Ausstellungsbesprechungen

Hammershøi und Europa – Ein dänischer Künstler um 1900, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, bis 16. September 2012

Angesichts des nahen Ausstellungsendes der Münchner Ausstellung »Hammershøi und Europa« muss man diese Zeilen schon als letzten Aufruf verstehen: Im Schatten anderer Sommerausstellungen und vor allem des Blicks auf Kassel entging vielen eine thematisch so unspektakuläre wie inhaltlich atemberaubende Schau. Günter Baumann schildert Ihnen seine Eindrücke.

Der dänische Maler Vilhelm Hammershøi ist in Deutschland kein Unbekannter, aber in der europäischen Kunstgeschichte ein derart stiller Maler, dass sein Name noch immer hinter den Modernen der Jahrhundertwende um 1900 zurücksteht. Dabei hat eine hervorragende Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle im Jahr 2003 den Weg zu seiner Kunst gelegt, den man nun hätte aufgreifen können, um in der Münchner Hypo-Kulturstiftung das Bild eines der kühnsten und unterschwellig aufregendsten Künstler seiner Zeit abzurunden. Denn die Ausstellungsmacher, die das Konzept von Kopenhagen zwar übernommen, aber in der Präsentation abgewandelt haben, zeigen nicht nur Hammershøis bedrückende Abwesenheit der Dinge und Menschen, seine intensiven Geschichten, die nicht erzählt werden, kurzum: einen nahezu kafkaesken Bildraum, sondern sie stellen den dänischen Meister, der Rainer Maria Rilke fast zu einer Biographie angeregt hätte, in den europäischen Kontext: Von Fantin-Latour über Gauguin und Matisse bis hin zu dem Belgier Khnopff reicht die Parade der Malerkollegen, die gekrönt wird von dem sensationellen Bildnis von Whistlers Mutter, das – man glaubt es kaum – erstmals in Deutschland zu sehen ist.

Rilke schrieb über ihn: »Hammershøi ist nicht von denen, über die man rasch sprechen muss. Sein Werk ist lang und langsam und in welchem Augenblick man es auch erfassen mag, es wird immer voller Anlass sein, vom Wichtigen und Wesentlichen in der Kunst zu sprechen.« Überwältigend ist die Wiederkehr des Immergleichen: der unbestechliche Blick in die Interieurs, die physisch präsenten, aber gedanklich abwesenden Menschen. Und doch überrascht er dann immer wieder mit Intimitäten, die sich allein in der Darstellung seiner Frau auf zarte Weise andeuten, oder auffällige Unstimmigkeiten in der Dokumentation des Mobiliars – etwa wenn ein Tischbein fehlt, ein Sekretär oder ein Klavier an der Wand nicht stimmig anschließen. Hier nimmt Hammershøi surreale Momente vorweg, die etwa bei Dalí szenisch aufgegriffen werden. Fremdheit und Würde sind die assoziativen Pole, die die Spannung an sich langweiliger Motive aufbauen, und die malerische Kraft kann man bezeichnenderweise am ehesten im Vergleich mit der zeitgenössischen Literatur begreifen: neben Rilke muss hier Ibsen genannt werden, der genau die Stimmung rüberbringt, die man in der Kunstgeschichte nur selten findet. Ausnahmen finden sich – wie angedeutet – in der Ausstellung versammelt, wobei Referenzwerke wie die der Worpsweder Schule (z. B. Hans am Ende) oder zufällige Motivähnlichkeiten bei Matisse zeigen, wie singulär letzten Endes Hammershøi dasteht, der verdientermaßen als »nordischer Vermeer« in die Geschichte einging.

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