Ausstellungsbesprechungen

Fotokunst. Arbeiten von Kurt Winkler und Walter Adolf Schmidt

Bis zum 6. Dezember 2008 präsentiert die Galerie Künstlerkreis Neunkirchen in der Parallelausstellung „Fotokunst“ die Arbeiten des 1947 geborenen und vor zwei Jahren verstorbenen Künstlerkreisvorsitzenden Kurt Winkler und des 1920 geborenen, einstigen Steinert-Schülers Walter Adolf Schmidt. Dabei begegnen sich zwei Fotografengenerationen, deren Annäherung an das zu fotografierende Objekt nicht unterschiedlicher sein könnte.

Während Schmidt in klarer Formensprache mit der Wirklichkeit in seinen Arbeiten spielt, sie bisweilen „entwirklicht“ oder im fotografierten Gegenstand einschmilzt, spürt Winkler der Realität in weich „gezeichneten“ Fotografien nach: Er vermittelt ein Gefühl für die Haptik der Oberflächenstruktur der Objekte und lässt so den Betrachter das Raue einer Mauer oder die glatte Fläche des Eises erahnen.

Gelegentlich sprach Kurt Winkler in Bezug auf seine Arbeiten von „informeller Fotografie“ und spielte damit auf die in den späten 1940er und in den 1950er Jahren dominierende abstrakte Kunstform des „Informel“ beziehungsweise „Tachismus“ an. Es ist diese „lyrische“ Auffassung von Kunst und das Einfühlen in das vor der Linse stehende Objekt, was auch beim aufmerksamen Betrachter ein gewisses Maß an Sensibilität und Einfühlungsvermögen voraussetzt. Wenn Winkler mit Realitätspartikeln arbeitet, wie etwa den bunten Graffitis auf Mauern, dann sind sie durch den gewählten Ausschnitt der Banalität des Alltags entrissen. Und so nimmt es nicht wunder, wenn unsere Sinne getäuscht werden und wir glauben, vor einer Kollage zu stehen, deren Farbklänge und Formspiele komponiert sind.

In der Arbeit „Kopf“ sehen wir zum Beispiel die Oberfläche eines zugefrorenen Gewässers, in die sich eine bizarre Spur eingeschrieben hat. Diese Form beschreibt in der Tat einen Kopf, aber wenn wir das Werk einige Augenblicke auf uns wirken lassen, dann könnte es uns genauso gut den Blick in die Weite des Universums öffnen, wo viele Millionen Sterne funkeln und leuchten. Es ist gerade diese Vieldeutigkeit und sicher auch Vielschichtigkeit der Werke Winklers, die den Betrachter gefangen nehmen und faszinieren. Eine seiner Hauptleistung besteht deshalb im Legen von Spuren und der anschließenden Übersetzung von Wirklichkeit in Kunst.

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Walter Adolf Schmidt setzt dagegen auf eine andere Art der Bildkomposition: Es ist das bewusste Einbinden des Zufalls in die Fotografie, beispielsweise bei der Arbeit „Im Hof des Palais Royal“. Hier blicken wir auf glänzende Boulekugeln, die als Konvexspiegel sowohl die prachtvolle, helle Architektur des Palais Royal als auch den im Zentrum stehenden Fotografen wiedergeben. So wird auf rund einem Dutzend der Kugeln die Wirklichkeit en miniature und verzerrt eingefangen. „In der Fotografie schleicht sich ständig eine Wirklichkeit ins Bild, die die inszenierenden Absichten des Fotografen auch in der subjektiven fotografie zu durchkreuzen scheinen“, so Roland Augustin im Ausstellungskatalog „Fotosynthesen. Fotografien von Walter Adolf Schmidt und Bodo Korsig“. Wenn der Fotograf diese Eigenarten des Mediums jedoch „bewusst in seine Konzepte mit einbezieht“, so der Autor weiter, dann sei hohe Kunst gegeben. Und in diese hohe Kunst schließt er auch Schmidt ein, der seine Umgebung mit analysierendem Auge festhält.

Einen interessanten Vergleichspunkt zwischen den Arbeiten der beiden Fotografen gibt uns das Graffiti, das heute besonders in der jungen Kunstszene eine große Eigendynamik und künstlerische Aufwertung erfahren hat. Während Winkler es verzaubert, ja regelrecht „poetisiert“, bindet Schmidt es in einen sozialen Kontext ein. Bei der Fotografie „In der Banlieu“ – gemeint sind die Vorstädte von Paris – sehen wir eine Hauswand, die mit hohen Fenstern und schmiedeeisernen Balkongeländern an bessere, aber vergangenen Zeiten erinnert. Auch die ins Bildzentrum ragende Laterne ist Zeuge jener glanzvollen Vergangenheit. Doch Schmidt ist hier weniger am architektonischen Zerfall als vielmehr am Eindringen von Gegenwart in Form des Graffiti gelegen. Buchstaben in Weiß und Schwarz, gerahmt von leuchtendem Rot und Blau evozieren Spannung im Zeitgefüge und Balance in der Bildstruktur, denn sie fügen sich gleichmäßig und seltsam harmonisch in die Architektur ein.

Insgesamt überzeugt die Ausstellung „Fotokunst“ durch eine hervorragende Werkwahl und eine hohe Qualität der einzelnen Arbeiten von Kurt Winkler und Walter Adolf Schmidt. Bei der Hängung allerdings wäre bisweilen eine direkte Gegenüberstellung der Fotografien, besonders bei thematischen Reibungspunkten wie dem Graffiti, wünschenswert gewesen. Der Kunstdialog wird dadurch in seiner Intensität aber nur bedingt gemindert und so sollte ein Besuch in der Galerie Künstlerkreis Neunkirchen auf jeden Fall eingeplant werden!

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Öffnungszeiten
Sa 11-15 Uhr