Buchrezensionen

Greenberg, Clement: Die Essenz der Moderne. Ausgewählte Essays und Kritiken. Hg. von Karlheinz Lüdeking, Hamburg: Philo Fine Arts 2009.

»Malerei und Skulptur können in vollständiger Weise nur das sein, was sie tun; wie funktionale Architektur und wie Maschinen beinhaltetet ihr Aussehen, was sie tun.« Nach Clement Greenberg erschöpft sich die Bedeutung von Gemälden und Skulpturen in ihrer visuellen Wahrnehmung. Ihn interessiert das faktische Vorhandene. Metaphysische, psychologische und politische Implikationen lehnt er in der bildenden Kunst ab.

Die Essenz der Moderne© Philo Fine Arts 2009
Die Essenz der Moderne© Philo Fine Arts 2009

Greenberg wurde damit zum Paten des Abstrakten Expressionismus und nahm eine Gegenposition zu Harold Rosenberg ein, der von jedem Kunstwerk einen intellektuell erschließbaren Inhalt verlangte. Am 16. Januar diesen Jahres hätte der New Yorker Greenberg seinen 100. Geburtstag gefeiert. Er war einer der einflussreichsten Kunstkritiker der Moderne. Deutsche Übersetzungen seiner wichtigsten Kritiken und Essays liegen nun in einer handlichen, kleinformatigen Neuauflage von Philo Fine Arts vor. »Die Essenz der Moderne«– so der viel versprechende Titel – beginnt mit einem aufschlussreichen Vorwort des renommierten Kunstwissenschaftlers Karlheinz Lüdeking.

Darin wird deutlich: Greenberg suchte nach Reinheit und plädierte für die Befreiung der Bildenden Kunst von Literatur und Metaphysik. Vermischungen der Disziplinen ertrug er nicht: Surrealistische Malerei bezeichnet er abwertend als »gemalte Literatur«. Sein Urteil orientierte sich an der Wirkung von Kunst, nicht am Inhalt. Reinste Malerei fand er bei Jackson Pollock, dessen Entdecker er war. Greenberg sieht Pollocks Leistung darin, als erster über das Staffeleibild hinauszuweisen. Er stellt ihn in eine Genealogie der europäischen Moderne und bezeichnet ihn 1947 als den bedeutendsten amerikanischen Künstler. Farbe, Raum, Maßstab und Rhythmus; mit diesen Kriterien beurteilte Greenberg was er sah. Auch Mark Rothko, Barnett Newmann und Clyfford Still bewunderte er, in deren Abstraktionen erblickte er eine reine visuelle Präsenz. Was überraschen mag:  Zum Meister des Abstrakten Expressionismus kürte Greenberg Hans Hoffmann. Aus Hoffmanns New Yorker Schule ging eine ganze Generation von abstrakten Künstlern hervor, wie Lee Krasner, Alan Kaprow und Joan Mitchell, um nur einige zu nennen.

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Im Anschluss an den abstrakten Expressionismus faszinierte Greenberg die luftige Farbfeldmalerei, die Künstler wie Helen Frankenthaler, Kenneth Noland, Morris Louis und Jules Oltinski im New York der 50er und 60er Jahre vertraten. New York bildete auch das Zentrum von Greenbergs Wirken, hier lebte und schrieb er — verehrte oder verabscheute Künstler, förderte und zerstörte Karrieren gleichermaßen.

Greenbergs zeitweise enormer Einfluss schwand jedoch nach der Hochphase des Abstrakten Expressionismus. Ein Grund dafür war seine strikte Ablehnung praktisch aller neuen Kunstrichtung nach 1960. Als die Pop-Art aufkam, die allen seinen Ansichten zuwider lief, geriet er in den Hintergrund. Was ist aber nun die Essenz der Moderne, die das Buch enthalten soll? Nach Greenberg ist es die selbstkritische Haltung des Künstlers gegenüber seinem Medium. Dieses Medium soll der Künstler wieder und wieder ins Zentrum seiner Untersuchungen rücken. Je radikaler er dabei vorgeht, umso besser. Einige seiner Thesen sind zeitlos geblieben, so auch seine Verteidigung der Kontinuität der Kunstgeschichte. Greenberg glaubt nicht an Brüche und Lücken in der stilistischen Entwicklung. Vom Künstler verlangt er, seine Originalität aus dem Vorhergegangenen zu entwickeln; Greenberg zufolge bezogen sich Duchamp auf Picasso, Pollock auf den Kubismus und Clyfford Still auf Monet.

Was heute auffällt: Wo sind die schwierigen, unkonventionellen, polemischen und autoritären Kritiker wie Greenberg geblieben? Seine sprachgewaltigen Texte überzeugen durch eindeutige Urteile. Wenn er Radikalität von den Künstlern verlangte, so hat er diese längst selbst verinnerlicht. Wer würde heute seinen Geschmack derart erbarmungslos verteidigen? Greenberg ist also aus mehren Gründen heute wieder lesenswert, auch wenn seine Texte in der deutschen Übersetzung etwas von ihrem Fluss und ihrer Dichte verlieren.

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