Ausstellungsbesprechungen

Jahresschau der Lübecker Künstler und Die Kunst des Selbstporträts VII, Kunsthalle St. Annen, Lübeck, bis 14. Oktober 2012

Die Gemeinschaft Lübecker Künstler präsentiert sich in diesem Jahr an einem neuen Ort: sie fand Unterschlupf in den modernen Räumen der Kunsthalle St. Annen. Dazu sind an derselben Stelle zum insgesamt siebten Mal Selbstbildnisse aus der Sammlung Leonie von Rüxleben mit einem überraschenden Glanzlicht zu sehen. Stefan Diebitz hat beide Ausstellungen besucht.

Die Lübecker Künstler können auf eine stolze Tradition zurückschauen, denn in diesem Herbst können sie tatsächlich ihre 68. Jahresschau seit 1945 präsentieren. Unmittelbar nach dem Krieg ging es los, damals noch in der Katharinenkirche, und dann musste die »Vereinigung der Maler und Bildhauer«, wie es damals noch hieß, immer wieder den Ausstellungsort wechseln. Zuletzt war die Jahresschau für zweiundzwanzig Jahre in den wunderbaren spätgotischen Räumen des Burgtores heimisch geworden, das jetzt für das Hansemuseum umgebaut wird.

Nun also das St. Annen-Museum, das in Lübeck nicht allein für die mittelalterliche Kunst zuständig ist, sondern auch in seinem modernen Anbau die aktuelle Kunst präsentiert. Der Gegensatz zwischen den ebenso als heimelig wie auch krumm oder schief beschriebenen Räumen des spätgotischen Burgtores und der gut ausgeleuchteten, sehr hohen und dazu von den Künstlern als klar, ja sogar als elegant empfundenen Kunsthalle könnte größer kaum sein. Eigentlich alle anwesenden Künstler zeigten sich mit diesem Ort hochzufrieden. Bei der Präsentation hatte wohl Katharina Reinshagen den ersten Preis gewonnen, denn ihre vom abendlichen Dämmerlicht geprägten bläulich-geheimnisvoll schimmernden Hafenansichten aus Dänemark (»Hafenalltag I und II«) kamen vor einem tiefroten Hintergrund großartig zur Geltung. Aber überhaupt wurden die Räume der Kunsthalle gern angenommen und auch der Skeptiker muss zugeben, noch niemals einen derart samtweichen, papierglatt verarbeiteten Beton angefasst zu haben.

Zum vierten Mal hat die Jahresschau einen Preisträger: den Bildhauer Winni Schaak, der drei geschweißte Skulpturen in der Mitte des Erdgeschossraumes vorstellen durfte. »Konzentration I«, »Irritatta I« und »Durchbruch am linken Flügel« sind handwerklich sauber gearbeitete Objekte – die Schweißnähte sind fast unsichtbar – und warten mit perspektivischen Überraschungen auf, wenn man um sie herumgeht. Vor allem sind sie nicht massiv, wie es zunächst scheint, sondern aus schmalen Platten zusammengeschweißt, also hohl. Neben der optischen Täuschung kam es dem Künstler auf den Gegensatz zwischen einer weich gespannten Fläche und den scharfen Kanten an.

Die drei Arbeiten Schaaks passen sich sehr gut der Hauptströmung der modernen Kunst an, der es seit Jahren mehr um ästhetische Erlebnisse und Erfahrungen geht als um Bedeutung oder Symbolik. Eine große Ausnahme stellen in dieser Schau drei Fotos von Rainer Wiedemann dar, die in einem betont kühlen und modernen Design, aber im Rückgriff auf Motive des 17. Jahrhunderts das Vanitasmotiv darstellen. Der Künstler schreckte nicht einmal vor Totenköpfen zurück!

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Hausherr Torsten Rodieck erzählt gern die Anekdote, wie Schüler auf die Frage, was ihnen am Museum denn am besten gefallen habe, den Aufzug nannten, der allerdings sehr geräumig ist und ungewöhnlich weich anfährt. Er wurde jetzt für eine Installation von Regine Bonke ausgewählt, die auf einem großen Bildschirm unter dem Titel »Epilog« insgesamt 25 stark verfremdete Farbfotos des Burgtorklosters und damit den alten Ausstellungsräumen präsentiert. Auch ließ sie sich von einer großen weißen Wand zu einer Rauminstallation mit dem kryptischen Titel »O.T.« inspirieren. Wie Eisenbahnschienen laufen hier neun Körper die Wand hinauf.

Es liegt in der Natur einer Jahresschau, dass die ausgestellten Arbeiten sehr verschieden sind. Die Jury wählte zweiundsiebzig Arbeiten von achtunddreißig Künstlern aus, und darunter finden finden sich Bilder ebenso wie Skulpturen und Installationen, es gibt Figürliches wie Abstraktes. Trotz dieser Vielfalt ist es gelungen, die verschiedenen Objekte geschickt zusammenzufügen – so ließe sich für den obersten Raum das Motto »Naturstrukturen« angeben, mit denen sich die Fotos, Skulpturen und Bilder in sehr verschiedener Weise auseinandersetzen. Dominiert wird dieser Raum von einer Installation des Ehepaares Egelhaaf namens »Bambus - gehängt«, einer Art frei schwebendem, nämlich an Fäden aufgehängtem, Mikadadospiel, das sich leicht in Schwingungen versetzen lässt. Aber trotz dieser Vielseitigkeit ergibt sich – wahrscheinlich dank der sehr ähnlichen, in diesem Raum ins Graue spielenden Farbgebung – eine sehr einheitliche Atmosphäre.

Mit der Übernahme der Sammlung Leonie von Rüxleben, einer Kollektion von ungefähr 1200 Selbstbildnissen, ist das Museum die Verpflichtung eingegangen, in jedem Jahr einen Teil der Bilder auszustellen. Aber wie soll man Jahr für Jahr einen neuen roten Faden finden? So werden seit einigen Jahren die Selbstporträts (gelegentlich von sehr prominenten Künstlern) alphabetisch vorgestellt; und weil jetzt F und G dran sind, ist unter anderem der Charakterkopf von Günter Grass zu bewundern. Als das bestaunte Glanzlicht der Ausstellung stellt sich aber das Selbstbildnis eines der wohl besten und berühmtesten deutschen Schauspieler dar, des großartigen Gert Fröbe, der sich selbst in seinen schlanken Zeiten mit wenigen sehr gelungenen Strichen – ja: karikierte? Wer diese Zeichnung sieht, wird gleich auf die richtige Zeit tippen, den Anfang der fünfziger Jahre, als ein schlanker Fröbe den »Otto-Normalverbraucher« gab. Auf jeden Fall verrät die Zeichnung, dass dieser offenbar sehr begabte Mann auch noch genügend andere Talente besaß.