Ausstellungsbesprechungen

Foto-Reflexionen 05, Museen im Kulturzentrum Rendsburg, Rendsburg, bis 29. November 2015

Was die Schleswig-Holsteiner Fotografieszene so zu bieten hat, das kann man aller drei Jahre bestaunen. Von modern-abstrakten Werken bis hin zur Landschafts- und Porträtfotografie reicht das breite Spektrum und zeigt so, dass das nördlichste deutsche Bundesland einiges an Fotokunst zu bieten hat! Freya Leonore Niebuhr hat es sich angesehen.

Aktuell zeigen die Museen im Kulturzentrum Rendsburg in ihren großzügig geschnittenen Räumen die fünfte und alle drei Jahre stattfindende Schleswig-Holsteiner Landesausstellung für Fotografie. Hiermit schaffen sie ein Forum für Arbeiten von Fotografen aus Deutschlands nördlichstem Bundesland. Überwiegend professionell fotografierende Künstler erhalten im Rahmen von »Foto-Reflexionen« die Chance ihre Arbeiten zu zeigen. Insgesamt 180 Fotografien warten in den zweistöckigen Ausstellungsräumen darauf entdeckt zu werden.

Jede Arbeit besteht aus einer Serie von sechs bis zehn Bildern. Ihr ist jeweils ein Kurztext des Künstlers zugeordnet, der es dem Betrachter erleichtert, Zugang zum Werk zu finden. Die 27 teilnehmenden Fotografen informieren also selbst über die Entstehung, das Konzept der Arbeit oder über die Technik.

»Foto-Reflexionen« fällt durch das breite Spektrum auf. Es finden sich sowohl analoge als auch digitale Arbeiten unter den ausgestellten Werken und auch hinsichtlich ihrer thematischen Ausrichtung sind sie vielfältig. In den Ausstellungsräumen sind sie scheinbar willkürlich nebeneinander angeordnet, nicht etwa nach Genre gruppiert: So hängen Landschaftsbilder neben Reportagen, Stillleben in direkter Nachbarschaft zu Porträts. Es gibt Fotogramme zu sehen, eine Installation auf einem Bildschirm, klassische Fotografien – kurzum, der Horizont der schleswig-holsteinischen Fotografielandschaft ist weit. Auch jenseits des regionalen Bezugs wird deutlich, dass dem Medium Foto eine große Vielfalt immanent ist: Die Fotografie kann dokumentieren, sie kann zum Denken anregen, sie kann schulisch-akademisch, experimentell und noch mehr sein.

Mit der Kamera selbst z.B. hat Joachim Andrae experimentiert. Für seine Serie »Farbraum Schach Q 1 – 6« baute er eine analoge Schlitzblendenkamera, die ähnlich einer Camera Obscura funktioniert. Dabei entstanden beige-schwarze Sofortbilder mit Wischeffekt. Ganz ohne PC gelang es Andrae, einen Bewegungseffekt zu erzielen, den Designer heute häufig mit digitalen Programmen erzeugen.

Digital fotografiert hat dagegen der Luftbildfotograf Reimer Wulf. Seine Arbeiten aus der Serie »To size the moment« zeigen Alltägliches aus durchaus überraschender Perspektive: nämlich von oben. Themen wie Struktur, Ordnung und Flächenbelegung spielen bei der Motivwahl eine Rolle. Wie sieht ein komplett belegter Strand von oben aus? Wie geordnet wirken parkende Autos auf einem großflächigen Parkplatz? Falls Sie sich solche Fragen schon einmal gestellt haben, lohnt sich ein Ausstellungsbesuch in Rendsburg auf jeden Fall.

Freunde der Landschaftsfotografie werden bei Johannes Nadeno fündig. Seine Arbeiten haben einen starken regionalen Bezug, porträtieren sie doch die in der Nordsee gelegene Hallig Langeneß. Die Serie »Hallig« verbildlicht die Ambivalenz des Insellebens: zwar kann das Leben auf der Marschinsel reizvoll sein, aber die geographische Lage in der See birgt Risiken. Mit diesem Wissen im Hinterkopf dokumentierte Nadeno den Alltag auf Langeneß während der vier Jahreszeiten. Die ausgestellten Arbeiten entstanden im Winter. Es wird greifbar, dass das Leben auf Langeneß geprägt ist von Gezeiten und Klima, von Abschottung und Stille. Der Betrachter kann für sich entscheiden, ob ihn diese Abhängigkeit abschreckt oder fasziniert.

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Eine autobiografische Komponente dagegen besitzt die schwarz-weiße Serie »Fragmente« von Franziska Ostermann. Die Tatsache, dass man Ahnen nur bruchstückhaft durch Erzählungen oder von Bildern kennt, übersetzt sie in Kunstwerke. Diese Bruchstückhaftigkeit birgt das Risiko, dass ein Mensch von Nachkommen unvollständig und verzerrt wahrgenommen wird. Im Bewusstsein dafür liegt der Grundstein für Ostermanns Arbeit: Ungeachtet konventioneller Größenordnungen, collagiert sie u.a. übergroße Köpfe aus analogen Fotos ihrer Vorfahren in andere Fotos oder macht sich selbst zur Protagonistin und retuschiert sich in alte Familienfotos hinein. Die digitale Bildbearbeitung ermöglicht die visuelle Koexistenz der Generationen. Ostermann gelingt es, die Grenzen von Raum und Zeit aufzulösen um sie auf neue Art und Weise biografiebezogen zusammenzuführen.

Unter all den Ausstellenden wählte eine Jury obendrein die qualitativ und inhaltlich herausragende Arbeit aus. Gewinnerin des Jurypreises 2015 ist Peggy Stahnke. Die gelernte Fotografin absolviert derzeit ein Masterstudium in Fotografie an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Die Arbeit, für die die 26-Jährige den Preis erhalten hat, heißt »Über Körper«. Hierfür hat sie sich an ein nicht einfaches Thema herangewagt: Monatelang hat sie Kinder mit Behinderung im Alltag begleitet. Schließlich hat sich die Künstlerin den Kindern mit der Kamera genähert. Und begegnet ist sie ihnen dabei mit einem äußerst behutsamen und würdevollen, nicht etwa voyeuristischen Blick. So entstand eine Serie von Fotografien, die die Kinder beim Baden zeigt.

Die mit einer analogen Mittelformatkamera gemachten Bilder strahlen eine vertraute Atmosphäre aus. Sie sind aufgenommen an einem Ort der Ruhe und der Entspannung. Sie verstecken nichts, zeigen die Kinder so, wie sie von Natur aus sind. Stahnkes Bilder erzählen, sind Momentaufnahmen aus dem ganz normalen Alltag.

Die Fotos sind reduziert in ihrer Bildsprache. Im Fokus stehen die Kinder. Das sie umgebende Wasser und der Badewannenwand verweisen auf den Raum Bad, der gewöhnlich mit Kälte und Sterilität assoziiert wird. Doch die Bilder sind weder kühl oder steril, setzen sie doch den Menschen und seine Ausstrahlung in den Mittelpunkt des Geschehens. Der von Einfühlungsvermögen geprägte Dialog zwischen Fotografin und Porträtierten wird beim Betrachten spürbar. Die emotionale Nähe zwischen Künstlerin und Kindern ist greifbar. Der Betrachter soll Zugang zu den Fotos und den Porträtierten finden, in sich hineinhorchen und eine Haltung zum Thema entwickeln. Die Serie zeugt von Sensibilität, Ausdrucksstärke und professionellem Fotografenhandwerk. Im weitesten Sinne geht es Stahnke dabei darum, Klischees über Körperbehinderte zu entwerten und die Kinder als gleichwertigen Bestandteil der Gesellschaft anzuerkennen.

Die Ausstellung bietet mit diesen und den 22 anderen Künstlern einen guten Überblick über aktuelle fotografische Positionen in Schleswig-Holstein. Profis als auch Einsteiger bekommen hier die Gelegenheit, sich künstlerisch zu etablieren. Das besondere an den Fotoreflexionen ist zudem, dass die Besucher selbst aktiv werden und ihren Favoriten unter den Ausstellenden wählen können. Ende November wird dann der durch die Stimmzettel ermittelte Gewinner des Publikumspreises gekürt.