Meldungen zum Kunstgeschehen

Ein kleiner Streifzug durch Galerien in Stuttgart Juni/Juli 2010

Stuttgart taucht nach und nach in den »Fotosommer 2010« ein, so dass man noch einen Blick auf die anderen Gattungen werfen sollte, bevor die Kameras die Highlights im Kunstzirkus bestimmen. Dabei gibt es auch wahrhaft spannende malerische und zeichnerische Positionen in der Landeshauptstadt. Günter Baumann hat sich für Sie umgesehen.

Kunst in Stuttgart
Kunst in Stuttgart

Malerei von unglaublicher Glut hielt die Galerie Harthan bereit: Dort zeigte die 1948 in Oberösterreich geborene Maria Moser ihre Arbeiten, die in ihrer energiestrotzenden Vibration schon plastische Qualitäten annehmen. Das ist kein Wunder, zum einen wurde die Tochter eines Schmieds von kleinauf mit Feuer und Eisen vertraut gemacht, zum anderen sucht die Künstlerin als Wirkungsstätte die größtmögliche Nähe zur Esse – in der reinen Farbe des Pigments, aber auch in der Wahl der Ausstellungsräume. So stellte Moser in technischen Museen aus, auch bei kontextuellen Präsentationen im Zeichen der Schmiedehämmer und Hochöfen. In Stuttgart musste sich die Malerin zwar mit gewöhnlichen weißen Wänden begnügen – doch stockte dem Betrachter selbst da der Atem vor der geballten Ladung purer Energie, die derart greifbar auftritt, dass man noch nicht glauben mag, abstrakte Malerei vor sich zu haben: Das ist ein drastischer Impressionismus, der kraft der Farbe, die zuweilen über Asphalt hinwegleuchtet, Gegenständliches in gestischer Manier darstellt – eben jene Glut, die uns als Menschenwerk im Hochofen, als Schöpfung der Natur im aktiven Vulkan begegnen könnte.

Eine konträre malerische Position zu Maria Moser bietet der gleichaltrige Paul Breinig, dessen Werk in der Galerie Rumig zu sehen ist, nicht minder faszinierend: Gegen das glühende Rot setzt er auf tiefschichtige Tonalität, gegen die lichterfüllte mosersche Orphik steht Breinigs klangvolle Epik. Während das Werk der Österreicherin in Serien ein Thema variiert, umkreist Breinig sein Thema zyklisch, was sich in den jüngsten Arbeiten nicht zuletzt auch in zirkulär gestimmten und tonreichen Bildern ausrückt. Souverän pflegt er Disharmonien und sucht ihren schon bald kosmischen Einklang, wenn er etwa kleinen monochromen Farbkreisen in gelben, roten, blauen und grünen Tönen größere Farbkonglomerate entgegenhält, die allesamt in kreisende Schwingung geraten. In einer anderen Arbeit, die er »Glut« nennt – die hier fast verhalten ein Thema Maria Mosers aufgreift – , spielen schwebend Erinnerungsmomente mit herein, die sozusagen eine kulturell-introvertierte Restglut assoziieren. Die Palette ist reichhaltig und geht stets in die Tiefe, entzieht sich regelrecht der Oberfläche, anders als es die Arbeiten Mosers tun, wo die Farbe aus der Tiefe an die Oberfläche zu drängen schient.

Man wird weder Moser noch Breinig gerecht, wenn man sie einer allzu gestischen Abstraktion zuordnet, denn beide suchen konkrete Raumbezüge, die sich nuancenreich zwischen lodernden Farbmassen und stellaren Kompositionen entfalten. Spürbar wird das, wenn man das Beobachtungsfeld auf eine weitere farbintensive Ausstellung in der Galerie Schlichtenmaier ausdehnt, wo die »Pioniere und Grenzgänger« des Informel auf dem Programm stehen: Brüning, Götz, Nay, Hoehme, Schumacher, Schultze, Thieler und Trier wie auch der Bildhauer Hajek geben sich ein Stelldichein. Freilich führt ein Weg etwa von den leuchtenden Bildern eines Peter Brüning – erstaunlicherweise gerade von den dunkleren – zu Maria Moser, während Breinig sich eher noch bei Ernst Wilhelm Nay wiedererkennen könnte. Doch sonst erweist sich das Informel als individuell zu eigenständig, als dass es nur als Stichwortgeber dienen mag. Tatsache ist, dass das Informel zur Zeit eine Renaissance erlebt, die spüren lässt, wie frisch und gegenwärtig diese Farbaktivisten noch immer oder wieder sind. Die Schlichtenmaier-Brüder wollen nicht nur dies bekunden, sondern auch ein Bild korrigieren, das sich in der Kunstgeschichte eingeschlichen hat – es ging den Informellen nicht nur um den Automatismus: Vielmehr schwangen die Maler höchst individuell und mit Bedacht ihren Pinsel oder führten den Spachtel über die Leinwand und übers Papier. Zudem brechen die Galeristen eine Lanze für KRH Sonderborg, der – im deutschen Südwesten hochangesehen – auf nationaler Ebene noch immer geschnitten oder eher am Rande der Bewegung erwähnt wird.

Doch hat nicht nur die Malerei einige Glanzmarken in Stuttgart gesetzt. Auch die Zeichnung hat ihre Schau: Die Galerie Sturm präsentiert unter dem Titel »Zeichnung 10« ihren in loser Folge fortgesetzten Querschnitt durch das aktuelle zeichnerische Schaffen unsrer Zeit, und die hat es in sich, wie etliche großangelegte Sonderausstellungen in diesem Jahr bezeugen. Unter den gezeigten Arbeiten ragt schon größenmäßig das aquarellierte Rollbild von Dorothea Schulz heraus, die im Sinne des Wortes »nach dem Gehör« zeichnet, sprich: zufällig Aufgeschnapptes (Wortfetzen, Werbung usw.) aufs Papier bannt. Doch kommen hier auch sparsame Positionen wie die konzeptuellen Arbeiten Sven Brauns nicht zu kurz, der etwa zeichnerisch das niederländische Wort für »Malen« in klassischer Ölmaltechnik aufschreibt – es lautet »schilderen«, das als Aufforderung auf der Leinwand prangt und im Deutschen im Sinne von »Erzählen« bekannt ist. Marcia Hafif vermag mit einigen Strichlistenblättern zu überzeugen, die eine fesselnde innere Rhythmik besitzen, und Maddalena Fragnito de Giorgio verbindet Schrift und Bild zu gewitzten Karikaturen (»To be or not to buy«). Außerdem dabei sind: Frank Badur, Andrea Bender, Herbert Egl, Carolyn Jörg, Karoly Keserü, Astrid Köppe, Russel Maltz, Thomas Müller, Anita Stöhr Weber, Jo Schöpfer, Beat Zoderer.

Eine Neuentdeckung ist in der Galerie Friese zu machen, wo bis Ende Juni Radierunen und Papierarbeiten des 1979 geborenen Ikemura-Schülers (2000–05) Michael Wutz zu sehen sind. In dantesken Bildvisionen entwirft der Künstler düstere Welten, die technisch derart gekonnt und in der philosophischen Tiefe so reif erscheinen, dass man zwar mit Beklemmung vor den großformatigen Werken steht, aber in der Bewunderung der Machart gar nicht in die Gefahr gerät, diese Apokalyptik in reine Verzweiflung entgleiten zu lassen. Es verwundert nicht, dass dieser großartige Künstler schon in die Watchlist von »monopol« geriet – man muss sich diesen Namen merken.

Beachtung hat auch der Amerikaner Ted Green verdient, der zur Zeit in der Galerie Naumann ausstellt. Als eine Art Quadratur des Kreises setzt er in seinen ästhetischen Versuchsreihen Zufall und Ziel in eine abhängige Beziehung (der Titel lautet »Des Zufalls Ziel«) und verwendet dazu Spiegelungen, atomistische Details bzw. monumentale Einblicke in den Mikrokosmos. Mit einer akkuraten malerischen Genauigkeit der kleinsten Teile, die sich fotografisch kompatibel zeigen, baut Green eine Brücke zur naturwissenschaftlichen Darstellung, die aber sinnlich unterwandert, sprich dem Zufallsprinzip unterworfen wird. Zufällig, sozusagen (und dem Titel nach) »en passant«, sind auch die Arbeiten von Katrin Ströbel zu sehen, die nebenan in der Galerie 14-1 (beide Galerienhaus) präsentiert werden. Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich jedoch als geistvolle Spurensuche nach dem Menschen, eine Spurensuche, die ihre intellektuelle Stärke aus dem Denken Walter Benjamins (»Flaneur«), Claude Lévi-Strauss (»Traurige Tropen«) u.a. bezieht. Beide Künstler geben sich in ihrem Werk beschwingt, die Faszination ihrer Wirkung ergibt sich allerdings aus der philosophischen Tiefe.