Buchrezensionen

Karsten Müller (Hg.): Ernst Barlach. Die Hölzer/Woodwork. Verlag Kettler

Die Publikation zum 150. Geburtstag von Ernst Barlach. Das Hamburger Ernst Barlach Haus hat das Jubiläum zum Anlass genommen, um eine umfassende Bestandsaufnahme der Holzskulpturen zu erstellen. Ausgehend vom eigenen Sammlungsbestand wurden zwischen Lübeck und Zürich alle erreichbaren Stücke aufwendig inszeniert und neu fotografiert. Ergebnis dieses Mammutprojekts ist die vorliegende Publikation, ein erstes umfassendes Überblickswerk zu Barlachs Holzskulpturen. Katja Weingartshofer hat sich den starken Band angesehen.

Cover © Kettler Verlag
Cover © Kettler Verlag

 Der Bildhauer Ernst Barlach schuf in dreißig Jahren – zwischen 1906/1907 und 1937 – rund einhundert Holzskulpturen. Er selbst nannte sie die meiste Zeit beiläufig »Püppchen«, doch in einem Brief an seinen Vetter Karl im Jahr 1914 rang er sich zu einer leidenschaftlicheren Bezeichnung durch und sprach von »holzgewordenen seelischen Erlebnissen«. Heute würde man definitiv auf die letztere Bezeichnung zurückgreifen, um sein geschnitztes Oeuvre zu beschreiben.
Das Hamburger Ernst Barlach Haus besitzt den umfangreichsten Bestand an Barlachs Holzskulpturen, seinem Kern–Oeuvre. Anlässlich des 150. Geburtstags des Künstlers im Jahr 2020 ließ es seine Hölzer neu fotografieren und in einen prächtigen Bildband drucken. 200 Gesamt– und Detailaufnahmen umfasst das halb in Leinen gebundene Werk, 72 der 85 erhaltenen und heute nachweisbaren Holzskulpturen werden darin ausführlich vorgestellt. Zwei Textbeiträge – ein kunsthistorischer zu Beginn und ein kunsttechnologischer am Ende – geben vertiefende Einblicke in Barlachs Schnitzkunst und die Entstehung seiner Hölzer, ein Verzeichnis versammelt alle dokumentierten Holzskulpturen und die zugehörigen Werkmodelle in Gips oder Ton. Außerdem gibt eine Tabelle Überblick über Größenverhältnisse und Holzarten. Nicht zuletzt eine Biografie. Alles in deutscher und englischer Sprache.

Natürlich kann eine Fotografie nie die Betrachtung eines Kunstwerkes vor Ort ersetzen, doch die grandiosen Bilder des Fotografen Andreas Weiss kommen sehr nahe an dieses Erlebnis heran. Ob Sorge, Trauer, Staunen, Einsamkeit, Schrecken oder religiöse Ekstase, vom Affen (1906/1907) bis zum Zweifler (1937) – die abgelichteten Skulpturen ziehen augenblicklich in den Bann. Die Gesichter und Hände der Figuren zeigen die in Holz geschnitzte Emotion am stärksten. Darüber hinaus aber lenken die Aufnahmen den Blick auf Details, wie etwa die vom Wind verwehten Gewandfalten des »Schäfers im Sturm« (1908), die schlaffe Haut der »Alten Frau mit Stock« (1913), die Rippen des »Asketen« (1925) oder das Buch des »Lesenden Klosterschülers« (1930), wodurch die Skulpturen auf den Fotografien noch intensiver erlebt werden können.

Karsten Müller, Leiter des Ernst Barlach Hauses in Hamburg, fordert in seinem kunsthistorischen Beitrag dazu auf, Barlach auf seinen »künstlerischen Holzwegen« zu folgen. Prägnant zeichnet er die Entwicklung von Barlachs Schnitzkunst nach.
Schon mit seiner Abschlussarbeit an der Dresdner Kunstakademie bewies der Bildhauer, dass er nicht viel von Gattungs– und Materialhierarchien hielt. Seine Gipsplastik »Krautpflückerin« sorgte 1894 an der Akademie für Aufsehen. Mit ihr manifestierte er seine nonkonformistische Haltung zu künstlerischer Arbeit und akademischen Regeln, die sich durch sein gesamtes Oeuvre zog: Statt patriarchale Würdenträger und Aristokraten in Marmor zu meißeln, schnitzte Barlach Mittellose, Versehrte, Bettelnde und Hadernde in das »niedere« Material Holz. Der Bildhauer selbst nannte die Genrefiguren seiner frühen Jahre »heimatliche Motive« – im Zentrum seiner Kunst: Die von der Gesellschaft an den Rand gedrängten. Müller schreibt den vor 1920 entstandenen Werken eine »dynamisch–extrovertierte Körpersprache« zu, wohingegen die Hölzer des Spätwerks der 1930er–Jahre einen kontemplativen Charakter aufweisen.

Für seine Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Holz konnte Barlach in Deutschland keine unmittelbaren Vorbilder finden, denn die Tradition der Holzbildhauerei war seit Langem unterbrochen. Anknüpfungspunkte boten lediglich die mittelalterliche oder fernöstliche Schnitzkunst. Auffallend ist aber: etwa zur gleichen Zeit schufen auch Paul Gauguin (1848–1903), Pablo Picasso (1881–1973) sowie die Brücke–Künstler Erich Heckel (1883–1970) und Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) Holzskulpturen. Doch mit deren weiblichen Akten nach außereuropäischen Vorbildern haben Barlachs Werke bis auf das Material nichts gemeinsam.

Barlach verwendete viele unterschiedliche Holzarten für seine Arbeiten. Ob er dabei gezielt nach speziellen Hölzern für bestimmte Figuren suchte, oder einfach darauf zurückgriff was im Moment zur Verfügung stand, ist noch nicht geklärt. Nicoline Zornikau, Restauratorin der Hamburger Kunsthalle, gibt einen spannenden Einblick in die kunsttechnologischen Untersuchungen an den Holzskulpturen und verrät dabei einen Trick Barlachs: Statt die Figuren aus Vollholz zu schnitzen, verwendete er lieber Blöcke, die sich aus vielen kleinen verleimten Hölzern zusammensetzten – eine eher seltene Methode, die tiefes Materialverständnis beweist. Als letzten Arbeitsschritt versah der Bildhauer seine Figuren mit einem Überzug, der in Farbigkeit und Deckkraft unterschiedlich in Erscheinung trat. Zornikau geht dabei der brisanten Frage nach, ob die Überzüge vom Künstler selbst stammen oder später hinzugefügt wurden. Fluoreszenz–Untersuchungen mit UV–Strahlung zeigen dabei auf, ob spätere Überarbeitungen vorgenommen wurden.

Dieser Katalog erschließt den Kosmos Barlachs Hölzer auf überaus erhellende Weise. Ganz gleich ob der Zugang sinnlich oder wissenschaftlich ist, ob man Barlach–Expert*in ist oder zum ersten Mal mit diesem bedeutenden Künstler in Berührung kommt, der Jubiläumsband ist in jedem Fall eine Bereicherung – von »hölzern« kann hier nicht die Rede sein.

Ernst Barlach. Die Hölzer/Woodwork
Karsten Müller (Hg.)
Verlag Kettler
Hardcover
352 Seiten

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