Buchrezensionen

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore, Dumont Verlag 2018

Nein, Haruki Murakami muss man wohl kaum einem noch vorstellen. Mit seinem neuen, dieses Mal zweibändigen Roman hat er wieder einen Bestseller vorgelegt. Ob der sich lohnt, verrät Stefanie Handke.

Allein schon der Titel! »Die Ermordung des Commendatore« verrät bereits, wo es lang geht: ins Überirdische hinein. Mit diesem Zitat aus Mozarts Oper »Don Giovanni« macht Murakami eine Figur zum Titelgeber, die den Protagonisten der Oper fast schon in den Wahnsinn treibt. Und ähnlich ergeht es dem namenlosen Erzähler im Roman. Der hat es wahrlich nicht leicht: Seine Frau hat sich von ihm getrennt und nach einigem ruhelosen Umherirren im Land lässt er sich von einem Bekannten als Haushüter anheuern. Dessen Vaters Haus steht leer, seit dieser in ein Seniorenheim übergesiedelt ist. Und das passt perfekt zu unserem als Künstler, sagen wir: gescheitertem Protagonisten. Der ist nicht untalentiert, nein, aber er habe eben gemerkt, dass er mit Porträts im Auftrag von Firmen und Privatpersonen sein Geld sicherer verdienen kann als mit seiner Kunst. Und nun soll er ins Haus des »Meister Amada« ziehen, einem bekannten Maler – was könnte es also besseres für den Mittdreißiger geben?

Mit dem namenlosen Ich-Erzähler tritt vielleicht keine vollkommen gescheiterte Figur entgegen, aber eine, die sich ihrer Schwächen wohl bewusst ist, und die es gewohnt ist Abstriche zu machen. Die Trennung hat ihn aus der Bahn geworfen und doch nicht. Zwar betrachtet er all dies mit der stoischen Ruhe eines Menschen, der nicht viel erwartet und den zugleich nichts erschrecken kann. Und dennoch krempelt er sein Leben um, indem er zunächst davonläuft und in seinem alten Peugeot durch das Land tingelt bis dieser seinen Geist aufgibt. Erst dann wird er gezwungenermaßen wieder sesshaft, bleibt aber beim für ihn abseitigen: Statt sich eine Wohnung und einen neuen Job zu suchen, verkriecht er sich im einsam gelegenen Haus. Zugleich aber schildert er all dies im Ton eines übersatten modernen Mannes, der er ist: Abenteuer ist nicht. Stattdessen hat er sich dem Alltag ergeben und nutzt die Trennung als Gelegenheit kurz ins Abenteuer abzubiegen bis dieses wirklich wird.

Bis dahin aber nimmt er seine neue Umgebung in Augenschein, die ihm immerhin wieder Lust macht zu malen. Ja, nicht nur die Profession der Hauptfigur ist es, die Murakamis Buch durchzieht, der Autor scheut sich nicht über die Bedeutung der Malerei nachzudenken, über ihre Tücken und Schwächen, ihre Gefahren und ihr Potenzial. Sie ist das eigentliche Abenteuer im Buch, und das auf mehreren Ebenen: Zunächst erkundet er die Geschichte des Meisters Amada, der als regionale Größe gilt und als Meister der Nihonga-Malerei. Ein Rätsel bleibt dabei die Studienzeit in Wien; dort musste der Künstler den »Anschluss« Österreichs durch die Nationalsozialisten erlebt haben, zudem wandte er sich erst nach dem Studium dort der japanischen Malerei zu. Indes, das soll nicht das einzige Geheimnis bleiben. Um die Bilderwelt des Künstlers zu erkunden, muss der Protagonist die Stadtbibliothek aufsehen, denn im Haus hängt kein einziges Bild des Besitzers. Doch schleicht sich bereits die Aura eines anderen ein, denn irgendwie scheint der Meister im Haus doch präsent.

Noch geheimnisvoller wird es aber, als der junge Künstler das Paket auf dem Dachboden entdeckt, während er nach dem Verursacher nächtlichen Polterns sucht – eine Eule. Und dort findet sich sodann das geheimnisvolle Paket, das schließlich ein Nihonga preisgeben soll. Aber was für eines! Scheinbar hat es der Maler hier mit dem einzigen gewalttätigen Bild Amadas zu tun, das es obendrein wirklich in sich hat: das Blut fließt bei einem Duell in Strömen, und ein jüngerer Mann bringt den finalen Stoß gegen eine älteren an. Ein besonderes Werk, nicht nur dank seiner Eindringlichkeit, sondern auch aufgrund der lebhaften Szene. Diese spielt scheinbar im alten Japan, und dennoch hat der Erschaffer sich in der Titelvergabe mit »Die Ermordung des Commendatore« auf Mozart und die europäische Welt bezogen. Was hat es damit auf sich?

Da soll bei weitem nicht das einzige Rätsel bleiben: Ebenjener Nachbar, über den sich der Maler auf seinen Fahrten in die Stadt Gedanken macht, ersucht seine Agentur um ein Porträt, für das nur der Künstler in Meister Amadas Haus in Frage kommt. Und dieser Herr Menshiki will unbedingt Modell sitzen, bietet obendrein ein horrendes Honorar – also gesagt, getan. Aber auch dieser Mann bleibt wie das Nihonga-Bild ein Rätsel. Und obendrein wird der Künstler jede Nacht von einer Glocke geweckt, die er weder findet, noch zum Verstummen bringen kann.

Und so entspinnt sich ein Netz aus zahlreichen surrealen, aber auch zahlreichen banalen Momenten. Einerseits reflektiert unser namenloser Erzähler über die Affäre mit einer Zeichenschülerin, andererseits halten ihn das Geheimnis des Herrn Menshiki, die nächtliche Glocke und das faszinierende Nihonga-Bild in Atem, ja ziehen in in ihre Welt hinein, wecken aber auch seine Kreativität, bis er schließlich in einer der für Murakami typischen Parallelwelten landet.

Insbesondere ist das Werk neben einem typischen Nachdenken eine Hommage an die Kraft der Malerei, die hier alles auslöst und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verschwinden lässt. Das ist die große Stärke des Buches. Dabei bleibt Haruki Murakami seinem bewährten Rezept treu – Fans werden also ihre Freude haben.