Kataloge

Ingeborg Becker (Hrsg.): Stimmungslandschaften – Gemälde von Walter Leistikow (1865-1908), Bröhan-Museum und Deutscher Kunstverlag München/Berlin 2008.

Das Bröhan-Museum in Berlin, Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus widmet sich in seinem unlängst erschienenem Katalog und der gleichnamigen Ausstellung dem Werk des Berliner Landschaftsmalers Walter Leistikow. Leistikow, zu Lebzeiten einer der führenden Köpfe der Berliner Kunstszene, Mitbegründer der Gruppe der XI und der Berliner Secession, Freund von Max Liebermann, Lovis Corinth und Edvard Munch (gegen dessen Ausstellungsschließung in Berlin er 1892 mit dem Aufsatz „Die Affäre Munch“ protestierte) und unermüdlich wirkender Kunstförderer im Sinne einer fortschrittlichen, zeitgemäßen Kunstauffassung, ist heute fast in Vergessenheit geraten, auch in Berliner Kreisen. Antje Fleischhauer stellt uns diesen Katalog vor.

Dieser Katalog leistet einen wichtigen Beitrag zur Neubelebung des künstlerischen Werkes Leistikows, der bekannt und geschätzt wurde als „Maler der märkischen Landschaften“ und diesem Genre bis zu seinem Tode treu blieb.
So finden sich in seinem malerischen Œuvre, dessen motivliche Vorliebe zum Wasser der Katalog untersucht, vornehmlich Bilder der vielen Seen in der Mark Brandenburg, wie der Teufelssee, der Grunewaldsee oder der Schlachtensee. In unnachahmlicher Weise gelang es dem Maler die einzigartigen Stimmungen einzufangen, die die untergehende Sonne mit ihren letzten Strahlen auf die Spitzen von Bäumen und Seerändern zaubert. Ein Zeitgenosse, Otto Hach, beschrieb dieses Phänomen folgendermaßen: „Der Grunewaldsee, der Teufels-, Pech-, der Halensee, der Schlachtensee, der Wannsee und Scharmützelsee und noch viele andere dieser melancholischen, blauen, grünen oder schwarzen Augen der Natur haben es ihm angetan […]. Aber diese flüssigen Edelsteine allein,- ihre Fassung, ihre Umrahmung, die hochstämmigen, braunästigen Kiefern mit den dunklen, rauschenden Kronen, […] die rosa oder gelblich schimmernden Sandwege an ihren Ufern, sind in harmonischen Einklang gebracht. Und das alles in einer eignen, eben Leistikowschen Art […]. Ihre tiefsten Geheimnisse, ihr heimliches Weben und stilles Wesen, ihr leises Flüstern und dumpfes Rauschen haben sie dem dichtenden Maler anvertraut.“ Ingrid Becker weist in diesem Zusammenhang zu Recht auf die symbolische Bedeutung der Leistikowschen Bilder hin, deren wahrer Gehalt an das Transzendente rührt und dabei Seelenklang und Sehnsuchtsort in romantischer Tradition ist.
Der Katalog bezeugt, wie Leistikow als „künstlerischer Einzelgänger“ auf den Pfaden der märkischen Landschaftsmalerei wandelte (hinzu kommen Bilder aus Norwegen, Schweden und Dänemark) und für diese „Treue“ zum Genre und die daraus erwachsende Professionalität von Zeitgenossen und Künstlerfreunden hoch geschätzt wurde. Auch finanzielle Anerkennung hat der Maler noch zu Lebzeiten erfahren dürfen.
Die verschiedenen Einflüsse, die auf Leistikows Malerei wirkten, stellt der Katalog in den Aufsätzen zusammen, darunter der skandinavische Einfluss durch Freunde und Bekannte, wie Edvard Munch oder den Schweden Anders Zorn, der zeitgemäße Einfluss des Japonismus’ sowie des unmittelbar wirkenden Jugendstils und Art Decos. Dessen partielle Künstlichkeit lehnte Leistikow offen ab, betrachtet man jedoch die Tendenz zur Stilisierung in den Gemälden und in dem ebenfalls um 1900 entstandenen Kunsthandwerk, dann ging dieser Einfluss jedenfalls nicht spurlos an ihm vorüber. Dem Kunsthandwerk Leistikows ist ein eigener Aufsatz gewidmet, der sorgfältig Tapetenmuster, Wandteppiche, Möbel und Glasfenster zusammenträgt und deren Bedeutung für das Gesamtwerk Leistikows bestimmt.
Der Katalog bietet neben einem Überblick über Leben und Schaffen dieses außergewöhnlich leidenschaftlichen Malers einige Aufsätze, die der Frage nach den bevorzugten Motiven Leistikows und ihren Bedeutungen nachgehen. Ein eigener Aufsatz widmet sich dem Einfluss der skandinavischen Kunst, von der Leistikow behauptete: „Alle urwüchsige Kraft kommt aus dem Norden …“

Ein insgesamt lesenswerter Katalog, der sich mit liebevoller Hingabe einem stillen, bescheidenen Maler widmet, dessen „flüsternde Schatten und leise schwingenden Landschaften“ im lauten Strudel der Zeit leicht unterzugehen drohen.