Ausstellungsbesprechungen

Expressionismus im Rhein-Main-Gebiet. Künstler-Händler-Sammler, Museum Giersch, Frankfurt am Main, bis 31. Juli 2011

Die Ausstellung präsentiert erstmalig einen umfassenden Überblick zum Expressionismus im Rhein-Main-Gebiet, einschließlich einiger weitgehend unerforschter Expressionisten der regionalen Kunstlandschaft wie Emil Betzler oder Reinhold Ewald. Anett Göthe hat sich für PKG umgesehen.

Die kulturrevolutionäre Bewegung des Expressionismus erfasste zwischen 1910 und 1920 alle Künste und blieb für das ganze 20. Jahrhundert von herausragender Bedeutung. Worum es im Expressionismus geht, brachte Paul Klee auf den Punkt: »Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar«, schrieb er 1920 in seinem Aufsatz zur »Schöpferischen Konfession«. Im selben Jahr malte der junge Klee, dessen Wirkungsstätte München war, wo er sich im Umfeld der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ bewegte, das Bild »Wohin?«. Die existentielle Frage dieses Werkes steht für das Lebensgefühl einer nach neuen Werten und Zielen suchenden jungen Generation. Es ist die Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg, und die Kunst ist für viele zu einem Mittel geworden, Erlebtes zu verarbeiten und Missstände in der Gesellschaft anzuprangern, aber auch um Hoffnungen und Zukunftsvisionen zu formulieren.

»Wohin?« gelangte 1926 aus der Frankfurter Sammlung Kowarzik in die Städtische Galerie Frankfurt. Klees Werke waren im Rhein-Main-Gebiet schon bekannt, wo sie bereits im Jahre 1917 bei der renommierten Galerie Schames im Rahmen einer Ausstellung der „Münchner Secession“ zu sehen waren. Zahlreiche weitere seiner Werke fanden Ihren Weg in die Region. So erwarb das Frankfurter Sammlerpaar Ludwig und Rosy Fischer 1922 erstmals eines seiner Werke, und der Wiesbadener Sammler Heinrich Kirchhoff kaufte bis 1931 mehr als zwanzig Arbeiten Klees. Keineswegs war Paul Klee ein Maler der Region Rhein-Main, aber seine Präsenz in den lokalen Sammlungen zeigt die Offenheit für die neue Kunst, und war wohl auch Impulsgeber für in Frankfurt und Umgebung wirkende Künstler. Und darum geht es auch in der aktuellen Ausstellung »Expressionismus im Rhein-Main-Gebiet« im Museum Giersch in Frankfurt: Nicht nur die expressionistischen Werke weniger bekannter lokaler Künstler zu zeigen, sondern auch die Verbindungen der Expressionisten der „ersten Reihe“ wie Beckmann, Kirchner aber auch Klee in der Region zu beleuchten. So wird ebenfalls den Sammlern und Galeristen, die zur Etablierung und Verbreitung des Expressionismus einen wichtigen Beitrag leisteten, breiter Raum eingeräumt.

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Die Ausstellung ist Teil des regionalen Kooperationsprojektes »Phänomen Expressionismus« und bringt 140 Werke von 60 Künstlern des Expressionismus nicht nur, aber vor allem, des Rhein-Main-Gebiets zusammen. Wohl gelten Dresden, München und Berlin als die Zentren des Expressionismus in Deutschland, doch dass auch in Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt wichtige Impulse für den Expressionismus gegeben wurden, zeigen nicht nur die Arbeiten der Zugpferde dieser Kunstrichtung: Beckmann, Jawlensky und Kirchner. Andere Künstler der Ausstellung, wie z.B. der in Frankfurt arbeitende Schweizer Alexander Soldenhoff, der ebenfalls in Frankfurt wirkende Emil Betzler oder Reinhold Ewald aus Hanau dürften einem breiten Publikum bis dato unbekannt sein und gelten in der Ausstellung entdeckt zu werden.

Ebenfalls Erwähnung finden die von expressionistisch arbeitenden Künstlern ausgehenden Impulse, die in programmatischen Aktionen, Ausstellungen und Vereinigungen mündeten. So gründeten Kasimir Edschmid und Carl Gunschmann in Darmstadt im Jahre 1919 die „Darmstädter Sezession“, um in der Kunst die »längst erforderliche Reinigung von bourgoiser Verschmutzung« zu vollziehen, der sich als weitere Gründungsmitglieder u.a. August Babberger , Max Beckmann, Ewald Dülberg und Josef Eberz anschlossen. Im Folgejahr gründeten in Frankfurt die Maler Hanns Ludwig Katz, Emil Betzler und Gottfried Diehl die Künstlergruppe „Ghat“, die auf genossenschaftlicher Basis einen neuen Ansatz im Kunstbetrieb versuchte. In der Ausstellung werden diese Aspekte in kleinen Kabinetten unter thematischen Schwerpunkten präsentiert. Die hier gezeigte Fülle an Material und künstlerischen Arbeiten erstreckt sich über drei Etagen des Museums und fordert dem Besucher eine gute Kondition ab. Der Ausstellungsrundgang endet mit einem Raum, der sich mit der Diffamierung der expressionistischen Kunst durch die Nationalsozialisten, Beschlagnahmungen und folgendem Berufsverbot zahlreicher Expressionisten beschäftigt. Dem Kuratorenteam sollte es mit dieser Ausstellung dank intensiver Recherche und Aufarbeitung gelungen sein, das Rhein-Main-Gebiet nachhaltig in der Landschaft des deutschen Expressionismus zu etablieren.