Buchrezensionen

Jarrs, Miriam: one day. Paintings and objects, Ausstellung vom 8. November 2006 bis 14. April 2007 in der HSH Nordbank AG London Branch, hrsg. von der Agentur Kunstraum Franziska Neubecker, Hamburg 2006.

In dem Katalog „Miriam Jarrs: one day“ begegnen wir den surreal anmutenden Werken der 1966 in Hamburg geborenen Künstlerin Miriam Jarrs.

Mögen auf den ersten Blick die Bildinhalte befremden, vielleicht auch bizarr wirken, so ist es letzten Endes doch die Dominanz der kraftvollen, intensiven Farben und der magischen Atmosphäre, die die Arbeiten durchdringen und sie für den Betrachter zu einem wunderbaren Seherlebnis werden lassen.

Für Miriam Jarrs sind die Farben abstrakte Komponenten, die den Betrachter magnetisch in die Tiefen des Bildes zu ziehen suchen. Es ist diese Koexistenz von Abstraktion und Gegenständlichkeit, wie es Sven Nommensen in seinem Katalogbeitrag formuliert, die durch die Wechselseitigkeit von Druck und Festigung am Ende eine bisweilen harmonische Stimmung evoziert.

Haben die Bilder bereits im Katalog eine enorm anziehende Wirkung auf das Auge des Betrachters, so ist vorstellbar, dass besonders die riesigen Formate, die Jarrs für ihre Arbeiten im Original gewählt hat, den Betrachter wie einen Magneten in die Bilder ziehen, ihn für Momente innehalten und verstummen lassen. Denn die Wirkung des Formats, die leuchtenden Farben und die Bildinhalte, die Türen zu Traum- und Märchenwelten aufstoßen, lassen den staunenden Betrachter nicht so einfach los.

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Miriam Jarrs gelingt eine ungeahnte Ausdrucksintensität, wenn sie Tiefe und Oberfläche, Licht und Dunkel ihrer Bilder in ein zauberhaftes, bisweilen gar märchenhaftes Lichtspiel taucht, das jeglichen Schattens entbehrt. Dieses wohl durchdachte, präzise eingesetzte Licht vermag die Oberflächenwahrnehmung zu durchdringen. Sven Nommensen spricht im Bezug zu Jarrs Farbgebrauch von einer Bewusstseinserweiterung, wenn er schreibt: „Only the use of colour as an awareness-expanding medium enables the essence of the traditional visibililty to be reached.“

Ungemein angezogen und fasziniert war ich von dem in Öl und Acryl gearbeiteten Gemälde „only up to the neck“ (2005), das auf den ersten Blick an einen Scherenschnitt denken lässt. Doch bei näherer Betrachtung öffnen sich neue, dem Betrachter unbekannte Welten, die erst entdeckt werden wollen. Im Hintergrund sind in tiefes Schwarz getauchte Baumstämme, die sich von einem lichten, in Weiß und zartem Grün gestalteten Grund abheben. Am rechten Bildrand jedoch entsteht eine erste Irritation für den Betrachter, da sich hier dünne, grüne Baumstämme zum oberen Bildrand hin erstrecken – es scheint zu einem Rollenwechsel von Licht und Schatten gekommen zu sein. Ein schwarzes Oval, das von weißen, flockenartigen Gebilden zum Rand hin durchbrochen wird, bildet den Hintergrund jener Bäume. Der Mittelgrund des Bildes ist von einem kräftigen, glühenden Rot durchdrungen, auf dessen linker Seite sich ein schwarzer Hügel von Baumästen auftürmt. Doch wirkt die Lichtgestalt, die beinahe zentral ihren Platz eingenommen hat, weitaus dominanter als das Schwarz der Äste. Die Gestalt, die an einen Knaben erinnert, steht mit leicht gespreizten Beinen und hängenden Armen vor einer schwarzen Fläche, in der sich die Silhouette der Figur spiegelt. Aber auch hier sind wir überrascht: das Spiegelbild ist ein Konglomerat all der im Gemälde verwendeten Farben, nicht aber gibt es die in zartem Gelb und strahlenden Weiß gestaltete Figur, wie sie der spiegelnden Fläche gegenüber steht, wieder. Aber es sind gerade diese den Sehgewohnheiten widersprechenden Elemente, die dem Bild seinen surrealen Charme verleihen.

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Nommensen hat die Bildsprache Miriam Jarrs in seinem Katalogbeitrag treffend erfasst, wenn er schreibt: „The timeless picture language of Miriam Jarrs offers a kind of hypertext of the human perception.“

Insgesamt überzeugt dieses Katalogwerk durch hervorragende Qualität der Abbildungen, einen wissenschaftlich fundierten, gleichzeitig aber sehr spannend zu lesenden Beitrag  von Sven Nommensen und natürlich durch die von Farbe durchfluteten, bisweilen märchenhaft anmutenden Arbeiten Miriam Jarrs. Ein herrlicher Katalog, der jedem ans Herz gelegt sei, der seine Wahrnehmung schulen möchte und von Kunst eine Bereicherung erwartet!

 

Nähere Informationen zum Katalog und dem Künstler

http://www.agentur-kunstraum.de

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