Ausstellungsbesprechungen

Grieshaber zum 100. Geburtstag

Im Februar 2009 wäre der 100. Geburtstag von Helmut Andreas Paul– kurz HAP – Grieshaber gewesen, dessen Name nahezu monolithisch für den Holzschnitt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht und dessen Vornamenskürzel hierfür schon zu einer Art Synonym geworden ist. Zwar ist die Tradition dieses Hochdruckverfahrens ungebrochen lebendig, aber neben Grieshaber gibt es nur wenige figurativ arbeitende Künstler im deutschen Südwesten von internationaler Geltung: Gert Fabritius könnte man nennen oder den aus Berlin kommenden, zeitweiligen Wahl-Karlsruher Carl-Heinz Kliemann, dann wird es schon schwierig.

Eine Grieshaber-Hochburg ist nach wie vor Reutlingen mit seinem Spendhaus, das sich zum wichtigsten Sammlungsort für den Künstler von der Achalm entwickelt hat und in regelmäßigen Ausstellungen auf Grieshaber und seine Wirkung aufmerksam macht. Schon deshalb sei auf eine Schau verwiesen, die bereits abgelaufen ist, aber mit einem Katalog einherging, der mit Fug und Recht fast alle anderen Jubiläumsveranstaltungen begleiten könnte und auch – als prächtig bebilderte, standardwerkverdächtige Publikation – begleiten sollte: »Grieshaber und die Moderne«. Er zeigt in über 200 Abbildungen sowie fundierten Beiträgen auch schon fast alles, was man braucht, um Grieshaber zu verstehen: Dazu gehören die konkreten Wirkungsorte genauso wie sein Blick aufs Ganze, der begleitet ist von prägenden Begegnungen wie der mit Picasso und anderen Künstlern mehr. Immer noch von manchen als altmeisterlicher Künstler belächelt, helfen solche Ausstellungen ernsthaft, dass der dreimalige Documenta-Teilnehmer endlich als einer der einflussreichsten Lehrer in der Region erkannt wird, der in seiner Karlsruher Zeit an der Akademie Schüler wie Dieter Krieg und Horst Antes hatte. Reutlingen machte in der besagten Ausstellung deutlich, wie eng Kunstkollegen wie Droese, Mansen, Penck u.a. sich wiederum an dem 1981 gestorbenen Grieshaber orientierten und so seine Wirkungsgeschichte bis heute nachvollziehbar ist.

In Kürze führt das Reutlinger Haus seine Grieshaber-Ehrung fort und zeigt den eigenbrötlerischen Holzschneider als »Grenzgänger« mit Blick auf die ehemalige DDR. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht der »Totentanz-Zyklus«, der in Leipzig gedruckt und in Dresden publiziert wurde – in den Zeiten des Kalten Krieges eine gesamtdeutsche Großtat. Über die im Juli beginnende Schau wird noch zu berichten sein. Während hier die Verdienste des korrespondierenden Mitglieds der Akademie der Künste der DDR (1978), des Trägers des Gutenberg-Preises der Stadt Leipzig (1978) und des Mitglieds des Internationalen Komitees der Biennale der Ostseestaaten in Rostock (1979) beleuchtet werden, hat sich die EnBW Energie Baden-Württemberg AG in Karlsruhe dem Wirkungskreis Grieshabers in der badischen Region zugewandt und zeigt Arbeiten aus der Bernsteinzeit und den Karlsruher Jahren. In den 1950er Jahren war Grieshaber Lehrer an der privaten Kunstschule im ehemaligen Kloster Bernstein bei Sulz am Neckar, das in den Nachkriegjahren nahezu Akademie-Weihen erhielt, bis die Kunstakademien wieder funktionstüchtig waren. Hier entfaltete Grieshaber seine Kunst und seinen Ruf als Weltklasse-Graphiker, knüpfte Freundschaft mit Lothar Quinte und ein (nach der Scheidung zweites) Ehebündnis, diesmal mit der Leiterin der Bernsteinschule, Riccarda Gohr, und er lernte Margot und Max Fürst kennen, die sein Werk nachhaltig und tatkräftig begleiteten. 1955–60 lehrt Grieshaber in Karlsruhe, wo er den Lehrstuhl von Erich Heckel übernimmt. Streitbar, wie er zeitlebens war, zerstritt er sich mit den dortigen Amtsträgern wegen Prüfungsordnungsfragen – in der Konsequenz trat Grieshaber zurück. Der Energie-Konzern, der am Rande des Kunstgeschehens schon beeindruckende Ausstellungen in die Wege geleitet hat (zuletzt war in der Durlacher Allee Nam June Paik zu sehen), zeigt rund 60 Holzschnitte, die vorwiegend aus Privatbesitz stammen und von einigen Museumsleihgaben (Ettlingen, Mülheim a.d.R., Recklinghausen – wo es im Frühjahr d.J. auch schon eine größere Grieshaber-Ausstellung gegeben hat, u.a.) bereichert werden konnten. Diese Schau, die von einem sehr schönen Begleitband flankiert wird, geht nach Karlsruhe an das Kultur- und Museumszentrum Schloss Glatt in Sulz am Neckar (ab 17. Juli) weiter.

Noch ein Schloss schmückt sich mit Grieshaber: Bis 4. Juli zeigt die Galerie Schlichtenmaier im Schloss Dätzingen, Grafenau, Grieshabers Werk als einen wichtigen Grundpfeiler der Galerie. Neben Holzschnitten aus den Jahren 1935–75 sind auch Unikate zu sehen, was den Besuch unbedingt sehenswert macht – so findet man hier beispielsweise den 250 x 200 cm großen Entwurf zum Marienteppich in der Kirche zum Guten Hirten Friedrichshafen, aber auch Zeichnungen, Aquarelle und einige der berühmten Malbriefe aus dem Nachlass oder aus der Fürst'schen Sammlung. Fast legendär sind die »Achalmdrucke«, deren kleine Auflagen den Ruhm des Meisters mitbegründeten. In der Stuttgarter Zweigstelle der Galerie, wo zurzeit ein großartige Otto-Dix-Schau mit Graphiken präsentiert wird, sind im Begleitprogramm weitere Grieshaber-Blätter zu sehen.

Wenn man den Spuren Grieshabers im schwäbischen und badener Raum gut folgen kann und so automatisch bzw. instinktiv auf sein Werk stößt, vermutet man in Mainz eher weniger eine biographisch begründete Grieshaber-Begeisterung, und in der Tat: Hier war die Technik das auslösende Moment. Sowohl das Dommuseum als auch das DGB-Haus – bezeichnenderweise zeigt sich hier die zum einen christliche, zum anderen politische Tradition des Holzschnitts – haben sich zurzeit dem oberschwäbischen Holzschneider verschrieben. Das Dommuseum beeindruckt mit rund 100 ausgewählten Hochdrucken, Gouachen und Plakaten, das Gewerkschaftshaus lenkt den Blick auf etwa 50 politische Plakate unter dem Titel »Vogelfrei«. Der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann hat darauf verwiesen, dass die Grieshaber-Arbeiten »auch heute noch eindringliche Zeugen (sind), die engagiert und leidenschaftlich für die Menschenwürde eintreten« – und das ist kein geringer Verdienst von HAP Grieshaber, und als Lob eines Kirchenmannes an einen der Kirche gegenüber mehr als kritischen Geist ist die Aussage schon ein Zeichen für die Bedeutung des Künstlers.