Rezensionen

Gottfried Boehm/Rüdiger Schöttle: 3 Gespräche, Verlag der Buchhandlung König 2011

Der Kunsthistoriker und Philosoph Gottfried Boehm und der Galerist Rüdiger Schöttle führten drei intensive Gespräche über das Bild und seine Bedeutung im digitalen Zeitalter. Susanne Gierczynski hat den stellenweise nicht unbedingt einfachen Text gelesen.

Wenn sich zwei Bekannte über ihre Ansichten unterhalten, was Kunst denn sei und ausmache, ohne dass ihre Missverständnisse untereinander und ihr Vorbeireden aneinander nivelliert würden und dies in Buchform gegossen im Verlag der Buchhandlung Walter König erscheint, dann muss es sich um zwei »Berufene« ihres Faches handeln: Zwischen Juni 2007 und Juni 2008, führten der Kunsthistoriker Gottfried Boehm und der Galerist Rüdiger Schöttle drei Gespräche in der schweizerischen Hauptstadt. Der Anlass ihres Zusammentreffens und Austauschs bleibt jedoch offen.

Am 13. Juni 2007 erörtert man die Bezüglichkeit von Kunst und »Erfahrung«. Sieht Schöttle im Kunstwerk einen »komprimierten, Gegenstand gewordenen Moment«, der ihn an eine »gefrorene Form« erinnert, geht Boehm darüber hinaus, auf die »Reaktivierung der gefrorenen Form« ein, das »in - Gang - bringen des Zeitflusses« sei es, was das Kostbare am Prozess ist. Die besondere Leistung und Teilhabe des Betrachters an diesem Prozess sei mit dem Begriff der »Erfahrung« zu umreißen. In Erweiterung dieses Gedankens schließt Boehm an: Eine verantwortungsvolle Galeriearbeit begnüge sich »nicht mit dem materiellen Umschlag der Kunstgüter«, sondern stelle auch »Weichen für den Erfahrungsprozess« und schaffe Momente,»in denen man sich selbst kennen lernt«.

Auf Schöttles Beobachtung, dass die »Digitalisierung [des Bildmediums] eine Entgrenzung [desselben] in sich berge«, was zu einer Beschleunigung und Verflüssigung der Bilder führe, vermag Boehm - der dem vorangegangenen Thema der Selbstwahrnehmung durch die Bildbetrachtung zunächst noch nachhängt - erneut die positive Kraft des Bildes entgegenstellen: Der Kunst erkennt der Kunsthistoriker die Energie zu, dass sie innerhalb des »Betriebes der digitalen Revolution« »diese Geschwindigkeiten« in der Lage ist »umzusteuern, umzulenken, anzuhalten, vielleicht auch manchmal anders zu beschleunigen«, so dass »das Moment der Zeit, das im Bild als elementar angelegt ist, gestaltend zum Ansatzpunkt« gemacht wird.

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Ein Jahr später nehmen Schöttle und Boehm ihren Gesprächsfaden wieder auf und steigen thematisch mit der Unterscheidung zwischen dem Schwarz-Weiß-Bild und dem Farb-Bild ein. Einig sind sie sich in dem betont »artefaktischen« Charakter des Schwarz-Weiß-Bildes gegenüber dem Farb-Bild. Während Schöttle jedoch auf die größere digital ermöglichte Manipulierbarkeit des Farb-Bildes hinaus will und diesbezüglich eine Gefahr »im Sinne politischer Propaganda« sieht, die er in ihrer gesellschaftlichen Brisanz ganz pragmatisch verortet wissen möchte, hebt Boehm wiederholt auf theoretische Belange der »Übersetzbarkeit« von Bildern im Allgemeinen und nicht auf digitalisierte Bilder im Besonderen ab. Dieses Aneinandervorbeireden zieht sich über etwa zehn Seiten hin und führt endlich zum Topos der »Bilderfeindlichkeit«, in der Schöttle eine Bedrohung des Bildes durch die Unterhaltungsindustrie sieht, in der das Bild einen Bedeutungsverlust erleidet und schließlich verschwindet. Boehms Antwort darauf, so lapidar wie klar: »In dem Maße, wie die Bilder sich geeignet zeigen eine große alltägliche Rolle zu spielen, in dem Maße gehen sie in der Banalität des Alltags auch wieder unter. Müssen sie, tun sie, ist gut so. Das muss man nicht beklagen (...). Es ist nur zu beklagen, dass die Fähigkeit, banale von anderen Bildern zu unterscheiden, nicht hinreichend entwickelt ist (...)«.Neben anderen kulturellen Institutionen kommt dem Galerieraum laut Boehm die große kulturelle Aufgabe zu, »die Unterscheidungsfähigkeit zwischen verschiedenen Typen von Bildlichkeit [zu kultivieren]«. Der Galerist Schöttle sieht diese Forderung aktuell nur wenig eingelöst, zumal »die Galeristen ganz stark von diesem das Vergessen zelebrierenden Unterhaltungscharakter geprägt sind«. Auch an dieser Stelle gehen die beiden Gesprächspartner erneut von unterschiedlichen Prämissen aus: schiebt sich in Schöttle‘s Gedankenwelt wiederholt »der Umraum unserer digitalisierten Welt« der »eigentlich eher ein Unraum« ist, ein, so belehrt Boehm sein Gegenüber darüber, dass der »Raum [...] vielmehr etwas [ist], was von besonders gestalteten Dingen ausgeht, und insofern etwas sehr transitorisches« - »an die Zeit gebunden« ist.

Vier Monate später knüpfen beide Gesprächspartner an eben diesen Gedanken unter Bezug auf einen Text von Martin Heidegger [die Kunst und der Raum, St. Gallen 1969] erneut an. Demzufolge ist die Kunst imstande »einen Ort hervorzubringen, der nicht von außen vorgegeben und definiert wird, sondern der in ihren eigenen Möglichkeiten liegt«. In ihrem Vermögen »immer wieder neue Wahrnehmungsmodelle« zu produzieren wird die »Fantasie wirksam« und »gibt es eine Chance der Erweiterung unserer Erfahrung«, so Gottfried Boehm. In der Folge dreht sich das Gespräch vor allem um gedankliche Sequenzen, die Boehm entwickelt: die phänomenologische Zugangsweise zum Kunstwerk, »das Erhabene« als »eine Realität, für die ich nicht genügend Kapazität habe« und am Ende stellt Schöttle die Frage in den Raum »warum wir überhaupt unsere Arbeit tun« - Boehm im kunstgeschichtlich-philosophischen Bereich, Schöttle selbst als Galerist. Sinn stiftendes Merkmal bei der Auseinandersetzung mit Kunst ist für Boehm »die Erfahrung des Zusammenhangs«, die »sich an einer fragilen und kritischen Grenze bewegt«, »von Ungesichertem umgeben« und schließlich die Erfahrung der eigenen Identität ermöglicht.

Das Nachwort von Heinz Schütz füllt einige Wissenslücken des unbedarfteren Lesers zum näheren Verständnis der Lektüre aus. Dennoch hätten zitierte Eigennamen mit kurzer Erläuterung und Lebensdaten versehen, den Text sinnvoll ergänzt. Der Gesprächstext ist aufschlussreich, weil er recht unvermittelt in eine Gesprächssituation zweier Kunstinteressierter hineingeht. Theorielastig, aber dennoch lebendig durch die gegenseitigen Widersprüche und Missverständnisse, bleibt der Text vor allem auf eine kleine, ausgewählte Leserschaft ausgerichtet.

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