Ausstellungsbesprechungen

Juan Muñoz – A Retrospective

Sie scheinen perfekt zu sein: 100 identische Menschen, die zusammenstehen, sich begrüßen, miteinander reden und lachen. Alle haben dieselben asiatischen Gesichtszüge und sie sehen aus, als ob sie sehr emotional miteinander verbunden sind.

Mischt man sich darunter, fällt sehr schnell auf, dass sie alle etwas kleiner und an einer Interaktion nicht interessiert sind und somit den Betrachter isolieren. Der Überraschungseffekt, dass sie keine Füße haben, stellt sich erst sehr spät ein, da die Faszination über diese menschlichen Gestalten im Vordergrund steht.

»Many Times« (1999) heißt dieses Werk und steht im Mittelpunkt der Retrospektive des spanischen Künstlers Juan Muñoz (1953 –2001), der mit seinen cutting edge Skulpturen und innovativen Installationen als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler gilt. Die Tate Modern präsentiert die erste große Solo-Retrospektive in der U.K. und zeigt mit mehr als 70 Werken einen umfassenden Überblick seines künstlerischen Schaffens.

Muñoz’ Werke sind nicht einfach nur schön und faszinierend; sie geben Rätsel auf, sie überraschen, sie schockieren und konfrontieren. Ihre Perfektion ist oft eine Illusion, die zu entdecken es gilt. Sehr real wirken die »Hanging Figures« (1997), zwei menschlichen Figuren, die an einem Strick hängen, doch dieser ist, nicht wie üblich um den Hals gewickelt, sondern kommt aus der Zunge. Doch das ist typisch für Muñoz’ Werke. Er besitzt die Fähigkeit, Spannung zu erzeugen: zwischen Illusion und Wirklichkeit, Anschauen und Begreifen, der Isolation eines einzelnen in einer Menschenmenge. »Meine Charaktere benehmen sich manchmal wie ein Spiegel, der nicht reflektieren kann. Sie sind da, um Dir etwas über Dich zu erzählen, aber sie können es nicht, weil sie nicht zulassen, dass Du Dich selbst siehst.« so Muñoz über das wichtige Element Spiegel in seinen Werken wie »Starring at the Sea« (1997-2000), zwei maskierte Figuren, die in einen Spiegel blicken oder bei einem seiner letzten Werke »One Figure« (2000), einer gebückten Gestalt, die sich im Spiegel anschaut. Bei »Many Times« (1999) ist der Spiegel als Objekt zwar nicht vorhanden, jedoch verhalten sich die Figuren wie ein Spiegelbild zueinander. In vielen seiner Werke sind Begegnungen zu erkennen, welche die Konfrontation mit einem Spiegel suchen und sich ständig zwischen Selbsterkenntnis und Reflektion des anderen bewegen.

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Sogar bei den Zeichnungen »Raincoat Drawings« stellt der Spiegel eine zentrale Rolle dar. Beim Schlüsselwerk »Ventriloquist Looking at a Double Interior« (1988-2001) schaut die Figur auf zwei Zeichnungen, die spiegelverkehrt sind. Muñoz kreierte die Puppe eines Bauchredners (Ventriloquist = Bauchredner), die sich schlussendlich selbst als eigenständiger Erzähler entpuppt. 

»… Sie sitzt da und wartet darauf, dass Du zu sprechen beginnst. Sie spricht immer noch nicht, jedoch ermöglicht ihr ihre Identität, eine Geschichte zu erzählen.« Alle »Raincoat Drawings« zeigen spärlich möblierte Zimmer, die wiederum in ähnliche trostlose Räume führen. Es sind oftmals nur Fragmente der Möbelstücke zu erkennen, jedoch hat Muñoz kleine Überraschungen eingebaut wie z. B. ein Treppengeländer, das sich in verschiedenen Positionen in verschiedenen Zeichnungen wieder findet. Muñoz liebte es, Rätsel zu kreieren, jedoch ist es nicht immer einfach, seinen Spuren zu folgen.

Neben der Spiegel-Thematik war Muñoz von Beginn an von dem menschlichen Gehör fasziniert. »Oreja« (1984) ist eines seiner frühesten Werke, eine kleine Zeichnung von einem menschlichen Ohr. Das Gehör war für Muñoz der wichtigste Sinn, wichtiger als Sprechen. Reden zu lernen hängt von der Fähigkeit ab, sich selbst zu hören. Dies spielt in seinem komplexen Werk »The Wasteland« (1987) eine große Rolle. Eine Figur sitzt einsam auf einer Bank und überschaut den Raum, der wie eine Bühne wirkt und dessen Boden mit einem geometrischen Muster ausgelegt wurde. Würde die Puppe anfangen zu sprechen, könnte ihre Stimme den gesamten Raum erklingen lassen und die Show könnte beginnen. »… Das Bewusstsein, wie Dinge entstanden sind, kollidiert mit der Art und Weise, wie sie erscheinen. Der Prozess der Herstellung ist fundamental im Gegensatz zur Illusion, welche sie kreieren. Es ist sehr überraschend, wie sehr wir etwas sehen wollen, das nicht existiert« sagte Muñoz in seinem letzten Interview bevor er starb.

Am Beginn der Ausstellung sowie seiner Karriere stand das Werk »Spiral Staircase«, eine Treppenspirale, von der er sagt, dass sie »… sich endlos bewegt, sich aber immer wieder am selben Platz findet … Die Arbeit ist beides, die Lösung und die Suche nach ihr.« Muñoz war ein Intellektueller, ein Kosmopolit, ein Künstler, der sich nicht zufrieden gab, der immer weiter suchte, weiter getrieben wurde. Das Ende seiner Reise war gleichzeitig ein neuer Beginn. Seine künstlerischen Werke sind ein faszinierendes, komplexes und reiches Erbe, mit welchem man viel Zeit verbringen kann um es zu verstehen man oder von dessen Schönheit man sich einfach nur inspirieren lassen kann.