Buchrezensionen

Gabriele Woithe: Das Kunstwerk als Lebensgeschichte. Zur autobiographischen Dimension Bildender Kunst, Logos Verlag Berlin, Berlin 2008.

Ausgehend von Erkenntnissen der Autobiographieforschung innerhalb der Literaturwissenschaft versucht die Autorin Gabriele Woithe, die mit dieser Publikation ihre 2007 abgeschlossene Dissertation vorlegt, das Autobiographische in bildenden Kunstwerken zu entschlüsseln und erweitert die Methoden ihrer Analyse um kunsthistorische Ansätze. Dabei nähert sie sich zum einen der «autobiographischen Dimension» in der Kunst über den Begriff der Autobiographie, die sie als Ausdruck von erinnerten und subjektiven Lebensgeschichten kennzeichnet.

Kunstwerke als Träger von Lebensgeschichten sollen dem Leser dieses Bandes nahegebracht werden, wobei Woithe auf die sehr unterschiedlichen Künstler Marcel Duchamp, Eva Hesse, Hanne Darboven und den Comic-Zeichner Flix zurückgreift.

Woithe stellt zunächst heraus, dass es die Bezeichnung «autobiographische Kunst» noch nicht gibt und diese Kennung ein Spezialfall innerhalb des biographischen Rezeptionsmodells der Kunstgeschichte ist (18). Die neue Dimension will dabei – im Gegensatz zum biographischen Modell, das die Geschichte der Motive eines Künstlers erforsche – einzelne, «nebensächliche» und intime Details untersuchen, mit denen der Künstler das Unerwartete in seinem Leben in der subjektiven Kunst zu spiegeln, verarbeiten und sich anzueignen versuche. Der Abgrenzung zum Selbstporträt, von dem man meinen könne, es sei ein Kunstwerk mit «autobiographischer Dimension» schlechthin –  setzt Woithe dabei unter anderem das Beispiel des jungen Rembrandt entgegen, dessen frühe Selbstporträts nicht der Selbsterforschung, sondern nur mimischen Studien dienten (22f).

Laut biographischer Notiz auf den ersten Buchseiten studierte die Autorin Kunst, Kultur- und Erziehungswissenschaften an der Universität der Künste Berlin und war dort nach dem Studium im Bereich Erziehungswissenschaft sowie im Studiengang Kulturjournalismus als Lehrbeauftragte tätig. Zurzeit arbeitet sie an einer Schule in Berlin. Obwohl die Publikation, auch durch ihr Erscheinen im Logos Verlag Berlin, als « wissenschaftlich » gekennzeichnet ist, lässt sie jedoch die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses überaus spannenden und verheißungsvollen Themas vermissen. Eine helfende, grundlegende Definition der wichtigsten Arbeitsbegriffe, wie zum Beispiel «Lebensgeschichte», aber auch «Selbsterforschung und -thematisierung», sind leider über die insgesamt 241 Seiten verstreut. Dabei lässt sich erst am Ende sehen, was unter « Lebensgeschichten » und « autobiographischer Dimension » zu verstehen ist: Sie zeigen sich in Autobiographien (12), haben einen deutlichen Bezug zum Leben des Künstlers (25), sind bedeutsame Fragmente des Lebens (26), Lerngeschichten (36), sie zielen auf Erstellung, Wiederherstellung und Erhaltung von Identität (41) und sind eine subjektive Auswertung von Unerwartetem im Sinne einer Arbeit an der eigenen Identität durch Erinnerung (236).
Die sonst sehr angenehme und flüssige Sprache leidet durch die Anwendung von unscharfen Begriffen, so zum Beispiel die unglückliche Etikettierung von «autobiographische Kunst» als Label (18), obwohl damit doch eigentlich etwas  Seriöseres und Kunstmarktunabhängiges bezeichnet werden soll. An einer Stelle wird pauschal von «Museumspädagogen – also Kunstwissenschaftlern» gesprochen (23), obwohl viele Museumspädagogen im Fachbereich Museumspädagogik und nicht Kunstgeschichte studiert haben. Die Neigung zur Anpassung von differenziert zu betrachtenden Sachverhalten an die Linie der Argumentation ist augenfällig und streift nicht nur die sichtbare Abneigung gegenüber den kunstwissenschaftlichen Methoden, wenn erwähnt wird, dass die Sichtweisen der autobiographischen Dimension «quer zum kunsthistorischen Diskurs stehen» (237 und 238). Die Diskrepanzen zwischen großer Konkretheit, exakter Beschreibung der künstlerischen Beispiele und einer vagen, allgemeinen Auswertung und Anwendung auf den Gegenstand nimmt der Publikation einen Teil ihrer Überzeugungswürdigkeit. Die widersprüchlichen Aussagen tragen ihren Teil bei: An einer Stelle heißt es, die Autorin gehe bei der Analyse der autobiographischen Dimension von Kunst davon aus, dass Kunst eine Sprache sei, die für sich selbst sprechen könne – im Gegensatz zur Annahme innerhalb der ikonographisch-ikonologischen Methode der Kunstgeschichte, wo durch zusätzliche Informationen das Kunstwerk erläutert wird (68). Weiter unten wird an einem Beispiel erläutert, dass die Werkbetrachtung allein zur Analyse der autobiographischen Dimension nicht ausreiche : «Es bedarf mindestens einer ergänzenden biographischen Aussage, um eine Spur als etwas Autobiographisches zu analysieren» (238) – womit wir wieder bei der stufenweisen Materialsammlung der Interpretation der Ikonographie-Ikonologie angelangt sind.
Dabei hantiert die Autorin mit vielen Gemeinplätzen und subjektiven Überzeugungen, die im Vagen bleiben: «Kunstwerke mit einer autobiographischen Dimension erzählen von sehr privaten, mitunter intimen Themen des Künstlers. Das steht nicht unbedingt im Einklang mit den Erwartungen des Kunstmarkts. Dort wird gemeinhin geschätzt, wenn sich Künstler als souverän und entschieden präsentieren. Ihre Viten sollen imposante Erfolgsgeschichten sein – oder wenigstens so scheinen. Der Blick auf die autobiographische Dimension offenbart indessen eine menschliche Seite, die häufig gleichermaßen unbestimmt wie uneindeutig ist [...] » (235f).

Wenn die Autorin feststellt, dass eine systematische Untersuchung zur autobiographischen Dimension Bildender Kunst bis heute fehlt, so kann sie dies leider ebenfalls nicht leisten. Man hätte sich bei aller Interdisziplinarität und in der «kurzweiligen, feuilletonistischen Beobachtungsfreude« des Kulturjounalismus, die der Autorin auf ihrer Internetseite zum Buch bescheinigt wird, bei einer Dissertation dennoch eine klarere, stringente Systematik, eine deutliche Begriffsdefinition und einige handfeste Ergebnisse gewünscht.