Ausstellungsbesprechungen

Ewald Mataré und das Haus Atlantis – Eine Kunstgeschichte zwischen Hoetger und Beuys

Es gibt Ausstellungen, die dem Betrachter so viele assoziative Verknüpfungen abverlangen, dass er am Ende nicht mehr weiß, in welcher Veranstaltung er sich befindet.

Und es gibt vielleicht gar nicht so viele Ausstellungsmacher, die die Möglichkeiten derart hochkomplexer Verbindungen eigens nutzen, um ein phantasiebeflügelndes gedankliches Netzwerk zu flechten, auf dass jener Betrachter wohl nicht jeden Knoten wieder öffnen kann, aber mit dem erhabenen Gefühl von dannen zieht, als läge ein großer bunter Teppich vor ihm ausgebreitet, der unsere eigenen Gedanken befreit in unendliche Weiten tragen könnte. Man möge das tönende Pathos verzeihen, aber es ist ja auch kein Pappenstil, die expressionistische Architektur des bauenden Malerbildhauers Bernhard Hoetger mit dem stillen, formreduzierten Werk des Sakral- und Tierplastikers Ewald Mataré und nicht zuletzt mit dem Fett- und Filzkünstler Joseph Beuys in ein einheitliches Bild einzuspannen.

Dass die Verantwortlichen des Paula Modersohn-Becker-Museums und des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen genau das geschafft haben, liegt freilich am dahinter liegenden, gar nicht so diffizilen Knüpfmuster, aber wohl auch an der außerordentlichen Sensibilität und Leichtigkeit, mit der die schwierigen Zeitläufte und vielschichtigen Ebenen miteinander verwoben worden sind. Auf einen weiteren Blick wird das Namensensemble nämlich durchschaubarer, sozusagen in zwei Komplexe aufgelöst: Das Haus Atlantis in Bremen, um das es primär in der Ausstellung geht, ist Bestandteil des Gesamtkunstwerks Böttcherstraße, zu dem auch das Modersohn-Museum von Bernhard Hoetger gehört. Es verbindet sich mit seinem Namen gleichermaßen wie mit dem Matarés – Spätwerk des einen, eines der letzten Werke für den anderen. Hoetger, der grandiose Worpsweder Künstler, dessen Verdienste um die expressionistische Ziegelarchitektur nicht gering eingeschätzt werden darf, war der bekannteste unter den Gestaltern der Böttcherstraße (– neben Karl von Weihe und dem Büro Runge & Scotland).

Fortsetzung von Seite 1

Allerdings war Hoetgers Ruhm schon am Verblassen, als er 1931 die Stahl-Glas-Skelettkonstruktion des Atlantishauses vollendete. 1944 fiel die Straße den Bomben zum Opfer, und der Wiederaufbau (Günther Hafemann, Hans Köther und Max Säume) 1945–54 ließ die Atlantis-Fassade schamvoll unberücksichtigt: Man wollte mit dem nordisch-völkischen Thema nichts mehr zu tun haben, dem der späte Hoetger anhing. Ein schwieriges Kapitel in der deutschen Kulturgeschichte, denkt man zudem an Nolde, der sich mit seinen grandiosen und als nordisch gekennzeichneten Landschaftsgemälden bei den Nazis anbiederte und trotzdem wie Hoetger schließlich geächtet wurde. Im Ausstellungskatalog gehen die Autoren erfreulich unverkrampft mit dem Thema um.

Diese gesuchte Gedächtnislücke füllte sich erst in den 60er Jahren, als Ewald Mataré den Auftrag erhielt, dem Haus Atlantis ein neues Gesicht zu geben, das einerseits Schluss machte mit der germanischen Gruselästhetik (die selbst Hitler nicht mochte, der den Hoetger-Bau als »abschreckendes Beispiel« abtat, und stattdessen von griechischen Tempeln schwärmte), und andrerseits der 22 Meter hohen Fassade eine ganz eigene Schönheit verlieh. Ein Ziel der Schau ist es zu zeigen, wie sehr Mataré mit dem Gegenstand gerungen hat. Begegnet sind sich beide Künstler wohl 1919 während einer Ausstellung der Novembergruppe. Als er das Werk 1965 fertigstellte, gab es also schon einige Jahrzehnte der Auseinandersetzung, gehörte Mataré doch einer jüngeren Generation der Expressionisten-Nachfolger an; noch im selben Jahr der Vollendung der Fassade starb er.

Und Beuys? Hier muss man wissen, dass er bei Mataré studiert hatte. In seinen frühen Arbeiten ist diese Verbindung nicht zu übersehen, spannender ist jedoch, dass Beuys viele der Elemente im Schaffen seines Lehrers übernahm und seiner Idee des erweiterten Kunstbegriffs einverleibte. In wichtigen, in manchen Teilen erstrangigen, da noch kaum bekannten Exponaten wird diesem kreativen Quantensprung Rechnung getragen.

Fortsetzung von Seite 2

Es wird einmal mehr deutlich, dass Joseph Beuys zu den ganz großen Erneuerern der religiösen Kunst gehört, man denke etwa an die Kreuzsymbolik in seinem gesamten Werk. Zu den schönsten Stücken der Ausstellung gehören hierzu die Kruzifixus von Mataré (etwa »Kruzifixus«, »Gekreuzigter als Christkönig«) und Beuys’ »Kruzifix« von 1949, seine herrliche Zeichnung »Gotischer Kruzifixus« und Dokumente von seinen späteren einschlägigen Fluxus-Aktionen. Bekanntlich hat Mataré mit seinem Schüler zusammen Türen für den Kölner Dom gegossen, aus denen allerdings nur rückblickend schon die spätere Privatikonografie des Künstlers zu erkennen ist. Nebenbei bemerkt hat Beuys sicher von seinem Lehrer eines gelernt – überhaupt erst ein guter Lehrer zu sein, der anregt, den eigenen Kopf zu benützen und die eigene Phantasie zu bemühen.

Die Bremer Schau präsentiert nicht weniger als eine (Kunst-)Geschichte von der rückwärtsgewandten Atlantis-Utopie bis hin zum revolutionären Aufbruch im Aktionismus, blickt also auf einem hochinteressanten Seitenpfad der auf das Kosmische fixierten Moderne auf runde 50 Jahre zurück. Er sei, so Mataré, gar nicht begeistert gewesen, als er mit der Aufgabe betraut wurde, das Haus Atlantis zu erneuern. Als es sich herausstellte, dass er es auch entdämonisieren konnte, freundete er sich mit dem Auftrag an. Gut möglich, dass der Mythos in der nun lichterfüllten Wiederbelebung auf Beuys kam: Immerhin gibt es ein Blatt von seiner Hand aus dem Jahr 1955, das er »Atlantis (etwas später)« nannte. – Man hat verwundert in manchem Feuilleton vermerkt, dass der 20. Todestag von Joseph Beuys kaum gewürdigt worden wäre. Das ist so natürlich nicht richtig. Abgesehen etwa von Ausstellungen in Bonn, Düsseldorf und München wirft die Bremer Schau ein wunderbares Bild auf den Ausnahmekünstler, dessen Bedeutung gerade an Hoetger und Mataré vorbei in einer neuen Qualität aufleuchtet.

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Dienstag – Sonntag 11–18 Uhr (Paula Modersohn-Becker Museum)
Dienstag – Sonntag 10–18 Uhr (Gerhard-Marcks-Haus)

Eintrittspreise
5,00 EURO / erm. 3,00 EURO
Kinder bis 7 Jahre frei