung mit den Werken Mondrians und Malewitschs in die künstlerische Welt Bräckles ein, wird man die international gültige Sprache erkennen, die das Schaffen des Oberschwaben auszeichnet.

Geboren ist der Bauernsohn Jakob Bräckle 1897 in Winterreute, einem Ort bei Biberach, dem der Ausflug des Poeten – und die Ausstellung gilt. In Biberach ist der Maler gestorben. Es ist bezeichnend, dass der junge Jakob Kunsts studieren durfte, weil er für die Feldarbeit gesundheitlich zu schwach war. Allerdings zog er nicht in die weite Welt hinaus, sondern kehrte nach dem Studium in die Heimat zurück, um sie nicht mehr zu verlassen, mehr noch: um ihr ein Denkmal zu setzen.

Immer der Gegenständlichkeit verpflichtet, näherte er sich im Laufe seines künstlerischen Schaffens immer weiter einer Abstraktion an, die den Betrachteraugen im Extremfall nur noch gelbe und grüne Farbfelder unter blauem Anstrich bot. Das Faszinosum war, dass man neben derartigen Farbschichtungen Fotografien des tatsächlichen Motivs gegenüberstellen kann: Überrascht wird man feststellen, wie eng Bräckle auch da der Realität kommt. So bleibt die Landschaft sein Lebensthema, nachdem mehr und mehr die neusachlich aufgefassten Höfe (später eher allein die Dächer) und das tätige bäuerlich-realistische, keineswegs verklärte Leben in den Hintergrund rücken – was auch nur tendenziell festzustellen ist: Das Werk umfasst Tausende von Arbeiten, die noch nicht umfassend dargestellt wurden.

Rund hundert Bilder umfasst diese Schau im schwäbischen Idyll, in das dem Vernehmen nach über 200 zur Vernissage anreisten. Die happy few sind zusammen genommen ein kleines Völkchen. Und alle folgen dem Jahreszeitenreigen, den die kleine Werkschau präsentiert: Licht und Farbe bestimmen die Hängung. Bei aller Subjektivität des kuratorischen Eingriffs wirkt es auch plausibel, schließlich ist der Werdegang Bräckles gar nicht so entscheidend, sondern das bildgewordene Glück, das ihn angetrieben haben mag. Wenn Stadler, ein erklärter Nicht-Kunsthistoriker, den Weg zu Bräckle beschreibt, hat er einen Weg der Einkehr vor Augen. Von der Perspektive her betrachtet stellt Jakob Bräckle so etwas wie die positive Kehrseite von Van Gogh dar, vielleicht ein regelrechter Anti-Van-Gogh.