Kataloge

Georges Braque. Hrsg. von Ingried Brugger (u.a.). Ostfildern: 2008. Katalog zur Austellung in der Bank Austria Kunstforum Wien, bis 1.3.2009

Große Künstler sehnen sich nach Jubeljahren und dem besonderen Ereignis. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass das Ausstellungskarussell wilde Kapriolen dreht, ein Katalog den anderen jagt, dass man schier den Überblick verliert. Und je bedeutender die kreativen Köpfe sind, desto eher erwartet man einen runden Geburts- oder Todestag, oder es steht ein brandaktuelles, spannendes, auch mal besonders exotisches Thema im Hintergrund oder eine mit dem Künstler verbundene Epoche auf dem Prüfstand usw. Im Kunstforum Wien, das sich in regelmäßigen Abständen den Größen der Zunft widmet, ist Georges Braque zu sehen, geboren 1882, gestorben 1963, nur Braque – und man horcht auf: Es gibt nichts zu feiern, der Name allein ist Programm.

 »Georges Braque« – sonst kein Zusatz, nicht einmal der Kubismus feiert gerade eine auffallende Renaissance. Zweifel kommen auf, Braque: der Schatten Picassos, weniger ungebunden-frei wie Juan Gris. Wartet die Welt auf eine Ausstellung seines Werks? Einen Medienrummel gab es jedenfalls nicht – Grund genug, das Karussell kurz anzuhalten und festzuhalten. Georges Braque ist ein grandioser Maler, der einen Anlass gar nicht nötig hat außer dem, dass es höchste Zeit ist, ihn retrospektiv zu zeigen. Im Verlag Hatje Cantz ist eine Monografie dazu erschienen, die zum einen die faszinierende Bandbreite des Künstlers zeigt und zum anderen vor Augen führt, dass die Verlage lange Jahre geschlafen haben: Es ist kein vergleichbares Buch zu Braque lieferbar, nicht einmal in der wohlfeilen Taschenreihe kleiner Monografien ist er zu greifen. Zwanzig Jahre lang war er vergessen worden, in Österreich ist es überhaupt die erste größere Schau seines Werks.

So wäre es schon hervorzuheben, wenn der bekannte Braque wieder zugänglich gemacht worden wäre: der analytische, synthetische und Postkubist, der Werke schuf, die oft nicht von denen Picassos auseinanderzuhalten sind. Nahezu unbekannt ist das fauvistische Frühwerk, fulminant die Wiederentdeckung der Serien – der metaphorischen Billardtische und Atelierbilder sowie die bedeutungsschweren Vogelflugmotive. Und nicht zuletzt gewinnt der Museumsbesucher wie der Leser einen Einblick in die sparsamen, teils melancholischen, teils aufbäumend-trotzigen Naturbilder. Über 80 Gemälde ließen das Werk in der Wiener Ausstellung, die leider keine weitere Station hat, in ganz neuem Licht erscheinen, das deutliche Spots auf einen Maler wirft, der sich keineswegs im Schatten Picassos verstecken muss, mit dem er gemeinsam den Kubismus erfand, und mit dem er über sieben Jahre hinweg im Gedankenaustausch arbeitete. Picasso, der Braque liebevoll und ironisch »Ma femme« nannte, und Braque waren auf »der Suche nach einer anonymen Persönlichkeit …, um Originalität zu finden« (Braque). Die Papiers collés, welche Braque salonfähig machte, wie auch die Dekorationsmalerei, die er in großem Stil für sich nutzbar machte und nicht zuletzt die Poesie der Konstruktion sind nur ein paar Facetten, die das Werk so spannend werden lassen. »Es war Georges Braque, der dem Kubismus seine formale Schlagkraft verliehen hat«, schreibt Ingried Brugger, Direktorin des Bank Austria Forums Wien, im Katalog, »und es war Braque, der die Vereinfachung der Dingwelt im Bild einleitete«. Um es in den Worten Braques zu sagen: »Ziel ist nicht, eine anekdotische Tatsache nachzubilden, sondern ein bildnerisches Faktum zu schaffen.«

Der Katalog vereint den weiten Sprung über das künstlerische Schaffen, eine lebhafte Vermittlung der Biographie und zahlreiche Essays, die insbesondere den weniger bekannten Maler würdigen. Christopher Green verortet das protokubistische Werk in der identitätsbildenden Utopie der Grande Nation. Juliane Vogel spürt den Collagen mit Zeitungspapier nach. Heike Eipeldauer entdeckt die sinnlich-haptische Seite des Künstlers. Caroline Messensee beschreibt den französischen Maler im Gefolge von Cézanne, Chardin und Poussin. Edith Futscher entwirft ein Bild von »Braque baroque« am Rande des kubistischen Formalismus. Neil Cox reiht den Kubisten in die Tradition der – ästhetisch gesprochen – Schwarzmaler ein. Nicolas Surlapierre beleuchtet die auffallend vielen Literaten im Bekanntenkreis von Georges Braque.

Wer immer leichtfertig über diesen Maler hinweg ging, wird nach der Lektüre des neuen Standardwerks bzw. einem Abstecher nach Wien ein Werk kennengelernt haben, das es wert ist, spätestens 2013 wieder gezeigt zu werden: zum 50. Todestag, und wo sonst als in Paris.