Ausstellungsbesprechungen

Harald Reiner Gratz – InSicht. Retrospektive der Arbeiten auf Papier, Kunsthaus Apolda Avantgarde, bis 7. September 2014

Fast alle Kunst beginnt mit einer Skizze, einer Zeichnung auf Papier. Zeichnen ist also das elementare Handwerkszeug eines Künstlers. Und es verrät viel über ihn. Rowena Fuß hat sich aktuell in der Retrospektive des thüringischen Gegenwartskünstlers Harald Reiner Gratz davon überzeugt.

Mit dem Namen des Thüringers Harald Reiner Gratz verbindet man meist furiose Malereien auf großformatigen Leinwänden, die bisher häufiger in Ausstellungen zu sehen waren als seine nicht geringer zu schätzenden Papierarbeiten.

»Die Zeichnung ist für mich die grundlegendste und wichtigste künstlerische Ausdrucksform. Wie bei jedem gestaltenden Künstler ist sie der erste und wegweisende Umgang mit der eigenen Seelennatur, mit dem, was einem innerlich am nächsten ist« wird der Künstler an der Wand im Untergeschoss zitiert, wo mehrere Akte und Porträts hängen.

Diese Innensicht, von der Gratz redet, nimmt auch der Titel der Apoldaer Schau auf. Insgesamt rund 100 Arbeiten auf Papier – Stift, Feder, Pinsel oder Mischtechniken – aus den letzten 30 Jahren werden präsentiert. Ganz ohne die Malerei geht es dann aber doch nicht. Und so begegnen wir einer Adaption von Jacques-Louis Davids »Tod des Marat« (1793) gleich im zentralen Raum des ersten Obergeschosses. Die gewählte Nahansicht lässt uns denken, Marat wäre beim Lesen in seinem Sessel eingeschlafen. Rechts über ihm erscheint in einer flammenden Fläche eine nackte Mädchenfigur. Träumt er? Und wenn ja, was für ein frivoler Traum ist das? Ist der Märtyrer der französischen Revolution ein Kinderschänder? Nein, nein. »Im großen Welttheater des Harald Reiner Gratz gibt es keine Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aber es gibt stets ein Augenzwinkern, das offen lässt, ob es nicht auch ganz anders sein könnte« wird Wolfgang Holler, Generaldirektor Museen der Klassik Stiftung Weimar, neben dem Werk zitiert.

Marat ist in seiner Wanne nicht allein. Zur doch recht intimen Badezimmeratmosphäre trägt der Rückenakt einer Frau bei, der just daneben hängt. (Eine Parodie auf Jan Vermeers »Briefleserin am offenen Fenster«?) Sie sitzt auf einem richtig alten Sturzklosett mit schwarzer Brille, hinter ihr baumelt die Kette für die Spülung. Sie liest in einer weißen Zeitung. Gratz hat sie mit erstaunlicher Detailgenauigkeit wiedergegeben. Wir sehen eine hagere, knochige Gestalt mit braunen leicht gewellten Haaren, bei der die Rippen durch die Haut scheinen und die Rückenwirbel hervorstehen. Ihre weiße Hose sitzt auf Halbmast an der Wade und bildet einen Kontrastpunkt zu den schwarzen Konturlinien ihres Körpers.

Gratz erinnert, setzt neu zusammen und verfremdet. Immer mit einem gewissen Witz versteht sich. So auch bei einer Arbeit die von weitem augenscheinlich neun weiße Pralinen mit Schokodrops zeigt. Von nahem betrachtet handelt es sich jedoch um sechs fast altmeisterlich wirkende Pierrot-Porträts und drei Köpfe von Schneemännern. Zur Absurdität der Darstellung trägt die rote Bildinschrift bei, die uns »Have the best Christmas ever« wünscht.

Gleichgültig, wie sehr er die Realität manipuliert, im Zentrum der Gratz’schen Arbeiten steht immer der Mensch und seine Beziehungen zu anderen. Dabei macht er auch vor dem Verlust aller Menschlichkeit nicht Halt, wie seine Zeichnungen zu Anna Seghers Roman »Das siebte Kreuz« deutlich machen. Im Buch schildert Seghers die Flucht von sieben Häftlingen aus einem Konzentrationslager bei Worms. Nur einem gelingt sie tatsächlich. Sieben Tage dauert seine Odyssee durch das Rhein-Main-Gebiet nach Holland, wo ihm Freunde und Fremde selbstlos helfen, obwohl sie sich durch ihr Handeln selbst gefährden. Gratz schildert in einfachen Zeichnungen Lagersituationen und Begegnungen. Seine Figuren erscheinen kantig, gedrungen und anonymisiert. Alles an ihnen wirkt abweisend. Dabei sollte genau dies aufrütteln und uns für das Geschilderte sensibilisieren.